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Sapphire 2019 Orlando: War da was?

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Christian Klein, SAP-Vorstandsmitglied und Chief Operating Officer, auf der Sapphire-Keynote-Bühne 2019 in Orlando.
Geschrieben von E-3 Magazin

So still, bescheiden und unspektakulär wie dieses Jahr war die SAP-Hausmesse Sapphire noch nie! Die SAP-Community erwartete eine perfekte CRM-Suite C/4 und die abschließende Integration der Cloud-Zukäufe aus den vergangenen Jahren auf einer Hana-Plattform – und wurde enttäuscht.

Die Erwartungshaltung war hoch, das Sapphire-Ergebnis bescheiden: Professor Hasso Plattner begann seinen launigen Auftritt auf der Sapphire mit der Bemerkung, dass nun nach SAP-Chef Bill McDermott seine Low-Cost-Keynote folgen würde.

Am Tag zuvor stand McDermott auf der Sapphire-Bühne und versprach den angereisten Bestandskunden eine fantastische Zukunft. Was die gesamte Sapphire am meisten prägte, waren die Visionen und Strategien der SAP-Vorstände, denn Konkretes gab es nur wenig.

Alles wird besser, versprachen Bill McDermott und Vorstandsmitglied Christian Klein. Für einen langjährigen SAP-Bestandskunden sind naturgemäß diese Versprechen schwer zu glauben, denn das gesamte SAP-Cloud-Business hat mit dem Abgang von Vorstand Rob Enslin zu Google den Mastermind verloren. Nun müssen sich gleich drei Vorstandmitglieder um diese SAP-Baustelle kümmern: Christian Klein, Jennifer Morgan und Jürgen Müller.

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Im SAP-Backoffice und hinter der Sapphire-Bühne schaut es nicht gut aus. Die Reißleine musste Finanzvorstand Luka Mucic ziehen und einen zweiten Capital Markets Day in New York für dieses Jahr ankündigen. Eine absolute und bei Weiten nicht geplante Neuigkeit bei SAP.

Somit war die sarkastische Kritik von Hasso Plattner an seinen Vorrednern nur berechtigt: Er würde jetzt eine Low-Cost-Keynote halten ohne Unterstützung seines langjährigen Partners und Technikvorstands Bernd Leukert. Der neue SAP-Technikvorstand Jürgen Müller scheint noch nicht reif für die große Sapphire-Bühne zu sein.

Auch Plattner konnte sich dem allgemeinen Sapphire-Trend „ein Versprechen auf die Zukunft“ nicht entziehen. Eines seiner Lieblingsworte war „Hockey Stick“. Damit deutet er an, dass SAP momentan noch in einer Selbstfindungsphase nach den Zukäufen wie Callidus und Qualtrics ist und dass die Datenbank Hana eine Plattform für das „intelligente Enterprise“ werden könnte.

Wenn SAP ihre Hausaufgaben in den kommenden Jahren macht, dann könnte die Umsatz-, Margen- und Aktienkurve wie die Form eines Hockey Sticks abheben. Aber das ist eben nur ein Versprechen auf die Zukunft.

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Fake News? Für wechselwillige SAP-Bestandskunden wurde zwecks Therapiemaßnahme dieser Käfig in Orlando vorgehalten. Foto: SAP

Selbst die wohlwollende SAP-Anwendergruppe DSAG sieht die Gegenwart noch voller ungelöster Herausforderungen.

„Ariba, Hybris, Concur, Fieldglass, Callidus und zuletzt Qualtrics: Die Akquisitionspolitik von SAP hat in den vergangenen Jahren zu einem massiven Bedarf geführt, Systeme und Stammdaten zusammenzuführen. Wir sehen, dass die von SAP zugekauften Lösungen noch gewisse Integrationsschwierigkeiten mit sich bringen.

Dass die Integration der einzelnen Komponenten noch nicht zufriedenstellend ist, haben wir SAP gegenüber bereits kommuniziert. Aus unserer Sicht gibt es Anzeichen, dass SAP bereits an der weiteren Integration arbeitet und, wie auf der Sapphire angekündigt, im Bereich des Kundenmanagements mit der Customer Data Cloud eine erste Lösung anbietet“

meinte DSAG-Chef Marco Lenck die Ankündigungen in Orlando kommentierend.

Definitiv wie ein Hockey Stick wird sich das weltweite Datenvolumen entwickeln. Big Data überfordert das Hana-Datenbankkonzept, wo das Paradigma lautet, alle Daten sind im Hauptspeicher. Aber SAP hat vorgesorgt: Mit dem Kauf von Sybase 2010 wurde SAP der Besitzer der Datenbank ASE (Adaptive Server Enterprise), die eine ähnliche Architektur zeigt wie Hana, aber festplattenorientiert ist.

Aus der Kombination von In-memory Computing Hana und Sy­base ASE lassen sich nun sehr große, hybride Datenbanksysteme für das kommende Big Data bauen. Der SAP-Bestandskunde bekommt dann mit der Hana-Plattform das Beste aus zwei Welten: das schnelle In-memory Computing und den preiswerten Plattenspeicherplatz.

Cloud-Integration und Datenbanken sind nur zwei der vielen Baustellen, die Plattner bei SAP sieht, und er hoffte, dass die SAP-Mitarbeiter ihre Komfortzone sowie klimatisierten Büros verlassen und an die Arbeit gehen. Ein Hilfsmittel könnte nach Meinung von Plattner der Zukauf Qualtrics werden.

Mit dieser Softwareplattform soll es möglich sein, sehr schnell und präzise Rückmeldungen vom Markt zu bekommen. Damit könnte man dann die eigene Entwicklungsarbeit besser planen. Jedenfalls hat Plattner seinen Vorstandschef von der Sapphire-Bühne aus aufgefordert, die Innovationsgeschwindigkeit deutlich zu erhöhen.

Hasso Plattner sieht in Zukunft die SAP-Bestandskunden überwiegend in der Public Cloud mit einem kontinuierlichen, unsichtbaren Releasewechsel von Hana über S/4 bis Qualtrics. Es war hart, SAP aufzubauen, meinte Plattner, und es wird noch härter für die Mitarbeiter, prophezeite er.

Kennen Sie noch SAP R/2 oder R/3, R/3 Enterprise (Version 4.7) und ERP/ECC 6.0? SAP-Bestandskunden sind gut beraten, die Geschichtsbücher hervorzuholen, um die vielen Andeutungen und Anekdoten von SAP-Aufsichtsratsvorsitzendem Professor Hasso Plattner zu verstehen.

Plattner rechtfertigte die weltweiten Entlassungen bei SAP mit der Notwendigkeit, Altlasten loszuwerden, um neue Entwicklungen schneller in den Markt zu bringen. SAP-Chef Bill McDermott und Plattner nennen es Reorganisation.

Aber Hasso Plattner betonte in seiner Sapphire-Key­note und auf der anschließenden Pressekonferenz, dass offensichtlich das erfolgreiche ERP-Konzept (R/2, R/3 und ECC 6.0) der Vergangenheit keine Basis für Hana, S/4, BW/4 und C/4 in der Public Cloud sein kann.

Plattner wünscht sich von seinem Vorstandsvorsitzenden Bill McDermott eine neue SAP in der Public Cloud mit kurzen Innovationszyklen und kontinuierlicher Maintenance.

Was Plattner auf der Sapphire in Orlando verlangte, ist in der SAP-Community unter Greenfield bekannt: Der Releasewechsel auf Hana und S/4 erfolgt auf der grünen Wiese und ohne Altlasten. Somit ist es wesentlich einfacher, das komplexe Konstrukt aus Hana und S/4 in Gang zu bringen.

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Professor Hasso Plattner während seiner Sapphire-Keynote – die Antwort: Hockey Stick.

Und mit dem Greenfield-Ansatz braucht man auch nicht die erfahrenen Mitarbeiter aus der Vergangenheit, die Bill McDermott aktuell weltweit vor die Tür setzt. Die nach Orlando angereisten SAP-Bestandskunden sind mit diesem Greenfield-Ansatz überhaupt nicht einverstanden.

Wer seit vielen Jahren erfolgreich ein SAP-ERP-System betreibt, hat einen sehr wertvollen Datenschatz angesammelt, der natürlich auch in einem neuen S/4-System zur Verfügung stehen sollte. Die Experten nennen den sanften Übergang von R/3 nach S/4 auch Brownfield und man kann alle wichtigen Daten mitnehmen.

Die Sapphire 2019 in Orlando war die ganz große Bühne für die Qualtrics-Gründer Ryan Smith und Jared Smith. SAP-Chef Bill McDermott wurde nicht müde, sich selbst zu loben, dass er noch vor einem geplanten Börsengang das Unternehmen Qualtrics um acht Milliarden US-Dollar erwerben konnte.

Viele Sapphire-Kunden waren von der Qualtrics-Präsentation durch Ryan Smith während der McDermott-Keynote von der Software beeindruckt. Auch Professor Hasso Plattner zeigte sich zufrieden über den Zukauf und plauderte sehr angeregt während seiner Keynote mit Jared Smith, dem Bruder von Ryan.

Bill McDermott und Hasso Plattner betonten sowohl in ihren jeweiligen Keynotes als auch in den anschließenden Pressekonferenzen die Notwendigkeit und Brillanz der Qualtrics- Übernahme. Was beide aber dem Publikum verschwiegen: Der aktuelle SAP-Geschäftsbericht 2018 zeigt deutlich, dass SAP selbst Qualtrics wesentlich dringender braucht als vielleicht die SAP-Community und eine im Entstehen begriffene SAP’sche CRM-Suite.

Qualtrics ist ein System, das einem den Spiegel vorhalten kann. Die Software analysiert unterschiedlichste Datenquellen und wertet diese hinsichtlich Beliebtheit, Akzeptanz, Zufriedenheit, Loyalität etc. aus. Das Marketing nennt es Experience Management.

Wie die Bestandskunden im vergangenen Jahr SAP wahrgenommen und akzeptiert haben, findet sich im SAP-Geschäftsbericht 2018: Während im Jahr 2017 noch fast 18 Prozent der befragten Bestandskunden das Unternehmen SAP weiterempfohlen hätten, war dieser Wert im vergangenen Jahr negativ.

2018 gab es um fünf Prozentpunkte mehr Bestandskunden, die SAP in keinem Fall weiterempfehlen würden, als solche, die sich zum ERP-Weltmarktführer bekennen. Unter Experten gilt diese „Weiterempfehlungsbereitschaft“ als wesentlicher und nachhaltiger Wert, weswegen auch SAP diese jährliche Untersuchung in ihrem Geschäftsbericht offiziell aufnimmt. Inwieweit dieses Stimmungsbild relevant ist und was sich daraus ableiten lässt, will SAP zukünftig für sich selbst mit der Qualtrics- Software erheben.

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SAP-Chef Bill McDermott, die Qualtrics-Gründer Jared und Ryan Smith sowie SAP-Finanzvorstand Luka Mucic (im Uhrzeigersinn) in Orlando.

Plattner hat in seiner Sapphire-Keynote angedeutet, er wisse, dass die Bestandskunden in ihren Rechenzentren keine Releasewechsel wollen. Seine Empfehlung: die SAP Public Cloud! Aktuelle Umfragen zeigen aber, dass die SAP-Bestandskunden auch dieses Angebot nicht sehr schätzen, sondern lieber zu den Hyperscalern Amazon, Google und Microsoft gehen.

Somit präsentierte Bill McDermott am letzten Tag der Sapphire auf der großen Bühne gemeinsam mit ausgewählten Bestandskunden das Programm „Embrace“. Intern wurde diese „Umarmung“ der Hyperscaler bereits beim SAP-Field-Kick-off-Meeting (Fkom) im Januar dieses Jahres vorgestellt. Letztendlich ist es die Erkenntnis, dass SAP mit ihrer Public Cloud bestenfalls eine Alternative zu AWS, Google Cloud Platform und Microsoft Azure sein kann.

Embrace ist ab sofort öffentlich und soll die Cloud-First-Strategie von McDermott vorantreiben. Ob Plattner von seiner Empfehlung für die Public Cloud durch Embrace abrücken wird, war nicht zu verifizieren.

Während also Plattner und McDermott in Orlando definitiv den Greenfield-Ansatz in der Public Cloud bevorzugen, scheinen die allermeisten SAP-Bestandskunden den sanften Weg mittels Brownfield im eigenen Rechenzentrum zu wählen. Wunsch und Wirklichkeit: Während Plattner in der Public Cloud sein Zuhause findet, ist Bill McDermott wesentlich realistischer.

Kommentar: Trotz Cloud-Euphorie kommt es auf die Daten an

 

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Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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