Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 1807

Selbstauslöschung: SAP Data Hub

Editorial
[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Gute Berater haben etwas Masochistisches: Sie optimieren und automatisieren, bis sie selbst auch nicht mehr gebraucht werden. Der SAP Data Hub könnte eine ähnlich unangenehme Wirkung für den Rest des SAP’schen Angebots haben.

Stellen Sie sich eine IT-Architektur vor, wo Kompatibilität, Interoperabilität, Compliance und Datenqualität gelöst sind, wo ein grenzenloses, umfassendes Master Data Management existiert.

Sie können jede beliebige App, Cloud, IoT und Blockchain hinzufügen und noch immer haben Sie eine konsolidierte und verifizierte Datenqualität. Sie mischen SAP, IBM, Salesforce, SAS, Microsoft und Oracle und noch immer haben Sie eine konsolidierte und verifizierte Datenqualität. Und so weiter.

Traum oder Wirklichkeit?

Nach einem Vortrag von Franz Färber, SAP EVP Products und Innovation Big Data, glaube ich, dass diese glückliche Datenwelt Wirklichkeit werden kann. Mit dem SAP’schen Data Hub hat Franz Färber eine universelle Architektur und operative Infrastruktur für jede nur denkbare Datenanwendung geschaffen: Data Visibility, Quality, Innovation, Cost und Compliance.

SAP-Bestandskunde BASF sprach in diesem Zusammenhang von „SAP Data Hub has the potential to become SAPs next game changer“. So erfreulich diese Innovation für die SAP-Community auch ist – jedes Ding hat zwei Seiten –, es stellt sich die Frage: Kann diese neue Universalität eines nachhaltigen Master Data Managements auch gut für SAP selbst sein?

Mit dem SAP Data Hub wird es für Bestandskunden noch leichter und einfacher, Drittanwendungen in ihre R/3-, ERP/ECC-6.0- oder S/4-Landschaft einzubinden.

Ob Anwendungen von IBM, Salesforce, Microsoft, SAS, Siemens oder Bosch – alles wird möglich und der „Golden Record“ bleibt bestehen. Der SAP Data Hub wird die zentrale Clearing-Stelle für den Bestandskunden, dem daraus ganz neue Freiheiten in der App-Wahl erwachsen.

Naturgemäß wird kein SAP-Bestandskunde sein etabliertes Kernsystem, das SAP-Finanzwesen und HR/HCM aufgeben und ersetzen. Aber konsistente End-to-End-Szenarien beginnend mit einem Adobe-Magento-Online-Shop, Salesforce CRM, Demand-driven SCM (siehe Coverstory auf Seite 42), IoT von Siemens und Abrechnung über SAP Simple Finance sind somit nicht nur denkbar, sondern auf Basis des SAP Data Hub äußerst realistisch!

SAP hat nur eine Möglichkeit, sich gegen diese neue IT-Freiheit zu wehren: indirekte Nutzung! Wenn SAP trotz Kartellrecht und EU-Software-Richtlinie das Damoklesschwert „indirekte Nutzung“ aufrechterhält, werden Adobe, Salesforce, SAS und viele andere von einem E2E-Prozess ausgeschlossen – dann braucht es aber auch keinen SAP Data Hub mehr.

Die SAP’sche Innovation ist demnach ein zweischneidiges Schwert: Sie löst das MDM-Problem und aktiviert die „indirekte Nutzung“. Verzichtet SAP auf das Lizenzkonstrukt „indirekte Nutzung“, verzichtet man auf viel Umsatz – aber fördert sicherlich die Akzeptanz des Data Hub.

Mit dem SAP Data Hub sind alle IT-Mitspieler wieder gemeinsam am Tisch, auch wenn SAP mit der Datenbank Hana zuvor Oracle, Microsoft und IBM aus dem ERP-Reich hinausdrängen wollte.

In Summe läuft der Data Hub der aktuellen SAP-Strategie zwischen die Beine und bringt sie zu Fall. SAP riskiert mit dem Data Hub eine Selbstauslöschung der gerade erst begonnenen C/4- und S/4-Initiative.

Das auf der Sapphire präsentierte E2E-Szenario aus CRM (C/4) und ERP (S/4) fällt wie ein Kartenhaus zusammen, wenn die einzelnen Prozessschritte auch von Drittanbietern besetzt werden können – auf Basis des Data Hub.

Der Trend geht weg von zentralen monolithischen Softwarelösungen, die in der Vergangenheit dominiert haben, hin zu vernetzten digitalen Plattformen, so die Kernthese des Positionspapiers „Digitale Plattformen und ERP“, die der Digitalverband Bitkom im Vorfeld der Cebit 2018 veröffentlichte.

Die Zukunft gehört modularen ERP-Lösungen und die neue vernetze, digitale Plattform in der SAP-Community ist der Data Hub. Und Bitkom analysiert folgerichtig: In digitale Plattformen lassen sich Anwendungen von Dritten integrieren und sie bieten gleichzeitig Entwicklern die Möglichkeit, eigene Lösungen einzubinden.

Digitale Plattformen geben in Zukunft den Kunden bislang unbekannte Freiheit bei der Auswahl der Anbieter und Entwicklern die Chance, auf mehreren Plattformen vertreten zu sein. (Ende des Zitats, Quelle: bit-kom.org/Bitkom/Publikationen/Digitale-Plattformen-und-ERP.html)

Erleben wir im WM-Sommer einen neuen ERP-Frühling? Momentan ist es schwer vorstellbar, dass SAP-Chef Bill McDermott das Ruder so leichtfertig aus der Hand gibt und eine Selbstauslöschung seiner Umsatzträger zulässt – aber SAP Data Hub hat das Potenzial dazu, eine neue Wahlfreiheit in die IT-Community zu bringen. Und bekanntlich entscheiden sich immer weniger Bestandskunden für On-premise-SAP-Applikationen und Cloud Computing.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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