MAG 2002 Szene

Basis der S/4-Hana-Transformation

Die SAP-Bestandskunden bewegen sich in Richtung S/4 Hana. Wenige sind fast schon am Ziel. Andere suchen, evaluieren und planen noch. Für alle gibt es Grundsatzentscheidungen: Cloud, on-prem oder Hyper Converged Infrastructure? Der Round Table ist Orientierung und eine Anleitung zum Handeln.

Die Transformation zu Hana und S/4 ist mehr als ein technischer Releasewechsel und dennoch sollen auch die IT-Architektur und Infrastruktur ein wesentlicher Teil der Roadmap sein.

Die Entscheidung zwischen Cloud und on-prem ist nicht trivial, weil on-prem als Hyperconverged Infrastructure auch die Cloud im eigenen Rechenzentrum bedeuten kann.

Die Chancen und Herausforderungen einer S/4-Hana-Roadmap diskutierten Bas Raayman, Principal ­Architect bei Nutanix, Peter Goldbrunner, Country Manager Cen­tral Europe bei Nutanix, Peter Färbinger, Moderator und Chef­redakteur E-3 Magazin, Wolfgang Schwab, Principal Consultant/Analyst bei Teknow­logy, Meike Thoebel, Senior Sales Manager bei Fujitsu, und Michael Straub, SAP Proposition Manager EMEIA bei Fujitsu.

Winshuttle

Nutanix hat sich unter anderem auf die SAP-Community fokusiert und unterstützt die Anwender auf ihrem Weg nach Hana und S/4. Neben grundsätzlichen Überlegungen wie einer Brownfield- oder Greenfield-Transforma­tion müssen auch die Fragen nach der optimalen Datenhaltung und einer adäquaten Infrastruktur gelöst werden. Das Cloud-Modell bringt Vorteile, aber es gibt zahlreiche Cloud-Implementierungen inklusive Hyperconverged Infrastructure.

Faerbinger

Viele SAP-Bestandskunden haben eine lange Rechenzentrumshistorie. Zahlreiche Techniken kamen in den vergangenen Jahren zum Einsatz. Die IT-Infrastruktur war und ist immer eine wesentliche Erfolgskomponente.

Goldbrunner

Typischerweise besteht die Infrastruktur aus einem Teil Compute, wo ich verschiedene Serversysteme habe, dann habe ich einen Teil Storage in einem Rack und natürlich irgendwo noch das Netzwerk. In manchen Rechenzentren werden diese Komponenten noch mit einem Virtualisierungslayer ergänzt – also Compute, Storage, Netzwerk und eine Virtualisierungsschicht oben darüber.

Wenn ich alle diese Komponenten in einer eigenen-Softwareschicht integriere, die auf x86-bare-metal-Hardware aufsetzt, dann habe ich eine Hypercon­verged-Infrastructure- oder HCI-Lösung.

Bas Raayman

Bas Raayman, Nutanix: Ich abstrahiere noch weiter. Was Hyperconverged Infrastructure auszeichnet, ist das Reduzieren von Komponenten, die ich verwalten muss – also eine Reduzierung von operationeller Komplexität, Reduzierung von Risiken, zum Beispiel von Fehlkonfigurationen etc.

Die Kombination, das Konvergente, ist in der Definition schon enthalten. Es bedeutet auch die Vereinfachung der Administration. Hyperconverged Infrastructure ist eine Industrialisierung des Rechenzentrums.

Einzelne Aufgaben, die bisher separat zusammengebaut wurden, werden industrialisiert und als ein Konzept geliefert. Das Ganze ist hoch automatisiert und bringt eine Einsparung der Komplexität und vermutlich am Ende des Tages auch irgendwo an Kosten.

Faerbinger

Färbinger: Fujitsu hat eine erfolgreiche Historie vom Mainframe bis zum Cloud Computing. Ist Hyperconverged Infrastructure eine Bedrohung? Oder ist es eine Option?

Michael Straub

Es ist in keiner Weise eine Bedrohung. Wenn ich den Fokus auf SAP-Applikationen richte, dann sind Hyperscaler, Infrastructure as a Service und Cloud Computing eine Option und Hyperconverged Infrastructure eine weitere, interessante Möglichkeit, On-prem-Installationen als State of the Art zu betreiben.

HCI hat eine große Bedeutung auch für Fujitsu, weil viele unserer Kunden den SAP-ERP-­Core migrieren. Viele ERP/ECC-Anwender wechseln in die S/4-Hana-Welt und sind natürlich daran interessiert, diese Transformation auch in ihrer On-premises abzubilden. Unsere Kunden profitieren dabei von der Partnerschaft mit Nutanix.

Ebenso sehe ich auch noch weitere Optionen wie SaaS, Software as a Service. Eine S/4-Hana-­Migration wird nicht nur on-prem erfolgreich sein. Da kommen HR-Themen mit SuccessFactors oder Ariba hinzu. Herausforderungen wie Multicloud und hybride Welten sind offensichtlich.

Faerbinger

Wie sehen Sie diese Szenarien im SAP-ERP-Markt?

Meike Thoebel

Agilität ist ein wichtiger Aspekt, der uns auch im S/4-Hana-­Kontext bewegt. Denn einfache Skalierbarkeit ist ein zusätzlicher Mehrwert, den Kunden in diesem Zusammenhang nutzen wollen.

Bas Raayman

Das Thema „Hana“ ist auch aus der Datenbanksicht zu beurteilen. Dieses System ist dazu gemacht, um zu wachsen – nicht um kleiner zu werden. Wie kann ich weiterhin sinnvoll skalieren? Einfach nur Terabytes hinzuzufügen wird im Ende nicht die Lösung sein.

Schwab Wolfgang

Wie kann ich entscheiden, was ich aufheben muss und was ich getrost entsorgen kann? Und das ist letztlich die große Herausforderung bei allen Datenbanken und Systemmigrationen.

Ob es um SAP geht oder um andere ERP-Systeme. Alle Daten zu behalten ist einfach – kann man theoretisch mit beliebigen Kosten auch umsetzen. Nur, irgendwann performen die Systeme nicht mehr. Was kann ich loswerden, ist eine durchaus entscheidende Datenfrage.

Bas Raayman

Anerkannt ist, dass man Datenbanken normalisiert. Wir müssen Daten auch deduplizieren, damit die Systeme effizient und auch die Datenmenge überschaubar bleiben.

Ansätze wie die In-memory-Datenbanken haben gefühlt dieses Konzept völlig über Bord geworfen. Denn ich will alle Daten in verschiedenen Formen vorhalten, damit ich Analysen fahren kann.

Schwab Wolfgang

Es ist im Prinzip die Grundidee von Big Data. Ich kann nicht nur normalisierte Datenbanken betrachten, sondern im Prinzip alles, was da kommen will. Da liegt letztlich die Herausforderung. Inte­ressiert mich der Wetterbericht von vor zwei Wochen? Wahrscheinlich nicht mehr.

Aber zu entscheiden, das kann ich löschen, ist gefährlich. Es könnte sein, dass ich es vielleicht doch noch brauche, um im nächsten Schritt eine künstliche Intelligenz zu trainieren. Von daher ist es schwierig, aber am Ende des Tages muss man die Entscheidung treffen: Was kann ich mir letztlich betriebswirtschaftlich leisten?

Faerbinger

Hana hat sich nicht so schnell stabilisiert, wie sich das Professor Hasso Plattner vielleicht gewünscht hat. Der Betrieb von Hana ist eine gewaltige Herausforderung. Wenn ich Hana in eine Cloud gebe, habe ich auch Probleme delegiert. Will ich on-prem inklusive der Verantwortung für die Verwaltung oder gebe ich Hana in die Cloud?

Bas Raayman

Das Thema Verantwortung ist getrennt von dem Thema Verfügbarkeit zu sehen. Die Komplexität muss ich dennoch beherrschen, auch wenn ich in Richtung Public-Cloud-Anbieter gehe.

Das System will in jedem Fall aktualisiert werden – nur ist jemand anderer dafür verantwortlich. Aber die ausgelagerte Verantwortung hilft mir nicht, wenn ich in der Zwischenzeit nicht arbeiten kann.

Wenn ich keine eigene Kompetenz habe, kann sich das nachhaltig auf meinen Betrieb auswirken. Diese Situation ist unabhängig davon, ob ich in einer Public Cloud bin oder ob ich SAP in meiner Private Cloud betreibe.

Michael Straub

Ein Dienstleister, der Managed Services erbringt, hat genau die gleichen Möglichkeiten, unabhängig davon ob auf einer HCI oder in einer Hyperscaler-Welt. Wir haben Erfahrung bei beiden Konzepten.

Goldbrunner

Unabhängig vom Betreibermodell – die Dynamik in einer SAP-Umgebung hat sich erhöht. Deswegen verstehe ich das als Wunsch des Kunden, mit Servicethemen zu einer Fujitsu zu gehen oder vielleicht auch zu einem Hyperscaler, denn der Aufwand oder die Dynamik bringt Komplexität und erzeugt Aufwände.

Hier hilft eine neue Infrastruktur, die dieser Dynamik gerecht werden kann. Die Dynamik treibt den Bedarf für Anpassung und HCI ist eine der Optionen, wie ich diese Agilität kontrollieren oder für mich erschließen kann.

Meike Thoebel

Es ist ein Muss, agiler zu werden, da es immer mehr Daten gibt, die in einer gewissen Geschwindigkeit verarbeitet oder analysiert werden müssen. Hier hat Hana als Datenbank eine Schlüsselrolle. Um noch einmal auf die Applikationsebene zurückzukommen: Hier muss berücksichtigt werden, dass S/4 ein hybrides Modell ist, bei dem auch Teile in die Cloud ausgelagert werden müssen.

Faerbinger

Ist dieses hybride Geschäftsmodell eine Option für die Zukunft, mit der ich meine digitale Transformation ins Trockene bringe? Oder ist es eine Notlösung?

Schwab Wolfgang

Es ist eine Notlösung, die zukunfts­trächtig ist. Was sich abzeichnet, ist tatsächlich ein hybrides Multicloud-Modell. Sie haben Bestandsapplikationen, die Sie auch nicht mehr anfassen werden, weil das letztlich viel zu teuer ist. Sie verwenden Private Cloud und Sie haben natürlich Hyperscaler im Einsatz.

Was letztlich jeder haben möchte, wäre eine Managementebene darüber, die dafür sorgt, dass ich alles homogen verwalten kann, sodass ich etwa Workloads hin und her schieben kann. Und als ganz langfristige Strategie soll natürlich alles Richtung Hyperscaler gehen. Theoretisch! Praktisch ist es für viele Workloads einfach undenkbar.

Faerbinger

Mehr theoretisch oder mehr praktisch?

Schwab Wolfgang

Man kann Applikationen cloudfähig machen, also Native cloudfähig machen – wenn man viel Geld und viel Zeit hat. Wenn man sehr strategisch an die Transformation herangeht, kann man sich das überlegen.

Die meisten tun es nicht. Und mit Lift and Shift erreicht man wenig Vorteile, bedingt aber auch wenig Kosten. Aber strategisch ist das nicht. Daher dieser hybride Ansatz, der ist für die nächsten fünf bis zehn Jahre gesetzt. Und was danach kommt, das weiß im Moment wahrscheinlich niemand.

Bas Raayman

Sie sagen, Cloud ist der ultimative Ansatz. Geht es dabei nicht eher um die Vorstellung, was die Cloud bietet – sprich: das Konsumoptionsmodell? Ich kenne diese Cloud-Services und wenn man diesen Ansatz auch in seinem eigenen Data Center fahren kann, dann muss ich nicht unbedingt einen externen Cloud-Anbieter wählen.

Schwab Wolfgang

Cloud ist ein Betriebsmodell. Ob das eine Private Cloud oder eine Public Cloud ist, kann im ersten Ansatz nicht so entscheidend sein. Und wenn ich die Agilität auch on-prem gewährleisten kann, dann spricht erst mal nichts dagegen, das Cloud-Betriebsmodell im eigenen Haus weiterzuverfolgen.

Bas Raayman

Viele Anwender gehen in Richtung Public Cloud und stellen dann irgendwann fest: Es ist nicht unbedingt so billig wie gedacht. Wenn ich etwa Daten zurückbewegen muss, sind die Kosten ganz andere.

Auch das Konzept „Wenn ich die Cloud nicht benutze, zahle ich nicht dafür“ wird selten in aller Konsequenz gelebt. Klar habe ich die Vorteile, bei einem Serviceanbieter ein Stück weit die Verantwortung abzugeben.

Michael Straub

Kunden brauchen immer mehr Flexibilität – ob bei Hyperscalern oder einem Service von uns. Die Kosten sind mitentscheidend und wir spüren natürlich den Druck des Markts.

Eine Antwort darauf ist das Thema Hyper Converged Infrastructure. Generell teile ich die These, dass Hy­brid IT nicht nur das heutige, sondern auch das präferierte Modell der nächsten Jahre ist beziehungsweise sein wird.

Auch durch die Technologien von Nutanix wird eine „Renaissance“ von On-prem-Installationen stattfinden. Unsere Kunden sind dieser Entwicklung gegenüber sehr aufgeschlossen und begrüßen, dass wir solche Technologien auch für den On-prem-Einsatz anbieten.

Zugleich müssen wir aber auch aufzeigen, wie wir Hyperscaler-Angebote mit einbinden oder wie Testsysteme kostengünstig realisiert werden können. Weitere Aspekte sind die effiziente Einbindung von Disaster-Recovery-Systemen – die man hoffentlich nie braucht – und die Gewährleistung einer hohen Flexibilität insgesamt.

Goldbrunner

Fujitsu ist vermutlich eines der besten Beispiele für hybride Welten – auf der einen Seite Servicesanbieter, auf der anderen Seite ein renommierter IT-Hersteller.

Sie haben Mainframe-Wurzeln. Und das ist ein gutes Beispiel, wie es immer in der IT ist, dass neue Modelle ihre Berechtigung haben, aber nicht automatisch ältere Modelle ersetzen. Die IT-Welt ist hybrid und sie wird eine lange Zeit hybrid bleiben.

Faerbinger

Wenn man in der Produktionssteuerung das Thema Latenzzeiten betrachtet, kann es mit reinen Cloud-Systemen zu Herausforderungen kommen. Also ist vielleicht das eigene Rechenzen­trum mit einer Hyperconverged Infrastructure von Nutanix überlegen?

Bas Raayman

Was passiert, wenn der Service-Provider für diese Standleitung in die Cloud ausfällt? Deswegen glaube ich nicht, dass diese Cloud-Dezentralisierung für alle Firmen die Lösung sein wird. Hybrid wird in der Telco-Servicewüste Deutschland ein Thema sein.

Das mag vielleicht anders sein in nordischen Ländern mit Fiber-to-Home etc. Da sehe ich in Deutschland ein gewisses Spannungsfeld und wir können mit dem Ansatz Private Cloud definitiv Lösungen anbieten.

Schwab Wolfgang

Wenn es für Mission-Critical-­Systeme nur einen Telekom-Anschluss gibt, ist das natürlich generell abzulehnen. Und auf der anderen Seite gibt es die Physik. Wenn das Rechenzentrum in Frankfurt sitzt und Sie sind sonst wo, dann hat das einfach eine gewisse Latenzzeit.

Wenn Sie ihre Fertigung damit steuern, dann fallen fünf Teile runter, bis die Antwort vom Server kommt. Völlig unabhängig davon, wie breit die Leitung ist. Es ist reine Physik. Wie schnell ist das Licht?

Goldbrunner

Es gibt aber neben den technischen Dimensionen eine Grundsatzentscheidung, die der Kunde selbst aus dem Business heraus trifft. Will ich das? Verspreche ich mir einen Vorteil?

Die Motivation ist unterschiedlich gelagert. Und treibt dieses hybride Modell. Der größte Vorteil ist, ich kann selbst entscheiden, wohin ich gehe, ohne dass mir Technologie das zwangsläufig vorgibt.

Faerbinger

SAP-Co-Chef Christian Klein hat im E-3 Interview gesagt, SAP wird in Zukunft verstärkt einen Fokus auf on-prem legen. Er hat sogar wortwörtlich gesagt, dass strukturelle oder politische Zustände in gewissen Ländern es erfordern, ein eigenes Rechenzentrum zu besitzen.

Michael Straub

Das deckt sich auch mit unseren Erfahrungen. Viele unserer Kunden, die über Cloud Services nachdenken, verstehen darunter eher Platform as a Service und Software as a Service. Im Gespräch mit unseren Kunden kommen zudem häufig Fragen nach den Einsatzmöglichkeiten von SuccessFactors, Ariba, Concur oder Qualtrix. Generell sind aber beim Wechsel zu S/4 Hana primär Cloud-Angebote von SAP im Fokus.

Meike Thoebel

Natürlich hat die ganze SAP-Community das Jahr 2025 im Blick und in diesem Kontext wandeln wir ECC- in S/4-Hana-­Lizenzen. In diesem Zusammenhang ist es in der Tat so, dass einige Funktionen aus ECC mit S/4 Hana letztlich gar nicht mehr oder nur in geringerem Umfang verfügbar sind oder aus der Cloud bezogen werden müssen.

Bas Raayman

SAP hat uns viele Jahre lang gesagt, Cloud first, Cloud first, Cloud first. Aus gewissen Gründen kann ich nicht alles aus der Public Cloud heraus machen. Das Datum 2025 rückt aber näher. Was passiert dann jetzt mit mir, wenn ich nicht unbedingt in die Cloud wandern kann? Ich glaube, einige Kunden haben sich da ein Stück weit verlassen gefühlt.

Faerbinger

Ist der Weg in die Cloud überhaupt zu empfehlen? Gibt es eine Cloud-­Exit-Strategie bei SAP?

Bas Raayman

Alle Cloud-Anbieter haben eine Strategie. Es ist sehr einfach, in die Cloud zu gehen. Aus ihr heraus zu migrieren bringt unterschiedliche Kosten und Mühen mit sich. Dementsprechend kann ich nur die Empfehlung abgeben, bevor man den Weg in die Public Cloud antritt, zu überlegen, was passiert, wenn es kein Erfolg wird.

Schwab Wolfgang

Entscheidend ist letztlich die Menge der Daten. Einen Container mit Applikationen von A nach B zu migrieren ist Standard ohne großen Aufwand. Das ist eine Angelegenheit von fünf Minuten und die Sache ist erledigt.

Wenn da ein Terabyte Daten dranhängt, dann kann das dauern. Weil dann müssen Sie ganz am Anfang mit dem Provider ausmachen, wie dick das Kabel ist, an dem meine Daten hängen, wenn ich diese rausholen möchte. Nicht für den Betrieb – da sind die Kapazitäten fast immer ausreichend.

Aber in dem Moment, wo ich beschließe, der Vertrag wird beendet. Mit welcher Geschwindigkeit kriege ich dann meine Daten? Und wenn Sie dann feststellen, dass Sie dafür ein halbes Jahr brauchen, dann haben Sie ein Problem.

Faerbinger

Wenn wir versuchen, alles im Blick zu behalten, das Betriebswirtschaftliche, das Organisatorische, das Technische und das Lizenzrechtliche, enden wir bei dem, was nach einer DSAG-Umfrage sehr viele SAP-Bestandskunden vom Bauch her fühlen – wir bleiben on-prem?

Meike Thoebel

Ich glaube, darauf wird es rauslaufen. Wenn wir uns anschauen, was im Markt passiert, dann liegt die DSAG-Umfrage wahrscheinlich richtig. Wir machen auch entsprechende Studien.

Im Moment sehen wir eine Größenordnung von zehn Prozent der SAP-Bestandskunden, die auf S/4 Hana sich bewegen – mit einem System. Nicht komplett. 50 Prozent planen.

Diese Kunden haben noch nicht angefangen, aber sie planen in die Richtung. Und 40 Prozent sind überhaupt noch am Überlegen, was sie generell machen. Was mache ich denn mit meinen Lizenzen, wenn die in der Cloud sind? Da sind Überlegungen, wo SAP vielleicht auch gar nicht mehr der richtige Partner ist.

Und wie das ausgeht, das weiß man nicht, da muss man schlichtweg abwarten. Und ob 2025 ein harter Anschlag wird? Es ist relativ. Es ist ja nicht so, dass 2025 jemand einen Stecker zieht und die Systeme laufen nicht mehr.

Goldbrunner

Vermutlich hat SAP-Co-Chef Christian Klein mit dem On-prem-Ansatz lediglich reflektiert, was die Situation am Markt ist. Er sollte natürlich SAP auf die Interessen der Kunden ausrichten und das gleichzeitig mit der eigenen Unternehmensvision zusammenbringen. So gesehen ist es eine richtige Reflexion, eine Wiedergabe der Situation. Nicht alle Kunden werden in die Cloud gehen.

Meike Thoebel

Es besteht tatsächlich noch eine große Unsicherheit bei den Kunden. Unsicherheit auch da­hingehend, ob sie all ihre Geschäfts­prozesse, die sie heute haben – inklusive aller Modifikationen und Z-Programme –, in der neuen Welt abbilden können.

Und schlussendlich ist die Migration auch ein großes Investment – trotz der Anrechnungsmodelle, die es ja gibt. Aber es ist für Unternehmen auch ei­ne große Chance!

Wichtig dabei ist es, auch die ganze Belegschaft einzubinden. Die Mitarbeiter müssen geschult werden. Die haben seit Jahr und Tag mit ihren bisherigen Syste­men zu tun gehabt und müssen sich jetzt komplett neuen Abläufen und Prozessen stellen.

Dieser Aspekt kommt in der Diskussion meines Erachtens immer zu kurz. Und ich weise in meinen Kundengesprä­chen immer darauf hin, dass es nicht nur um eine neue Infrastruktur geht, sondern dass eine solche Migration einer ERP-Neueinführung gleich­kommt, was aber letztendlich auch eine große Chance ist.

Michael Straub

Wir sind hier auf dem Fujitsu Fo­rum 2019 und im Vergleich zu den Vorjah­ren haben wir dieses Jahr eine Rekord­anzahl an S/4-bezogenen Expert Talks. In den vergange­nen Jahren war das Interesse bei Weitem noch nicht so groß.

Ich teile die Ein­schätzung von Herrn Schwab, dass wir ab 2020 mit einer weit höhe­ren Anzahl an S/4-Hana-Transformations­projek­ten zu rechnen haben.

Bas Raayman

Wir haben ähnliche Erfahrungen bei Nutanix gemacht. Ich war in einigen von den Expert Talks dabei. Man sieht verstärkt die Nachfrage.

Meike Thoebel

Weil das Datum 2025, wenn wir mal dabeibleiben, ja auch immer näher rückt.

Bas Raayman

Und diese Projekte führt man nicht in drei Monaten durch. Gerade mit den Z-Transaktionen, meinem Customizing muss ich überlegen, diese anzupassen, oder ich muss meine Arbeitsweise umstellen. Die Menge an Beratern ist beschränkt. Ich glaube, da gehört Aufklärung durch den Partner definitiv dazu.

Michael Straub

Definitiv. Nur die Angst vor dem immer näher rückenden Datum 2025 darf nicht der alleinige Antrieb sein.

Schwab Wolfgang

Wenn man sich die Projektkosten für entsprechende Migrationen anschaut, dann muss auch mehr drin sein, als wir wechseln das System. Wenn der technische Releasewechsel das Einzige ist, dann brauchen wir nicht anfangen.

Faerbinger

In dieser ganzen Unsicherheit, was könnte man einem klassischen SAP-Bestandskunden raten, wie er seine Architektur, seine Infrastruktur gestalten soll?

Goldbrunner

Die Infrastruktur möglichst flexibel gestalten, sodass ein Wechsel, wann auch immer er stattfindet, nicht durch Infrastruktur begrenzt oder unnötig erschwert wird.

Und während der SAP-Bestandskunde das plant, dafür zu sorgen, dass sein eigenes Betriebskonzept, ob er das selbst macht oder ob er das vielleicht bei der Fujitsu beauftragt, so agil gebaut ist, dass er die Vorteile, die er in der Cloud möglicherweise bekommt, idealerweise selbst im Rechenzentrum schon erfährt.

Bas Raayman

Es ist wichtig, nach den Business-Anforderungen zu schauen. Wenn ich in der Zwischenzeit technisch migrieren muss, weil meine Hardware irgendwie ausgelaufen ist, kann ich immer noch meine Serviceverträge verlängern, bis meine Strategie sich weiter herauskristallisiert hat.

Deswegen wäre meine initiale Empfehlung: SAP-Bestandskunden, analysiert, was ihr mit eurem Business erreichen wollt. Und plant eure Strategie entsprechend.

Michael Straub

Wir bieten Discovery Workshops, bei denen wir zwei Tage vor Ort beim Kun­den eine Ist-Analyse vornehmen – und zwar bereits aus der Applikationssicht. Die Kernfrage dabei ist: Wie könnte eine Roadmap Richtung S/4 Hana aussehen?

In einem zweiten Schritt kommen dann die entsprechenden Infra­structure Assessments und wir besprechen die Fragen rund um die Lizenzen.

Meike Thoebel

Zudem bieten wir natürlich auch spezielle Workshops, bei denen wir uns detailliert und granular den Lizenzbestand des Kunden anschauen und auf dieser Grundlage ein Mapping erstellen und Optimierungen vorschlagen beziehungsweise vornehmen.

Faerbinger

Dem Analysten gehört das Schlusswort. Ein Großteil der SAP-Community beobachtet und überlegt noch?

Schwab Wolfgang

Es wird noch beobachtet. Wo sich relativ viele Anwender sicher sind, dass es on-prem stattfinden soll. Was durchaus erstaunlich ist. Und dass es im Eigenbetrieb stattfinden soll.

Wenn Sie jetzt noch zwölf oder 18 Monate warten und bis dahin den Status quo beibehalten, dann kommen Sie irgendwann an einen Punkt, wo Sie feststellen, jetzt muss ich handeln. Ich kann aber nicht handeln, weil, bis ich mir Gedanken über die Infrastruktur mache und eventuell über Lizenzen etc., die Zeit abläuft oder abgelaufen ist.

Dann gibt es zwei Möglichkeiten, entweder ich finde noch einen Dienstleister, der irgendwie Zeit hat, oder ich gehe tatsächlich den Greenfield-Approach – das will immerhin ein Drittel der Anwender tatsächlich machen. Mit Customizing sieht es dann – je nachdem wie spät man dran ist – eher schlecht aus. Von daher passe ich dann mein Unternehmen der Software an.

Das sind wir aus den SaaS-Umgebungen gewohnt. Von daher ist das vielleicht auch gar nicht so schlecht. Strategisch sinnvoll ist, man macht sich jetzt Gedanken über die Infrastruktur. Wie die generell aussehen muss, eigentlich schon fast losgelöst auch von SAP.

Weil die Fragestellungen hat man ja generell. Ich habe alte Systeme, die weiter betrieben werden sollen. Ich habe neuere Systeme, die aber vielleicht on-prem bleiben sollen, später in einer Cloud-Umgebung. Und die Flexibilität und auch die entsprechende Managementschicht darüber, die kann ich heute aufbauen.

Die nimmt mir auch keiner weg, wenn ich dann sage, ich hätte jetzt gerne Hana. Das ist letztlich ein sinnvoller Ansatz. Ich habe heute das Infrastruktur­thema oder Infrastrukturmanagement zu lösen.

Strategisch, wo will ich eigentlich hin? Und ich habe jetzt beziehungsweise vielleicht noch ein bisschen später, aber nicht viel später, das SAP-Thema. Aber zu warten, das kann es eigentlich nicht sein.

Faerbinger

Danke für das Gespräch.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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