Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 1907

Bipolare Störung

Editorial
[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

„Cloud First“ und S/4 Hana – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, oder? Mittlerweile weiß es jeder SAP-Bestandskunde: Cloud Computing ist nicht preiswerter als das gute alte Rechenzentrum. Was also mit S/4 tun?

Das Schwanken zwischen Cloud Computing und eigenem Rechenzentrum ist berechtigt und logisch: Viele Parameter aus den Bereichen Betriebswirtschaft, Organisation, Technik und Lizenzrecht sind zu berücksichtigen und zu bewerten.

Heute geht kein SAP-Bestandskunde in die Cloud, weil es „preiswerter“ ist. Die IT- und ERP-Welt ist nachhaltig komplex, sodass eine Reduzierung auf das eingesetzte Kapital viel zu kurz greift.

Nachhaltig komplex: Eine SAP-Installation ist kein Ponyhof und ein Releasewechsel kein teurer Abenteuerurlaub. Wer sich für S/4 und Hana entscheidet, entscheidet sich nicht nur für ein neues ERP inklusive Datenbankplattform. Aus diesen Entscheidungen erwachsen neue Fragen und Aufgaben.

Fujitsu

Offiziell spricht SAP nicht darüber: AnyDB – Oracle, IBM DB2, Microsoft SQL-Server etc. – war und ist für R/3 und ERP/ECC 6.0 lediglich ein besseres Filesystem für Ablage und Sicherung der ERP-Daten.

Oracle, IBM und Microsoft können mehr – das durften sie im SAP-Umfeld aber nie beweisen. Hana ist eine hochkomplexe und extrem leistungsfähige Datenbankplattform mit zahlreichen Engines und Prozessen.

Datenbanktechnisch wird der SAP-Bestandskunde mit Hana aus der IT-Steinzeit in die nahe Zukunft katapultiert inklusive bipolarer Störungen: Große Hana-Datenbankinstanzen können nach einem Absturz für den Wiederanlauf auch mehrere Tage brauchen. Data Scientists sind über das „Echtzeitverhalten“ einer Hana-Datenbank absolut begeistert und wollen nie wieder mit etwas anderem arbeiten.

Offiziell spricht SAP nicht darüber: Der ERP-Konzern hat seine Hausaufgaben im Bereich „In-memory-Computing-Datenbanken“ nicht sorgfältig abgeschlossen und ist mit Hana viel zu früh losmarschiert.

Seit vielen Jahren immer wieder die gleichen Szenen auf der Sapphire-Bühne in Orlando: Professor Hasso Plattner rechtfertigt seine Erfindung und präsentierte neue Erkenntnisse und Techniken. Dieses Jahr war es „Persistent Memory“ von Intel.

Ein Hana-Server mit Persistent Memory kann das Wiederanlaufen nach einem Absturz von Stunden auf wenige Minuten verkürzen – die SAP-Community jauchzt himmelhoch! Andere Baustellen existieren noch: Hana 1 oder Hana 2 inklusive zahlreicher Versionsupdates.

Ein Schweizer Kontakt aus der SAP-Community schrieb mir, dass ich mit meiner Hana-Phobie maßlos übertreibe! Einen Wechsel von AnyDB zu Hana könne er in wenigen Wochen für ein paar Tausend Euro jederzeit organisieren. Das ist richtig!

Vorab muss der geplagte SAP-Bestandskunde aber evaluieren, auf welche Hana-Version er wechseln darf, kann und muss. Der technische Versionswechsel mag kein Problem mehr sein. Was aber, wenn das Budget knapp ist, der Leistungsanspruch hoch und die SAP-Banking-App zum Customizing ansteht?

„Banking“ ist nur für Hana 1 freigegeben und bis vor Kurzem war für Hana 1 nur HPs teurer Superdome zertifiziert, wenn man von den überholten Hana-Appliances absieht. Hier hat das SAP’sche Hana-Angebot eine weitere bipolare Störung.

Hana und S/4 on-prem oder in der Cloud? Für SAP-Chef Bill McDermott eine leichte und schnell zu beantwortende Frage: Cloud First!

Ein CIO eines großen Handelsunternehmens investierte einst viel in das eigene Rechenzentrum. Hana kam zum Laufen und stolperte. Das Handelssystem war glücklicherweise noch nicht produktiv, denn der Wiederanlauf von Hana dauerte mehr als eine Woche.

Resümee des CIO: Wenn Hana, dann nur in der SAP-Cloud, damit SAP die eigene Suppe allein auslöffeln muss.

Auch wenn Bill McDermott am Mantra „Cloud First“ festhält, das eigene Angebot scheint ihn nicht restlos zu überzeugen: Mit dem Programm „Embrace“ bewirbt und umwirbt er die Hyperscaler AWS, Google und Microsoft.

Wohin nun mit Hana und S/4, fragt sich der verunsicherte SAP-Bestandskunde: Ins eigene Rechenzentrum, zu SAP oder zu Cloud-Drittanbietern, denn nicht nur die drei führenden Hyperscaler haben hübsche Hana-Angebote. Die Hana-Cloud-Szene hat aktuell eine bipolare Störung, oder?

Der Riss geht mitten durch SAP: Zahlreiche Community-Mitglieder beklagen ein sehr bipolares Verhalten der SAP bei der Diskussion „on-prem“ gegen „Cloud“. Während nach langjähriger, erfolgreicher R/3-Zusammenarbeit der On-prem-Support für ERP/ECC 6.0 noch immer reibungslos läuft und die Kommunikation zwischen Bestandskunden, Anwendervereinen und SAP harmoniert, erleben viele Anwender in der Cloud genau das Gegenteil: Individualität ist unerwünscht!

Die Cloud-Standardisierung macht den Bestandskunden das Leben schwer. SAP’sche Ansprechpartner für Modifikationen sind kaum zu finden. Anwendervereine finden kein Gehör bei Cloud- und Integrationsthemen.

Ein breiter Diskurs betreffend Cloud-Integration und Hybrid Cloud findet somit nicht statt. Diese Bipolarität könnte schon bald viele Anwender in ihre eigenen Rechenzentren flüchten lassen, denn Cloud Computing ist nicht preiswerter.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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