Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 1812

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt

Editorial
[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Bill McDermott hat im Inneren Ärger: Hana-Anomalien existieren und der Vorstand wurde reorganisiert. Nach außen verkauft er sich als Retter und hat schon wieder ein Unternehmen gekauft, aber der Börsenkurs sinkt.

Es ist eine alte Weisheit: Um von inneren Problemen abzulenken, richtet man den Blick auf äußere Feinde und beginnt sie zu attackieren. Aktuell ist Salesforce das Lieblingsziel von McDermott.

Begonnen hat es dieses Jahr auf der Sapphire in Orlando, als Bill McDermott – wie der Zauberer das Kaninchen aus dem Zylinder – den versammelten Bestandskunden zu deren großer Überraschung ein neues CRM-System versprach.

Während aber das Kaninchen bei guten Zauberern ein echtes ist und bei sehr guten Zauberern sogar Tiger oder Löwe wird, bleibt es bei McDermott nur heiße Luft und ein vages Versprechen. Die neue CRM-Suite hört auf den Namen C/4 und ist momentan eine sehr große Baustelle.

Mit C/4 und Hana will Bill McDermott den CRM-Champion Salesforce in die Knie zwingen: Vor einigen Jahren wurde dazu das Schweizer E-Commerce-System Hybris erworben, Anfang dieses Jahres folgte das CPQ-Werkzeug Callidus (Configure Price Quote) und nun wurde für sagenhafte sieben Milliarden Euro das amerikanische Softwareunternehmen Qualtrics gekauft, das Analysen und Datability aller E-Commerce-Kanäle anbietet inklusive der Verifikation von Mitbewerbern und deren öffentlichen Daten sowie des E-Mail-Verkehrs der eigenen Mitarbeiter (der Betriebsrat lässt grüßen).

Aus Hybris, Callidus und Qualtrics sowie einer Kooperation mit Adobe und Microsoft soll irgendwann einmal eine CRM-Suite für die Customer Experience und das Experience Management erwachsen.

Schon jetzt lässt sich prognostizieren, dass es eine stumpfe Waffe gegen Salesforce bleiben wird. Mit zahlreichen Schnittstellen ins ERP, Abap-Modifikationen und Vermeidung der „indirekten“ Nutzung wird das neue SAP’sche CRM für einige Bestandskunden erste Wahl werden und nach vielen Jahren des Customizing auch hinreichend funktionieren – aber ein Markterfolg schaut anders aus!

SAP ist und bleibt ein technisch anspruchsvolles und komplexes IT-System. Für die fünf SAP-Gründer stellte das nie eine besondere Herausforderung dar und auch Ex-SAP-CEO Professor Henning Kagermann ist des Abap-Programmierens mächtig, liebt die Mathematik, sodass er nie Probleme mit der ERP-Komplexität hatte.

Bill McDermott hingegen ist bestens ausgebildeter Verkäufer – Technik ist Mittel zum Zweck und der wurde mit einer Verdreifachung des Börsenkurses definiert.

Für McDermott erscheint es nicht als Problem, drei unterschiedliche Technologien, Hybris, Callidus und Qualtrics, auf Basis einer über 40-jährigen ERP-Tradition mit einer noch nicht ausgereiften Datenbank zu verheiraten.

Abap spricht nicht jeder und die Hana-Execution-Engine (HEX) ist noch immer nicht frei von Anomalien: Niemand erwartet, dass eine komplexe SQL-Datenbank mit In-memory-Computing-Komponenten innerhalb weniger Jahre Markt­reife und hinreichende ERP-Stabilität erlangt – nur bei SAP glaubte man, dieses Informatik-Wunder bewirken zu können!

Jetzt wurden die SAP-Techniker wieder einmal eines Besseren belehrt: Ein Hana-Execution-Engine-Bug sorgt dafür, dass ohne Berücksichtigung des Alloca­tion-Limits das gesamte verfügbare Memory verbraucht wird – bis zum Anschlag:

Das Betriebssystem Linux hat daraufhin keinen Platz mehr zum Atmen und geht auf die Bretter. Bei Hana gehen die Lichter aus! (Der HEX-Bug wurde in der Zwischenzeit behoben.) Hybris, Callidus und Qualtrics – willkommen in der schönen, neuen Welt des In-memory-Computings.

Weil die Innenwelt der Außenwelt aber auch eine Innenwelt ist, hat Chefverkäufer Bill McDermott nun den Vorstand reorganisiert und dieses Jahr nicht nur Callidus und Qualtrics als externe Machtdemons­tration erworben, sondern intern Technikvorstand Bernd Leukert entmachtet.

Sein Nachfolger ist in der SAP-Community weitgehend unbekannt: Jürgen Müller war zuletzt bei SAP als CIO unterwegs und zieht nun in den SAP-Vorstand als Technikchef. Intime Kenner der Szene vermuten, dass diese Personalrochade auch auf Zutun von Professor Hasso Plattner erfolgte; studierte Jürgen Müller doch erfolgreich am Hasso-Plattner-Institut an der Universität Potsdam.

Bernd Leukert bleibt im Vorstand und wird kommendes Jahr gemeinsam mit Vorstandskollegen Michael Kleinemeier den SAP-Service-Bereich verantworten. Kleinemeier wird altersbedingt Ende 2019 aus dem Vorstand ausscheiden.

Ob Bill McDermott dieses Jahr bei allen internen und externen Entscheidungen eine glückliche Hand hatte, bleibt abzuwarten: Das Verschmelzen von Hybris, Callidus und Qualtrics zu C/4 ist eine Herkulesaufgabe.

Björn Goerke als Nachfolger von Bernd Leukert wäre logischer, konsistenter und wesentlich mehr SAP-Community-konform gewesen. Goerke gilt als Superstar unter den SAP-Mentoren!

Aber Jürgen Müller scheint das bessere interne Lobbying zu haben. Ob Bernd Leukert über die Hana-Anomalien, Analytics in der Wolke oder Abap auf der SCP gestolpert ist, lässt sich nicht ausmachen. Für die SAP-Community jedoch bleibt die SAP’sche Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt auch weiterhin ein Walldorfrätsel.

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Büchern Peter Handkes. Es erschien am 5. März 1969.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

1 Kommentar

  • Man muss keine großartigen Marktanalysen zu machen: 80 % und mehr der klassischen SAP-ERP-Kunden haben sich für SAP entscheiden, weil es multifunktionale, integrierte, in sehr vielen Branchen weltweit bewährte und auch für den gehobenen Mittelstand sehr nutzvolle betriebswirtschaftliche Software bietet, die Kern-Prozesse dieser Unternehmen inklusive Planung und mitlaufenden, aktiven Controlling am besten unterstützt. Dafür zahlten sie einen höheren Lizenzpreis und jedes Jahr einen nicht unerheblich höheren Wartungsvertrag als für Konkurrenzprodukte. Die Erwartungshaltung ist, dass diese Mittel zu einem beträchtlichen Anteil dazu verwendet werden, um die bestehenden ERP-Funktionen laufend auszubauen, zu verfeinern und durch state-of-the-art Produkte / Funktionen, die in gewohnter Weise sich nahtlos in die bestehenden Softwaremodule integrieren lassen, auszubauen. Diese Kunden sind auch gewohnt, dass SAP für die Neuerungen ein entsprechend detailliertes Schulungsprogramm, sehr praxisnah agierende Berater und genauso umfangreiche Anwender, Customizing- und Systemdokumentationen zu Verfügung stellt, wie es bei den klassischen ERP-Produkte der Vergangenheit Usus war.
    Genau die gleichen Kunden werden aber wenig Verständnis haben, wenn ihre Lizenz-und Wartungsbeiträge dazu verwendet werden, um sündteure Unternehmen (oft zu einem überhöhten Marktpreis ?) zuzukaufen, deren Software weder den Keybedürfnissen bezüglich sinnvoller ERP-Erweiterungen und schon gar nicht den gewohnten Ausprägungen bezüglich technologisch-funktionellen Integration, Ausbildung, Beratung, Dokumentation entsprechen,
    Wenn jetzt noch 4.000 SAP-Mitarbeiter vorzeitig das Unternehmen verlassen werden , ist zu befürchten, dass dies vor allem “alte Hasen” im ERP-Bereich sind, die bestenfalls durch irgendwelche Jungspunde für Cloudvertrieb ersetzt werden.
    Ich bin gespannt, wann SAP-Anwender dies nicht nur kritisch betrachten, sondern auch Konsequenzen setzen und nicht mehr wie früher eher ungeschaut SAP-Produkte kaufen und im schlimmstenfalls anlässlich einer HANA-Umstellung in Frage stellen, um die “next ERP-generation” unbedingt SAP sein muss oder ob sich da nicht Alternativprodukte anbieten.

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