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Dominion gegen SAP: Arglistige Täuschung

[shutterstock.com: 187864790, rangizzz]
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Mit einem alten Lizenztrick von der Jahrtausendwende hat SAP Mexiko vielleicht 2012 und 2013 nochmals versucht, die eigene Bilanz aufzubessern. Stein des Anstoßes sind OEM-Verträge, die manchmal Partner, aber fast immer SAP reich gemacht haben.

Ende Februar 2019 hat ein Zivilgericht in Mexiko-Stadt eine Pfändung der mexikanischen Firmenkonten des Softwarekonzerns SAP veranlasst. Insgesamt sollten etwa zehn Millionen US-Dollar als Sicherungsmaßnahme gesperrt werden.

Einer entsprechenden Aufforderung des Gerichts kamen die Hausbanken von SAP nach, sodass insgesamt über zwanzig Millionen US-Dollar auf den SAP-Konten eingefroren sind. Hintergrund der Kontopfändung sind Täuschungsvorwürfe gegen SAP, die seit einigen Jahren im Raum stehen.

Ein Zivilgericht in Mexiko-Stadt hat Ende November vergangenen Jahres dazu eine Klage des spanischen Technologiekonzerns Dominion Group mit Hauptsitz in Bilbao zugelassen.

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„Dies ist der zweite Versuch der Dominion Group, diese Ansprüche gegen SAP geltend zu machen“

erklärte SAP-Finanzvorstand Luka Mucic auf eine schriftliche Anfrage des E-3 Magazins:

„Die Staatsanwaltschaft in Mexiko hat bereits im ersten Anlauf der Dominion Group zu Recht keine Beweise für die aufgestellten Behauptungen gefunden. Da es sich um ein laufendes Rechtsverfahren handelt, möchten wir uns derzeit nicht weiter äußern.“

Zweiter Anlauf

Nun scheint sich das Blatt zugunsten von Dominion zu drehen und der Schaden könnte mittlerweile höher sein als die 2013 erstandenen SAP-Lizenzen um zehn Millionen Dollar. Anfangs wurden für diese Lizenzen 2,2 Millionen Dollar Pflegegebühr pro Jahr gezahlt.

Würde man die Zinsen auf das eingesetzte Kapital berechnen, dann nähert man sich wahrscheinlich den nun eingefrorenen zwanzig Millionen. Die Lizenzen sind nicht mehr gültig, und Dominion habe die Servicegebühr auch nicht mehr bezahlt, erklärte Juanan Goni, Pressesprecher von Dominion, gegenüber dem E-3 Magazin.

Juanan Goni

Warum SAP die Lizenzen nicht einfach zurücknahm, ist die offensichtlichste Frage. Juanan Goni meinte dazu im E-3 Gespräch:

„Wir haben SAP dazu mehrmals die Möglichkeit gegeben. Wir haben zum Beispiel den Vorschlag eingebracht, die Lizenzen einfach intern bei Dominion und bei Aktionären unseres Unternehmens anzuwenden, anstatt sie weiterzuverkaufen. SAP hat diesen Vorschlag abgelehnt.

Wenn die Lizenzen produktiv gewesen wären, wäre es einfach gewesen, sie zu verwenden. So aber mussten Dominion und CIE, damaliger Gesellschafter von Dominion, für interne SAP- Systeme nochmals Lizenzen erwerben.

Wir wären auch damit einverstanden gewesen, die Lizenzen gegen andere auszutauschen, die wir dann an Kunden weiterverkauft hätten, aber SAP hat auch diesen Vorschlag nicht angenommen.“

Der Schritt an die Öffentlichkeit ist für SAP eine dramatische Eskalation, weil der deutsche IT-Konzern immer auf ein makelloses Bild in der Öffentlichkeit bedacht ist.

Die meisten Probleme werden hinter verschlossen Türen gelöst, sowohl bei Bestandskunden, Partnern als auch User Groups. Warum war das im Fall von Dominion nicht möglich?

„Das ist mehr eine Frage für SAP selbst“

erwidert Juanan Goni und erklärt:

„Wir dachten nämlich ebenfalls lange, dass wir dieses Problem hinter verschlossenen Türen regeln würden. Wir konnten jedoch leider nie den richtigen Gesprächspartner ausfindig machen, trotz unserer zahlreichen Kontaktversuche, E-Mails und Briefe.

Wir dachten zuerst, es läge da­ran, dass das Problem lokal gebunden war. Aber als wir dann den SAP-Vorstand kontaktiert haben, der weit mehr als nur SAP Mexiko kontrolliert, haben wir begriffen, dass SAP nicht vorhatte, dieses Problem mit uns zu lösen.“

Der Hintergrund dieser nun bekannt gewordenen Geschichte ist ein kultureller: SAP weigert sich bis heute in allen Fällen, eigene Lizenzen zurückzunehmen, und vermeidet bisher erfolgreich einen Präzedenzfall.

Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe, DSAG e. V., fordert schon seit vielen Jahren „atmende“ SAP-Systeme, wo der Bestandskunde die Möglichkeit bekommt, dynamisch Lizenzen zu aktivieren und stillzulegen oder zurückzugeben.

Weil aber SAP mit diesem Lizenzmodell, das nur in eine Richtung geht, bisher sehr gute Geschäfte machte, wird sich daran nichts ändern. Warum auch? Es begann um die Jahrtausendwende vor dem Platzen der Dotcom-Blase.

„In der Mittagspause läutete immer das Telefon und wir haben genau gewusst, hier will wieder jemand 1000 SAP-Lizenz bestellen“

erzählt ein ehemaliger SAP-Vertriebsmitarbeiter.

„Aber abgehoben haben wir nicht. War nicht notwendig. Das Geschäft lief hervorragend und wir wussten, dieser Kunde ruft wieder an.“

Luca Mucic

Heiliges Gut: Lizenzen

Damals entstand auch die Idee der OEM-Lizenzverträge: Ein SAP-Partner als VAR (Value Added Reseller) oder Channel-Partner kauft OEM-Lizenzen von SAP (Original Equipment Manufacturer). Er veredelt die Lizenzen zum Beispiel zu einer Branchenlösung und verkauft diese weiter an einen Endkunden.

Im Fall der mexikanischen Tochter von Dominion war es die Branchenlösung „Bank in a Box“. Weil zwischen den SAP-Partnern und SAP selbst aufgrund von Lizenzierungen, Kundenkontakten (Leads) und Sponsoring immer ein Abhängigkeitsverhältnis existiert, war auch der Verkauf und Kauf von OEM-Lizenzen nicht immer marktkonform.

In Deutschland konnte es demnach auch passieren, dass die SAP-Tochter Steeb oder der SAP-Partner T-Systems nicht immer aus eigener Überzeugung mehr Lizenzen kauften, als vielleicht notwendig war. Für SAP war es in jedem Fall ein wertvoller Umsatz.

Nach dem E-3 Magazin vorliegenden Informationen wurde die Praxis des OEM-Lizenzvertriebs in dieser Form weitgehend eingestellt, weil Softwarelizenzen, die nicht beim Endkunden operativ genutzt werden, laut US-GAAP (United States Generally Accepted Accounting Principles) auch in der Bilanz nichts verloren haben.

Relaunch Mexiko

Offensichtlich wurde das in Deutschland angewendete Verfahren nun in Mexiko wiederbelebt. Das spanische Technologie­unternehmen Dominion Group wirft dem Walldorfer Softwarekonzern arglistige Täuschung vor.

Konkret sollen Verantwortliche von SAP in den Jahren 2012 und 2013 im Rahmen des SAP-Partnerprogramms MCaaS (Managed Cloud as a Service) ihren Vertriebspartnern OEM-Softwarelizenzen in großen Mengen zum Weiterverkauf an mexikanische Unternehmen übertragen haben.

Die Grundlage seien Marktstudien und Geschäftspläne seitens SAP gewesen sowie angeblich konkrete Anfragen zu den Lizenzen, die die Lizenzverkäufe in den versprochenen Größenordnungen für die Partner sichern sollten und hohe Gewinne versprachen.

Auch die mexikanische Tochtergesellschaft der in Spanien börsennotierten Dominion Group schloss auf dieser Grundlage einen Partnervertrag mit SAP. Sie kaufte OEM-Softwarelizenzen im Wert von über zehn Millionen US-Dollar, um sie auf dem von SAP prognostizierten Markt in der mexikanischen Finanzbranche zu verkaufen.

Szenekenner vermuten dahinter die typischen OEM-Geschäfte zwischen SAP und einem Channel-Partner oder VAR. Unwahrscheinlich erscheint hingegen die arglistige Täuschung, denn die mexikanische Tochtergesellschaft und SAP-Partner sollte den eigenen Markt gut genug kennen, um den Wahrheitsgehalt der SAP-Marktstudien zu verifizieren.

Es wird eventuell ein anderes Abhängigkeitsverhältnis existiert haben, das die Dominion-Tochter in Mexiko zu diesem leichtfertigen OEM-Lizenzkauf verleitete. Mittlerweile gibt es keine Geschäftsverbindungen mehr zwischen SAP und Dominion.

Ob die verteilten Lizenzen, die in den allermeisten Fällen nie die Endkunden erreichten, sondern unverkäuflich bei den SAP-Partnern verblieben, auch als Lizenzverkäufe in der Bilanz von SAP verbucht wurden, ist offen. Laut US-GAAP dürfen diese Verkäufe nicht in der SAP-Bilanz aufscheinen, jedoch wird diese Praxis zum Teil heute noch angewendet.

Robert Eslin

Virtuelle Güter

Die Auswirkungen dieses innovativen OEM-Lizenzvertriebs sind weitläufig: Unter anderem mit den Einnahmen aus diesen Partnergeschäften wuchs SAP Mexiko zwischenzeitlich zur weltweit sechstgrößten Tochtergesellschaft von SAP heran, während die SAP-Partner in Mexiko mit den Softwarelizenzen Verluste schrieben.

Die Dominion-Tochter CIE konnte mit den Softwarelizenzen bis heute lediglich einen winzigen Bruchteil des von SAP prognostizierten Umsatzes realisieren. Marktstudien von weltweit anerkannten Beratungsunternehmen sollen zudem zeigen, dass die von SAP selbst erstellten Studien und Prognosen in wesentlichen Teilen fehlerhaft waren.

Aus Sicht von Dominion musste SAP wissen, dass die erstellten Studien und Prognosen nicht korrekt waren. Daher habe SAP die Partner über die Geschäftsaussichten getäuscht.

Die spanische Dominion Group hatte bereits am 13. März 2016 die Führungsspitze von SAP in Deutschland in einem persönlichen Brief über die Unregelmäßigkeiten unterrichtet. Dort war der Sachverhalt auch bekannt.

Das Gesprächsangebot war ebenso wenig erfolgreich wie ein angestrengtes Strafverfahren gegen das verantwortliche Management in Mexiko. Mit der zugelassenen Klage in einem Zivilverfahren will Dominion eine Rückzahlung des entstandenen Schadens durchsetzen.

Zukunft

Momentan scheinen die Fronten verhärtet zu sein.

„Nein, wir haben keinen Ansprechpartner bei SAP. SAP hat jedwede Kommunikation mit uns gekappt – außer die über das Gericht Mexiko-Stadt“

beschreibt Juanan Goni, Pressesprecher von Dominion, die aktuelle Situation.

„Seit 2014 haben wir versucht, mit mehreren Leuten bei SAP Kontakt aufzunehmen. Dominions Geschäftsführer, Herr Mikel Barandiaran, unser Chief Finan­cial and Legal Officer, Herr Mikel Uriarte, sowie unser Director for the Digital Division, Herr Juan Antonio Goñi, hatten Kontakt mit mehreren Gesprächspartnern, unter anderem mit Robert Enslin, President of Global Customer Operation.“

Ob weitere Schritte in den USA und Deutschland geplant sind, wollte oder konnte Juanan Goni nicht sagen:

„Die Möglichkeit besteht. Wir haben uns bereits rechtlich beraten lassen.“

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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