Die Meinung der SAP-Community Lünendonk - Kolumne MAG 1812

Blockchain – Realität oder Hype?

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Das disruptive Potenzial für Blockchain-Technologie ist enorm, denn sie macht es möglich, Intermediäre für bestimmte Geschäftsvorfälle komplett zu ersetzen. Deshalb gelten Banken und Versicherungen als Pioniere der Blockchain, da sie so die Bedrohung zur Chance machen möchten.

Die Faszination für Blockchain-Technologien begründet sich wesentlich in ihren Möglichkeiten, die Art und Weise, wie Verträge geschlossen und Vertragsbeziehungen verwaltet werden, zu revolutionieren. Nicht nur Banken und Versicherungen haben das Potenzial der Technologie erkannt.

Mittlerweile befassen sich auch die meisten anderen der untersuchten Branchen sehr intensiv mit den Möglichkeiten der Blockchain. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Lünendonk-Studie zur Anwendung von Blockchain-Technologien in großen Unternehmen und Konzernen sehr deutlich.

Die allgemeine Stimmung unter den befragten CIOs und Business-Verantwortlichen lässt sich am besten mit „still con­fused, but on a higher level“ umschreiben.

Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch auch, dass es für Unternehmen sinnvoll ist, sich mit Blockchain-Technologien ausei­nanderzusetzen, um zu prüfen, wie das Potenzial dieser Technologie gewinnbringend genutzt werden kann.

Blockchain-Technologien noch im Hype-Modus

So ist aus Sicht vieler befragter Manager die Blockchain technologisch noch nicht entwickelt genug, um im breiten Enter­prise-Umfeld eingesetzt zu werden und als Basis für unternehmenskritische und komplexe Prozesse zu dienen.

Vor allem hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit im Betrieb, des Integrationsaufwands von Daten und fehlender Standards halten sich viele Unternehmen mit Investitionen noch zurück. Allerdings experimentieren nahezu alle großen Konzerne derzeit rund um die Blockchain und suchen in Labs nach möglichen Use Cases, um Geschäftsprozesse zu optimieren.

Eine der großen Herausforderungen, die es für Unternehmen dabei zu bewältigen gilt, ist, dass einige Blockchain-Transaktionen enorm hohe Rechenkapazitäten erfordern und viele Use Cases zwar spannend, aber eben nicht wirtschaftlich sind.

Ferner sind die IT-Landschaften in den meisten Unternehmen noch nicht auf dem nötigen technologischen Stand, um eine reibungslose Integration von Daten in die Blockchain sicherzustellen. Diese hindernden Faktoren werden jedoch mit der Zeit verschwinden, weil die Unternehmen zum einen große Fortschritte mit ihrer IT-Modernisierung machen.

Zum anderen kommt langsam Bewegung in das Thema, weil die großen IT-Dienstleister wie Accenture, DXC oder NTT Data mit Blockchain-as-a- Service-Angeboten eine vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit bieten, Kunden Blockchain-Technologien mittels Platform as a Service bereitstellen und eigene Use Cases entwickeln zu können, ohne ein wirklich großes Risiko in Kauf nehmen zu müssen.

Kein IoT ohne Blockchain

Die Blockchain hat das Potenzial, maßgeblich dazu beizutragen, dass Unternehmen komplett neue Geschäftsmodelle und Formen der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit aufbauen können.

Als gutes Beispiel dienen Smart Contracts: Im Bereich E-Mobility arbeiten große Energieversorger und Automobilhersteller am Aufbau einer Lade-Infrastruktur für Elek­trofahrzeuge.

Das Aufladen von Elektrofahrzeugen mittels Induktion an Ampeln und die entsprechende Verbrauchs- und Kostenabrechnung ist ein typisches Anwendungsfeld, wo Blockchain-Technologie sinnvoll sein kann.

Die Übertragung der Abrechnungsdaten in die Blockchain erfolgt mittels Sensoren am Fahrzeug und als Währung dient ein Kundenkonto in den Währungen Bitcoin oder Etherium.

Der Vorteil sogenannter Smart Contracts liegt in der Sicherheit der Kundendaten beziehungsweise der mittels Blockchain-Technologie nicht mehr manipulierbaren Daten, wodurch Vertrauen für neue (digitale) Formen der Zusammenarbeit geschaffen wird.

Ebenso schaffen Smart Contracts eine Vertrauensbasis für Vertragsbeziehungen zwischen Parteien, die sich nicht kennen, indem eine sichere Datenübertragung gewährleistet wird.

53 Prozent der befragten Manager sehen im Zusammenhang mit Smart Con­tracts auch den Aufbau von Ökosystemen im Rahmen digitaler Geschäftsmodelle als weiteren wichtigen Mehrwert, den die Blockchain bieten kann.

Grafik_BlockchainDenn sie kann dazu beitragen, Vertrauen zwischen den Teilnehmern zu schaffen. Vor allem im Umfeld von IoT entwickeln Unternehmen immer mehr neue Geschäftsmodelle, beispielsweise zur Vernetzung von Haushaltsgeräten, im Bereich der Produktions­steuerung, der Supply Chain oder zur Vernetzung von Fahrzeugen mit Internet­angeboten.

Folglich sehen ähnlich viele Befragte (49 Prozent) die Vorteile der Blockchain darin, Kooperationspartner besser in ihre Geschäftsmodelle einzubinden beziehungsweise den notwendigen Datentransfer (rechts)sicher und konform zu den eigenen Compliance- und Security-­Anforderungen sowie zu denen der Aufsichtsbehörden zu gestalten.

Hinsichtlich der Einbindung von Kooperationspartnern sehen vor allem die befragten Industrieunternehmen hohes Potenzial in der Blockchain, beispielsweise dabei, die gesamte Lieferkette transparent zu machen und Güter zu verfolgen.

Das größte Potenzial sehen die befragten Manager aktuell eher in „Quick Wins“. 61 Prozent versprechen sich von Blockchain-Technologien, dass der Automatisierungsgrad für Services erhöht werden kann.

Besonders häufig nannten Befragte aus den Branchen Banken (84,2 %), Handel (80 %) sowie Versicherungen (76,5 %) die Automatisierung von Services als Grund, sich mit der Blockchain zu befassen.

Aktuelle Anwendungsfälle für Blockchain

Während die meisten der untersuchten Branchen sich in der Evaluierungsphase befinden und nach geeigneten Use Cases suchen, sind vor allem die Finanzdienstleister schon deutlich weiter. 36 Prozent der untersuchten Banken setzen im Bereich „Clearing von Transaktionsprozessen“ die Blockchain ein – beispielsweise um die Abrechnung von Handelstransaktionen besser abzusichern.

Ein weiteres relevantes Einsatzgebiet scheinen Wertschöpfungsnetzwerke zu sein, also Konstellationen, in denen beispielsweise Banken als Intermediäre zur Absicherung und Durchführung von Kredit- und Handelsgeschäften einbezogen werden.

So verpflichten sich Banken zum Beispiel mit Letters of Credit dazu, dass ihr Kunde, also der Käufer, den Kaufpreis auch an den Verkäufer zahlt. Da es sich bei vielen Handelsgeschäften um Transaktionen zwischen Unbekannten handelt, kann die Vertragsabwicklung über die Blockchain eine interessante Alternative zum bisherigen Prozess sein.

Immerhin 60 Prozent der befragten Banken beschäftigen sich aktuell damit, den Einsatz der Blockchain in diesem Bereich zu prüfen, und planen in den nächsten Monaten das Rollout.

Neben Banken weisen die untersuchten Versicherungsgesellschaften eine hohe Affinität zur Blockchain auf. Von denjenigen Versicherungen, in denen die Blockchain bereits relevanter Teil der Unternehmensstrategie ist, setzen 31 Prozent die Technologie sehr intensiv zur Absicherung von Wetterrisiken und Ernterisiken ein.

Weitere 46 Prozent nutzen in diesem Anwendungsbereich die Blockchain zumindest punktuell und 23 Prozent planen aktuell den Einsatz der Blockchain zur Absicherung von Risiken.

Die Optimierung des Schadens­managements ist ein weiteres spannendes Einsatzgebiet der Blockchain, wo die meisten der befragten Versicherungen die Blockchain bereits in Teilen nutzt.

So ließe sich Versicherungsbetrug bei einer Kombination von Blockchain und künstlicher Intelligenz nahezu ausschließen, da die Daten der Vertragsparteien fälschungssicher und dezentral gespeichert sind.

Vor allem wenn dritte Parteien wie Schadensgutachter oder Werkstätten hinzukommen, können sich Versicherungen durch die dezentrale Speicherung der Vertragsdaten in der Blockchain gegen Manipulation während der Schadensabwicklung absichern.

Darüber hinaus ist der Blockchain-Einsatz in der Fertigungsindustrie sinnvoll, vor allem in der Lieferkettenlogistik. Dort kann mit kryptografischen Signaturen die Identität von Gegenständen in jeder Transport- und After-Sales-Phase bestätigt werden.

Die dezentrale Struktur der Blockchain kann auch dazu genutzt werden, den gesamten Prozess der Warenverfolgung komplett transparent und sicher gegen Manipulation zu gestalten.

Speziell bei Lebensmitteln wie Fleisch oder Fisch, aber auch bei Arzneimitteln wäe dies klar von Vorteil. Nicht eingehaltene Kühlketten oder abgelaufene Medikamente gegen Krebs würden der Vergangenheit angehören.

Auch die Gefahr, dass Kontrollbehörden (Zoll, Gesundheitsämter etc.) immer nur einen kleinen Ausschnitt mittels Stichproben prüfen können, würde behoben und die Prüfung auf das gesamte System ausgeweitet werden.

Allerdings ist die Rechenleistung, die für die Erzeugung von öffentlichen Blöcken und für Transaktionen aufgewendet werden muss, aktuell noch enorm hoch. Häufig sind auch Use Cases, zumindest nach Controlling- Kriterien, nicht immer wirtschaftlich.

Aus diesem Grund werden immer mehr Rechenzentren zur Erzeugung von Blöcken in kältere Regionen wie Skandinavien verlagert, um den Energieverbrauch, der bei der Kühlung der Rechenzentren entsteht, zu senken.

Fazit und Ausblick

Die Blockchain ist Realität und Hype gleichermaßen. Blockchain bietet zwar ein enormes Potenzial an Möglichkeiten, aber auch noch einige Unsicherheiten.

So steht die Technologie hinsichtlich ihrer technologischen Reife erst am Anfang ihrer Entwicklung und viele Fragen, beispielsweise zur Wirtschaftlichkeit, zu künftigen Blockchain-Standards oder zur Datenintegration beziehungsweise zum Datentransfer sind noch ungeklärt.

Große Industriekonzerne wie Bosch, Daimler oder Siemens investieren dennoch bereits sehr stark in die Blockchain. Ob sich die Technologie durchsetzen wird, bleibt offen.

Zumindest stehen die Chancen sehr gut, da aktuell sehr viel Know-how, Zeit und Kapital in die Weiterentwicklung der Blockchain für den Einsatz in Unternehmen investiert wird.

Über den Autor

Mario Zillmann, Lünendonk

Angestellt als Senior Consultant bei der Lünendonk GmbH

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