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Qualtrics wird SAP nicht retten

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Die Sapphire 2019 in Orlando war die ganz große Bühne für die Qualtrics-Gründer Ryan Smith und Jared Smith.

SAP-Chef Bill McDermott wurde nicht müde sich selbst zu loben, dass er noch vor einem geplanten Börsengang das Unternehmen Qualtrics für SAP um 8 Milliarden US-Dollar erwarben konnte.

Was nach McDermotts Darstellung die perfekte Ergänzung zur C/4-Strategie sein soll, ist in Wirklichkeit ein Rettungsring für SAP selbst. Viele Sapphire-Kunden waren von der Qualtrics-Präsentation durch Ryan Smith während der McDermott-Keynote von der Software beeindruckt.

Auch Professor Hasso Plattner zeigte sich zufrieden über den Zukauf und plauderte sehr angeregt während seiner Keynote mit Jared Smith, dem Bruder von Rayn. Bill McDermott und Hasso Plattner betonten sowohl in ihren jeweiligen Keynotes als auch in den anschließenden Pressekonferenzen die Notwendigkeit und Brillanz der Qualtric-Übernahme.

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Was beide aber dem Publikum verschwiegen: Der aktuelle SAP-Geschäftsbericht 2018 zeigt deutlich, dass SAP selbst Qualtrics wesentlich dringender braucht als vielleicht die SAP-Community und eine im entstehen begriffene SAP´sche CRM-Suite.

Qualtrics ist ein System, dass einem den Spiegel vorhalten kann. Die Software analysiert unterschiedlichste Datenquellen und wertet diese hinsichtlich Beliebtheit, Akzeptanz, Zufriedenheit, Loyalität etc. aus. Das Marketing nennt es Experience Management.

Wie die Bestandskunden im vergangenen Jahr SAP wahrgenommen und akzeptiert haben findet sich im SAP-Geschäftsbericht 2018: Während im Jahr 2017 noch fast 18 Prozent der befragten Bestandskunden das Unternehmen SAP weiterempfohlen hätten, war dieser Wert im vergangenen Jahr negativ.

2018 gab es um fünft Prozentpunkte mehr Bestandskunden, die SAP in keinem Fall weiterempfehlen würden, als solche die sich zum ERP-Weltmarktführer bekennen. Unter Experten gilt diese „Weiterempfehlungsbereitschaft“ als wesentlich und nachhaltiger Wert, deswegen auch SAP diese jährliche Untersuchung in seinem Geschäftsbericht offiziell aufnimmt.

Inwieweit dieses Stimmungsbild relevant ist und was sich daraus ableiten lässt, will SAP zukünftig für sich selbst mit der Qualtrics-Software erheben. Die vorliegenden Zahlen aus den Jahren 2017 und 2018 sind nur teilweise vergleichbar, weil die Berechnungsmethode adaptiert wurde.

Aber fest steht, dass signifikant weniger Bestandskunden eine SAP weiterempfehlen als noch vor zwei Jahren. Hasso Plattner betonte somit in seiner Sapphier-Keynote, dass SAP sich zukünftig schneller und flexibler bewegen muss.

Agilität, kürzere Innovationszyklen, kontinuierliche Versionswechsel erscheinen dem Aufsichtsratsvorsitzenden die adäquate Antwort auf die aktuelle SAP-Krise. Mit Qualtrics will er sich und Bill McDermott ein realistisches Bild machen.

Auf der Sapphire in Orlando war jedoch keine Begeisterung für die Erhöhung die „angedrohten“ und kontinuierlichen Versionswechsel beim Publikum zu verspüren. Jede Änderung eines ERP/CRM-Systems bedeutet einen Mehraufwand in der Organisation.

Viele SAP-Bestandskunden haben ganz andere Herausforderungen als jedes Jahr die ERP-Software auf den neuesten Stand zu bringen. Ein Phänomen, das nicht nur SAP, sondern auch Microsoft mit Windows und Office kennt.

Hierbei geht es nicht um das notwendige Budget für ein neues Software-release, sondern um die Nacharbeiten wie Schulung, Testen und Datenmanagement. Welches Chaos SAP mit einer zu schnellen Release-Politik anrichten kann berichtete das E-3 Magazin exklusiv in einer aktuellen Hana-Reportage.

Mehr als zwei Jahre nach der Präsentation von Hana 2 auf der SAP TechEd in Barcelona laufen im SAP-eigenen Rechenzentrum noch immer 70 Prozent aller Hana-Server auf Version 1. Etwa zehn unterschiedliche Hana-Versionen (Service Packages) sind momentan bei SAP selbst gleichzeitig im Einsatz. Hier sollte Bill McDermott und Hasso Plattner beginnen aufzuräumen – und dazu braucht man auch kein Qualtrics.

Plattner hat in seiner Sapphire-Keynote angedeutet, er weiß, dass die Bestandskunden in ihren Rechenzentren keine Releasewechsel wollen. Seine Empfehlung: die SAP Public Cloud! Aktuelle Umfragen zeigen aber, dass die SAP-Bestandskunden auch dieses Angebot nicht sehr schätzen, sondern lieber zu den Hyperscalern Amazon, Google und Microsoft gehen. Somit präsentierte Bill McDermott am letzten Tag der Sapphire auf der großen Bühne gemeinsam mit ausgewählten Bestandskunden das Programm „Embrace“.

Intern wurde diese „Umarmung“ der Hyperscaler bereits beim SAP Field-Kick-off-Meeting (Fkom) im Januar dieses Jahres vorgestellt. Letzendlich ist es die Erkenntnis, dass SAP mit seiner Public Cloud bestenfalls eine Alternative zu AWS, Google Cloud Platform und Microsoft Azure sein kann.

Embrace ist also ab sofort öffentlich und soll die Cloud-First-Strategie von McDermott vorantreiben. Ob Plattner von seiner Empfehlung für die SAP Public Cloud durch Embrace abrücken wird, war in Orlando dieses Jahr nicht zu verifizieren.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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