MAG 1812 Szene

Private Roadmap S/4

[shutterstock:448046341, AH86]
[shutterstock:448046341, AH86]
Geschrieben von E-3 Magazin

Auch dieses Jahr gab es auf dem DSAG-Jahreskongress in Leipzig kein Friedensangebot der SAP an die Bestandskunden. Es gilt noch immer die „ERP-Firewall“ 2025 für den ultimativen Umstieg auf S/4. Eine kaum zu bewältigende Herausforderung für die globale SAP-Community?

Einer der besten SAP-Kenner für Strategie, Planung und Operations ist Hinrich Mielke von Alegri. Er ist gelegentlicher E-3 Autor und beschäftigt sich intensiv mit Hana- und S/4-Roadmaps on-premise und off-premise.

Für viele SAP-Bestandskunden hat er bereits S/4 customized und auch erfolgreich auf die Microsoft-Cloud-Plattform Azure gehoben. Zum Jahresende fand Hinrich Mielke, SAP-Direktor bei Alegri, nochmals für ein Gespräch mit E-3 Chefredakteur Peter M. Färbinger Zeit.

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin: Herr Mielke, Sie sprechen mit vielen Kunden – was berührt CIOs zu dem Thema, wie „geht man das an“ und welche Fallstricke gibt es?

Hinrich Mielke, Alegri: Die Reise zu S/4 Hana ist eines der komplexesten Themen in der IT. Durch die Überlagerung mit dem Thema Cloud geht es von der Bereitstellung der Infrastruktur, Datenbank, veränderter Applikation und damit einhergehender Zusammenarbeit mit der Fachseite bis hin zu einem veränderten Supportmodell, agiler Software-Entwicklung und einer zunehmenden Verschmelzung von Analyse und transaktionaler Datenverarbeitung.

Anzeige

 
 

Das Front-End für den Endnutzer wird mit Fiori modernisiert und mobilisiert. Hierdurch und aufgrund der Möglichkeiten des Code-Push-Downs erweitern sich die Anforderungen an das Rechtemanagement innerhalb von Fiori und der Datenbank sowie hybride Ansätze in der Administration im Allgemeinen.

Wie immer bei komplexen Themen: Es hilft, Struktur hineinzubringen und Teilaspekt für Teilaspekt pragmatisch zu betrachten. Wichtig ist, sich nicht im Detail zu verlieren – sondern das große Ganze zu betrachten.

Hinrich-Mielke

Färbinger: Leichter gesagt als getan – wie startet man?

Mielke: Mit einer sauberen Inventur: Welche Systeme und Services werden zurzeit wie betrieben? Anwendung, Kritikalität, die technischen Grunddaten und deren Entwicklung in der Zeitreihe sowie das Betriebsmodell sind wichtig.

Dazu die absehbaren Veränderungen in den nächsten ein bis zwei Jahren. Wie werden die Systeme betrieben, was ist im Hause, was outgesourct oder outgetaskt?

Immer wichtig: Wie ist mein Lizenzstand, welche Systeme habe ich wann zu welchen Bedingungen beschafft? Dann der Blick zu den Kunden der IT:

Welche Fachbereiche werden bisher wie bedient, gibt es formelle Vereinbarungen und Rahmenbedingungen? Wie ist der Kenntnisstand meiner Key-User – wie der Reifegrad bei Veränderungen? Welche Testfälle gibt es? Wie sind sie dokumentiert? Ist das Testen bereits automatisiert? Wie sind Schnittstellen dokumentiert?

Nun der kreative Teil: Welche Veränderungen wird es bei meinen Fachbereichen geben? Welche neuen Geschäftsmodelle werden die digitale Transformation für mein Unternehmen ermöglichen?

Färbinger: Das klingt umfangreich – kann man das abkürzen?

Mielke: Leider nicht wirklich, man kann es aber nach und nach angehen, die richtige Reihenfolge ist aber wichtig – denn früher oder später werden alle diese Aspekte unerlässlich. Viele dieser Informationen existieren ja bereits, manchmal nur in Köpfen.

Hier sind eine Sammlung und eine Dokumentation unumgänglich. Bonus: Dies erleichtert das spätere Vorgehen ungemein und reduziert Kosten. Lücken, die sich jetzt auftun, können ohne Zeitdruck und in guter Qualität geschlossen werden, Vorprojekte aufgesetzt werden.

Färbinger: Vorprojekte?

Mielke: Wir treffen immer wieder Kunden, die noch nicht auf Unicode sind. Das ist ein super Vorprojekt: Nach der Umstellung auf Unicode hat man eine aktuelle Schnittstellenbeschreibung, dokumentierte Testfälle und typischerweise auch eine technisch aktuelle und optimierte Umgebung.

Weitere Vorprojekte sind z. B. Automatisierung des Testings, Umstellung auf Business Partner und neues Hauptbuch. Auch die Code-Inspection der Eigenentwicklungen lässt sich vorab durchführen und so der Umfang des Hauptprojekts reduzieren.

Hierbei wird auch gleich Know-how zum Thema Abap und Hana und S/4 aufgebaut – unerlässlich für performante Entwicklungen mit SAP Hana. Wichtig ist, dass der Geschäftsauftrag der IT definiert ist, das Zielbild klar ist und daraus eine Gesamtstrategie entwickelt und ein Masterplan erarbeitet wurde.

Färbinger: Sprechen wir mal über das Ziel: Wo soll die Reise für den Kunden denn technisch hingehen? On-premise oder in die Wolke? In welche Wolke? Und warum?

Mielke: Der Trend zu Cloud wird immer stärker. Der Digital Core wird bei so einigen Kunden auf absehbare Zeit on-premise bleiben. Immer mehr Kunden haben jedoch eine „Cloud first“-Strategie, in der begründet werden muss, warum eine neue Applikation nicht in der Cloud betrieben wird.

Dabei muss man zwischen SaaS, PaaS und IaaS unterscheiden. Sprechen wir hier erst mal von IaaS: Insbesondere bei Hana-Systemen kann IaaS seine Stärken ausspielen, denn Änderungen am Sizing lassen sich innerhalb von kurzer Zeit durchführen.

Färbinger: Können Sie hier genauer werden?

Mielke: Gern. Technisch lässt sich ein System innerhalb von Minuten resizen. Mit Shutdown und Restart und dem Laden der Hana-Datenbank kann das aber auch in den Stundenbereich gehen – je nach Leistungsfähigkeit der Infrastruktur, Größe der Datenbank und Komplexität Ihrer Systemumgebung.

Die Wahl der Cloud ist gut zu überlegen. Ein Wechsel ist möglich, aber aufwändig. Das heißt, man sollte die Wechselkosten niedrig halten und sich dann für die passende Cloud entscheiden. Vielleicht hat man vom Anbieter bereits andere Services in der Nutzung, dann macht es Sinn, dort zu bleiben.

Zum Beispiel haben Kunden mit Office 365 bereits Verträge, Datenschutzaspekte und Fragen des Betriebsrats mit Azure geklärt. Hier ist die Hürde gering. Kunden im Handel möchten gegebenenfalls auf keinen Fall einen direkten Wettbewerber als Lieferanten haben.

Beim „New Kid on the Block“ kann man möglicherweise als früher Kunde gute Vereinbarungen erzielen und so einen Vorteil haben.

Färbinger: Warum in die IaaS-Cloud?

Mielke: Selbst wenn in Zukunft sämtliche Systeme on-premise bleiben: Für die Zeit der Transition ist IaaS unschlagbar flexibel und – richtig betrieben – auch kostengünstig.

Projekt-, Test- und Schulungssysteme kann man im Pay-as-you-go-Modell kostenoptimal nutzen und aus Capex dann Opex machen – die sich auch verursachergerecht verrechnen lassen.

Färbinger: Ein gutes Stichwort: Was hat denn die Fachseite vom Wechsel auf S/4 Hana außer viel Arbeit und veränderten Prozessen?

Mielke: Nun ja, hier würde normalerweise SAP einen Werbeblock schalten – jetzt übernehme ich das einmal in kurz: Die ersten Verbesserungen kamen im FI/CO:

Mit der Eliminierung von Tabellen und Indices wurden das Datenvolumen und die Komplexität reduziert, bei Beschleunigung der Auswertungen. Dies nicht nur aufgrund der technischen Möglichkeiten der In-memory-Computing-Datenbank, sondern auch durch eine weitgehende Entnormalisierung der Datenbank.

Das Zusammenwachsen von FI und CO reduziert Abstimmungen am Monatsende zwischen Con­trolling und Finanzbuchhaltung. Vergleichbare Änderungen gibt es in der Logistik, die zu Optimierungen führen. Einige Prozentpunkte an Verbesserungen in der Logistik ergeben schnell sehr deutliche Einsparpotenziale.

Darüber hinaus kann die Kundenzufriedenheit aufgrund verbesserter Logistikprozesse gesteigert werden. Detailliert kann man die Veränderungen der „Simplification List“ entnehmen. Inzwischen mit mehr als 1000 Seiten – aber immerhin auf Deutsch erhältlich.

Färbinger: Und die Fachseite bekommt eine neue ERP-Oberfläche, oder?

Mielke: Das Front-End wird durch Fiori ergänzt, eine modernisierte und flexible Oberfläche. Mit Fiori kann auch der Gelegenheitsnutzer SAP nutzen und über Transaktionen hinaus Status von Workflows überwachen, sich über KPI informieren und eine Fristenüberwachung konfigurieren.

Färbinger: Hört sich gut an, was ist hier die Kehrseite? Geht es auch ohne Fiori?

Mielke: Bei Fiori muss eine Architektur­entscheidung getroffen werden, wie das Fiori-Back-End betrieben wird. Darüber hinaus wird eine Erweiterung der Rechteverwaltung benötigt.

Falls die Standard-Fiori nicht ausreichen, muss entwickelt werden. Die Entwickler müssen das entsprechende Know-how aufbauen und gegebenenfalls ist auch die Rolle des UI-Designers zu besetzen.

Meines Erachtens ist dieses jedoch alternativlos, denn die Generation Z verlangt Oberflächen, die zu ihrer Lebenserfahrung passen, und SAP bietet einige Funktionalitäten nur noch mit Fiori an.

Es gibt auch Kunden, die aufgrund des internen Marketings so früh wie möglich Fiori nutzen wollen. Denen bieten wir mit der Fiori-Booster-Methodik eine Möglichkeit, jede beliebige Standard- S/4-Fiori mit ERP/ECC 6.0 zu nutzen.

Färbinger: Nun zum Umstieg – erst auf Hana und dann S/4, oder Big Bang?

Mielke: Die meisten Kunden gehen beim ERP in zwei Schritten vor, erst ERP/ECC mit Hana, dann der Wechsel auf S/4. Die unerlässliche Einbindung der Fachseite bei der Transformation auf S/4 braucht ihre Zeit.

Der Wechsel auf Hana ist eher ein IT-eigenes Projekt. Die Datenbank, gegebenenfalls noch das Betriebssystem wird gewechselt – alles andere bleibt gleich. Dann können Erfahrungen mit Hana und dem Betriebssystem gesammelt werden und die Betriebsprozesse etabliert und verfeinert werden.

Vergessen Sie nicht die Cloud, die Einbindung von IaaS muss ebenfalls etabliert werden, idealerweise ist es nicht nur für den Anwender, sondern auch für den Administrator irrelevant, wo das System läuft. Big Bang wird oft bei Systemen mit wenig oder keinen Eigenentwicklungen gewählt.

Färbinger: Aber lässt sich denn ein Business Case für den ersten Schritt „Suite on Hana“ rechnen?

Mielke: Jetzt wird es grundsätzlich. Wenn jedes IT-Projekt einen Business Case haben muss, wird es schwierig mit Innovationen. Die ersten Autos waren auch teurer und unzuverlässiger als Pferdekutschen – offensichtlich kein Business Case.

Ein Unternehmen, das den CIO jedes Projekt separat als profitabel begründen lässt, nimmt sich die Innovationskraft. Ich bin mir sicher: Unternehmen, die sich auch der inhaltlichen Innovationskraft mit Hana, S/4, Fiori etc. nicht aktiv und mit offenen Armen nähern, werden mittelfristig Schwierigkeiten bekommen.

Wir erleben das bei manchen Kunden: Über die Jahre und Jahrzehnte wurde nicht grundlegend renoviert, sondern wie bei einer Zwiebel immer neue Schichten um Bestehendes gelegt.

Jetzt ist man wie Gulliver bei den Liliputanern von einer Vielzahl von Systemen und Applikationen gefangen und kann sich kaum noch bewegen. SAP S/4 Hana mit der Möglichkeit der Integration ist eine Chance, bei den Kernprozessen zu konsolidieren und zu modernisieren.

Dann lassen sich spannende, neue Anwendungen und Innovationen ans Kernsystem anbinden. Denn, und da sind wir wieder beim Business Case, auch Innovationen müssen einen Geschäftsbeitrag leisten, und der wird im ERP realisiert.

Färbinger: Danke für das Gespräch.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

AdvertDie Meinung 2