Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 1806

Wenn SAP nun Salesforce kauft

Editorial
[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Endlich würde es in Walldorf ein ordentliches CRM-System geben, sagt die eine Gruppe. Viele Experten meinen, dass SAP dann keine Einnahmen mehr aus „indirekter Nutzung“ hätte. Beides wird nicht eintreten.

Monopole sind immer katastrophal. In diesem Fall ist das SAP-Monopol nicht nur ärgerlich für die Bestandskunden, sondern auch gefährlich für SAP.

Durch das SAP’sche ERP-Monopol fühlte sich der Softwarekonzern mächtig genug, ein neues, radikales und verhängnisvolles Lizenzmodell für „indirekte Nutzung“ vorzustellen – SAP tappte in die eigene Falle: Das neue Modell zeigt eindeutig die Ungleichheit zwischen Drittanwendungen aus dem eigenen Konzernverbund (SAP Application Access) und den Anwendungen von Fremdherstellern (Indirect/Digital Access).

SAP sagt es im neuen Modell glasklar: Interaktionen zwischen SAP Applications wie CRM, Logistics, Ariba, Leonardo, SuccessFactors, Hybris etc. und dem SAP’schen Digital Core sind lizenzfrei (No additional ERP license needed), während dieselben Interaktionen zwischen Salesforce und anderen Add-ons von SAP-Partnern der „indirekten Nutzung“ unterliegen und somit lizenzpflichtig sind.

Der Monopolist aus Walldorf hat hier eine willkürliche Grenze zwischen Software-Komponenten gezogen, die mit dem Digital Core (SAP ERP und S/4 Hana) kommunizieren.

Um die Widersprüchlichkeit und Willkür zu verstehen, kann man folgendes Gedankenexperiment versuchen: Der SAP-Bestandskunde betreibt eine SoH-Architektur (SAP Business Suite on Hana) ergänzt um ein CRM-System von Salesforce.

SoH und Salesforce kommunizieren über einen NetWeaver-Stack (Process Integration). Naturgemäß verlangt SAP dafür hohe Gebühren mit dem Argument: indirekte Nutzung!

Der Bestandskunde hat nun mehrere Möglichkeiten, diesem finanziellen Super-GAU zu entkommen. Aber der einfachste Weg wäre die Übernahme von Salesforce durch SAP. So wird Salesforce ein Familienmitglied wie zuvor schon Ariba, Concur und Hybris und SAP-Bestandskunden müssen keine „indirekte Nutzung“ mehr für die Interoperabilität zwischen Salesforce und dem SAP’schen Digital Core (ERP/ECC 6.0 oder S/4 Hana) bezahlen.

„Indirekte Nutzung“ wäre demnach keine technische Gegebenheit oder rechtliche Schlussfolgerung, sondern lediglich die Willkür der SAP. Das Salesforce-Gedankenexperiment lässt sich nämlich auch umgekehrt spielen:

SAP verkauft SuccessFactors und Hybris! Alle SAP-Bestandskunden mit ERP/ECC 6.0 sowie S/4 und SuccessFactors und/oder Hybris würden dann im Sinne der SAP’schen „indirekten Nutzung“ plötzlich lizenzpflichtig. Es ist somit eine Frage des Standpunktes und keine Frage der Nutzung, Funktion, Technik, Infrastruktur etc.

Es ist an der Zeit, die „indirekte Nutzung“ zu einer Fata Morgana zu erklären: Es gibt sie einfach nicht! „Indirekte Nutzung“ ist ein Hirngespinst der Walldorfer. Wer daran glaubt, wer sie sieht, wer sie akzeptiert, ist in die SAP-Falle gegangen.

In der EU-Softwarerichtlinie 2009/24 ist demnach auch zu lesen:

„Die Funktion von Computerprogrammen besteht darin, mit den anderen Komponenten eines Computersystems und den Benutzern in Verbindung zu treten und zu operieren.

Zu diesem Zweck ist eine logische und, wenn zweckmäßig, physische Verbindung und Interaktion notwendig, um zu gewährleisten, dass Software und Benutzer wie beabsichtigt funktionieren können.

Die Teile des Programms, die eine solche Verbindung und Interaktion zwischen den Elementen von Software und Hardware ermöglichen sollen, sind allgemein als ,Schnittstelle‘ bekannt.

Diese funktionale Verbindung und Interaktion ist allgemein als Interoperabilität bekannt; diese Interoperabilität kann definiert werden als die Fähigkeit zum Austausch von Informationen und zur wechselseitigen Verwendung der ausgetauschten Informationen.“

Wer jetzt noch an „indirekte Nutzung“ glaubt, ist selber schuld. Wie sagte der verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt:

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“

In der SAP-Community wird es zukünftig heißen:

„Wer indirekte Nutzung – also eine Fata Morgana – sieht, soll zum Anwalt gehen, der ihm die EU-Softwarerichtlinie erklärt.“

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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