Die Meinung der SAP-Community Lünendonk - Kolumne MAG 1806

Digitalisierung: Unternehmen gelingt es nicht, Wettbewerbsvorteile aufzubauen

luenendonk text in front of 2 men shaking Hands

Die digitale Transformation ist eine komplexe Herausforderung und wird die Unternehmen langfristig fordern. Einigen Unternehmen gelingt es dabei besser, ihre Geschäftsmodelle neu auszurichten und Prozesse zu digitalisieren, andere tun sich dagegen schwerer.

Es fällt auf, dass es nicht einfach ist, die Unternehmenskultur im Zuge der digitalen Transformation zu verändern, beispielsweise um alte Operating Models an neue Kundenanforderungen anzupassen und in neue Technologien zu investieren.

Dazu ist das Verlassen von Komfortzonen, alten Denkmustern und gewohnten Abläufen notwendig. Hinzu kommt, dass Digital Leader früher als ihre Wettbewerber die Möglichkeiten von digitalen Technologien wie Cloud, Big Data und KI nutzen und einen neuen Mindset in der Unternehmenskultur verankert haben.

Denn den Digital- Leadern ist es bewusst, dass digitale Transformation vor allem bedeutet, schnell auf Marktveränderungen zu reagieren und Chancen zu nutzen.

Dazu gehört sicher eine neue Organisationsform, aber auch die notwendigen Instrumente für Führungskräfte und Mitarbeiter, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen.

Wir beobachten dabei häufiger, dass viel Talent und Kompetenzen in den Unternehmen bei digitalen Themen vorhanden sind und auch immer mehr Ideen und Prototypen für neue Geschäftsfelder oder Prozessverbesserungen entwickelt und eingereicht werden – aber die Umsetzung immer noch häufig an alten Denkmustern und fehlendem Risikobewusstsein scheitert.

Unternehmen sind noch zu controllingfixiert

Was kostet es? Was bringt es? Zwei vertraut klingende Fragen aus Controlling-Abteilungen für die Genehmigung von Budget für Digitalisierungsprojekte, die verdeutlichen, warum es nicht so richtig vorangeht mit der digitalen Transformation.

Erst wenn ein Thema wie Industrie 4.0 beispielsweise es nach jahrelanger Anlaufphase endlich geschafft hat zu zeigen, dass es wirklich Vorteile für Unternehmen bringen kann, wird großflächig investiert, um nicht den Anschluss zu verlieren. Dabei wird dann oft vergessen, dass die Strukturen und Prozesse mitziehen müssen. Hätte man auch früher schon dran denken können.

Leider beobachten wir auch immer noch eine zu geringe Fehlertoleranz in den Unternehmen, damit Führungskräfte und Mitarbeiter sich zutrauen können, neue Ideen zu entwickeln, auch wenn sie es nicht zur Marktreife schaffen.

Dazu bedarf es neuer Incentivierungssysteme, die Innovationsbewusstsein belohnen und nicht den nackten Markterfolg. Neue Ideen einfach auszuprobieren und auf ihre Marktresonanz zu testen, diese Möglichkeiten nutzen noch zu wenige bzw. lassen es nicht zu.

Das hängt aus unserer Sicht stark damit zusammen, dass viele Unternehmen in ihrem alten Kerngeschäft noch sehr erfolgreich sind. Und warum sollen Unternehmen ihre (noch) gut laufenden Geschäfte mit digitalen Produkten und Services kannibalisieren, von denen man noch nicht weiß, wie sie vom Markt angenommen werden?

In diesem Spannungsfeld befinden sich viele Vorstände und sie entscheiden sich häufig, die Prioritäten weiterhin auf das bisherige Geschäftsmodell zu legen – auch um Widerständen der Mitarbeiter und Investoren aus dem Weg zu gehen. Dabei übersehen sie aber das Risiko, wie schnell es neuen, digitalen Wettbewerbern gelingen kann, bestehende Märkte zu erobern.

Beispiele hierfür gibt es viele: Airbnb und Booking.com in der Hotel- und Tourismusbranche, Tesla im Automotive-Premiumsegment, Amazon Web Services bei IT-Infrastrukturdiensten oder Samsung und Apple bei Smartphones.

Wo steht Deutschland?

Lünendonk hat in einer aktuellen Studie (Business Innovation & Transformation – Wo stehen Unternehmen heute?) den Stand der digitalen Transformation in deutschen Großunternehmen und Konzernen untersucht.

Die folgenden Ergebnisse zeigen, wo die deutsche Wirtschaft bei ihrer Transformation steht: Nur 30 Prozent der Unternehmen glauben, bei der Innova­tionsentwicklung einen Wettbewerbsvorsprung zu haben. 55 Prozent sehen sich gleichauf mit ihren Wettbewerbern.

Zu starre Organisationsstrukturen verhindern häufig die schnelle Entwicklung und Markteinführung von neuen, digitalen Geschäftsmodellen.

Nur jedes fünfte Unternehmen kann die Komplexität der digitalen Transformation sowie die Umsetzung von Digitalisierungsprojekte besser managen als der Wettbewerb.

Häufig stellen die Unternehmen zwar signifikante Budgets für die Entwicklung von Prototypen für digitale Geschäftsmodelle bereit. Die Umsetzung und Markteinführung erfolgt dann jedoch oft in den alten Strukturen, innerhalb derer die Anwendung von agilen Methoden und Dev­Ops sehr schwer ist.

Unternehmen sind zu zaghaft dabei, sich über digitale Cloud-Plattformen mit Kooperationspartnern zu vernetzen, um gemeinsam neue digitale Produkte und Services zu entwickeln.

Nur 21 Prozent der Unternehmen haben es nach eigenen Angaben geschafft, schneller beim Aufbau von Cloud-Ökosystemen zu sein als der Wettbewerb.

Dazu passt, dass 26 Prozent im Aufbau von Cloud-Plattformen zur Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle einen Rückstand gegenüber ihrem Wettbewerb sehen und nur 22 Prozent einen Wettbewerbsvorteil. Hier werden die Möglichkeiten, die Platform-as-a-Service-Tools bieten, zu selten genutzt.

Bremsende Strukturen

Diese Einschätzungen der befragten CxOs und Fachbereichsleiter lassen den Schluss zu, dass die Unternehmen die Notwendigkeit zur Digitalisierung zwar verstanden haben, der Veränderungs- und Anpassungsprozess aber zu lange dauert.

Vor allem für große Unternehmen mit gewachsenen und komplexen Strukturen ist es schwierig, Veränderungsprozesse auf den Weg zu bringen und sich zu kundenzentrischen Unternehmen zu wandeln.

So steht die Umsetzung vieler neuer Themen (Cloud, künstliche Intelligenz, Digital Marketing, Big Data Analytics, Automatisierung etc.) häufig nicht im Einklang zur bestehenden Governance.

Ebenfalls lassen es oft die Einkaufsprozesse für Beratungs- und IT-Dienstleistungen nicht zu, externe Leistungen wie Beratertage, Serverkapazitäten oder Platform-as-a-Service-Tools so schnell einzukaufen, wie die Fachbereiche es benötigen.

Für das laufende Jahr (2018) erwartet Lünendonk jedoch, dass die Unternehmen ihre internen Prozesse besser auf die Anforderungen der Digitalisierung einstellen und an Geschwindigkeit in der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten zunehmen.

Denn fast jedes zweite befragte Unternehmen, welches bereits über eine detaillierte Digitalisierungsstrategie verfügt, plant derzeit den Roll-out von digitalen Geschäftsmodellen, also die Entwicklung digitaler Produkte und Services.

48 Prozent der von Lünendonk befragten Unternehmen haben dagegen bereits digitale Geschäftsmodelle entwickelt und mit der Markteinführung begonnen.

Fazit

Wir stehen noch am Anfang der digitalen Transformation. Eine Transformation kann nur gelingen, wenn das Zielbild für die Mitarbeiter klar erkennbar ist und das Management die einzelnen Digitalisierungsinitiativen als Sponsor aktiv begleitet.

Gerade mit der Veränderungsbereitschaft der Belegschaft und der Durchsetzungskraft des Topmanagements steht und fällt eine digitale Transformation.

So überrascht es nicht, dass die befragten Unternehmen diesen Aspekten eine hohe Bedeutung für den Erfolg ihrer digitalen Transformation beimessen. Daneben kommt es stark auf die Geschwindigkeit in der Reaktion der Führungskräfte eines Unternehmens auf Marktveränderungen an.

Nur wenn Unternehmen es schaffen, die aktuellen und vor allem zukünftigen Bedürfnisse ihrer Kunden exakt zu analysieren, in hoher Geschwindigkeit auf Basis dieser Analysen Produkt- und Prozessinnovationen zu entwickeln, und schnell in die Markteinführung beziehungsweise den Rollout gehen, können sie den Kunden attraktive Angebote machen und in Zukunft am Markt bestehen.

Über den Autor

Mario Zillmann, Lünendonk

Angestellt als Senior Consultant bei der Lünendonk GmbH

Hinterlassen Sie einen Kommentar

AdvertDie Meinung 2