Die Meinung der SAP-Community MAG 1902 No/Name - Kolumne

Versionswechselchaostheorie

Mister No/Name
Geschrieben von no-name

In der fünften IT-Jahreszeit, wenn die zahlreichen Kick-off-Veranstaltungen jedes sinnvolle Arbeiten vereiteln, mache ich mir immer meine Gedanken über die nächste Dekade: Wie könnte ein ERP/CRM-System in zehn Jahren aussehen?

Jedes neue Jahr beginnt mit den obligatorischen Vertriebsveranstaltungen. Bei SAP heißt es FKOM, Field Kick-off Meeting, und ist die ganz große Bühne für SAP-Chef Bill McDermott. Ich sitze dann entspannt in meinem Büro und denke über die Zukunft nach: Nicht über die von Bill vorgegebenen 2019 zu erreichenden Umsatzzahlen und wie viel IT-Budget uns dieses Jahr SAP aus der Tasche ziehen wird, sondern über die kommenden zehn Jahre mit der magischen Jahreszahl 2025.

Reine Zeitverschwendung, meint meine Frau:

„In zehn Jahren sollte nur noch die Gestaltung deines Ruhestands ein Thema sein!“ Naturgemäß hat sie recht. Aber vieles ist hektisch und sehr kurzlebig geworden, sodass Abstandhalten und Etwas-weiter-in- die-Zukunft-Blicken angenehmer Luxus geworden sind. Und selbstverständlich ist das Loslassenkönnen ein ebenso herausforderndes Zukunftsthema.

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Wenn ich etwas über die Zukunft von SAP erfahren will, dann fahre ich im Sommer auf den Golfplatz in St. Leon-Rot und im Winter bleibe ich in Heidelberg.

Am Golfplatz und in einem guten Restaurant in und um Heidelberg kann man bestens über SAP philosophieren. Es ist nämlich nicht leicht, die Zukunft des ERP-Weltkonzerns vorherzusagen.

Am SAP-Servicemarktplatz finden die Bestandskunden die SAP’sche Zukunft der kommenden zwölf bis 18 Monate. Diese Roadmaps sind nett zum Anschauen, aber für eine validierte Planung nicht ausreichend.

Genau genommen sind diese SAP’schen Roadmaps interessante Absichtserklärungen und Visionen, aber leider keine handfesten Funktions­beschreibungen.

In persönlichen Gesprächen erfährt man naturgemäß mehr, aber die Unsicherheit reduzieren meine Informanten nur selten. Natürlich hören meine Freunde in Walldorf viel, aber verifizieren lässt sich nur wenig.

Was in den kommenden 36 Monaten im SAP’schen Universum geschehen soll, wissen auch „Eingeweihte“ nur sehr vage. Ja, es ist erschreckend und bei jedem Besuch in der SAP-Zentrale wieder überraschend, wie wenig die Mitarbeiter über die Wege und Wünsche des Vorstands wissen.

Man lebt, entwickelt und programmiert bei SAP immer öfter von der Hand in den Mund, das heißt: Die Entwicklungszyklen werden immer kürzer und halbfertige Software wird ausgeliefert, sodass der SAP-Bestandskunde als Versuchskaninchen herhalten muss.

Geht der Proof of Concept gut aus, wird weiterentwickelt, anderenfalls streicht SAP das Produkt von der Roadmap.

Meinem Vorstand jedoch muss ich ein detailliertes Fünfjahreskonzept mit Option auf zehn Jahre vorlegen. Das erscheint in der chaotischen IT fast unmöglich, ist aber notwendig!

Wer eine verantwortungsbewusste Budget- und Infrastrukturplanung für Konzerne machen will, kommt an diesen Berichtsperioden nicht vorbei. Mit SAP einen Fünfjahresplan zu erstellen ist aber fast unmöglich und nur mit den allerbesten Beziehungen ins Topmanagement möglich.

Ein Beispiel, wie es nicht sein sollte! Der SAP’sche Leonardo-Kongress 2017 in Frankfurt/M war ein spannendes Kick-off gemeinsam mit Professor Henning Kagermann.

Die Ergebnisse des Kongresses waren mager, aber man hatte zumindest den Eindruck, dass SAP das Thema Industrie 4.0 und IoT ernst nimmt. Viele Analysten schimpften damals über die schwammigen Produktankündigungen und tatsächlich war damals alles mit heißer Nadel gestrickt.

Aber die SAP-Bestandskunden waren zuversichtlich, weil die eingeschlagene Richtung stimmte. 18 Monate später hat sich alles im Sand verlaufen: Leonardo ist kaum mehr ein Thema und Bernd Leukert, der Schutzpatron des SAP’schen Frameworks Leonardo, muss seinen Technikvorstandsplatz für einen neuen Kandidaten räumen.

Meine Theorie: SAP lebt immer mehr von der Hand in den Mund. Langfristige und verifizierbare Produktentwicklungen und Versionswechsel werden Mangelware. Trotz zahlreicher vorhandener Roadmaps überwiegt die Chaostheorie: Irgendein Schmetterlingsflügelschlag wird schon zum Erfolg führen.

Oder hat irgendeiner meiner Leser Anfang 2018 ein Wort über C/4 gehört, das dann wie das berühmte Kaninchen aus dem Zylinder des Zauberers zur Sapphire im Juni erschien? SAP sollte sich diese Versionswechselchaostheorie patentieren lassen – auf ein erfolgreiches SAP-Jahr 2019!

Über den Autor

no-name

Unser geheimnisvoller, anonymer Kolumnist.

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