Die Meinung der SAP-Community MAG 1711 Satire: Das Letzte

Du verstehst mich nicht

Das-Letzte-Satire

Fast jede Organisation, Szene und Community hat ihre eigene Geheimsprache. Das muss nichts Schlechtes bedeuten. Oft liegt der Sinn einer „Geheimsprache“ im Wunsch, effizient und schnell zu kommunizieren.

Juristen und Ärzte sind für „positive“ Geheimsprachen ein gutes Beispiel. Fachvokabular und Satzstellungen geben diesen Berufsgruppen die Möglichkeit, untereinander präzise, effizient und hoffentlich fehlerfrei zu diskutieren.

Ein Fachvokabular und spezifische Abkürzungen wie Akronyme kennen die meisten Interessengruppen. Jedes Mitglied der SAP-Community kennt und verwendet spezifische Bezeichnungen, die außerhalb kaum bekannt sind oder eine ganz andere Bedeutung haben: vom SolMan bis zum Webstuhl (Net­Weaver).

Der SAP-Anwenderverein DSAG hat nun festgestellt, dass die Bestandskunden offensichtlich den ERP-Weltmarktführer SAP nicht mehr verstehen: Begriffe wie Leonardo, Cloud Platform und andere mehr können die Bestandskunden weder verorten noch bewerten.

Ist die SAP-Community an die Grenze ihrer Geheimsprache gestoßen? Unterscheidet sich das Vokabular der SAP von dem der Anwender? Kann auch der Verein DSAG hier nicht mehr als Dolmetscher auftreten?

Schon der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) meinte:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

Hat SAP die Grenzen hinsichtlich Marktwachstum und Innovation erreicht? An verschlossene Türen bei den Bestandskunden ist SAP zumindest gestoßen. Denn glaubt man der DSAG-Umfrage, dann sind Leonardo, IoT, Machine Learning, Cloud Platform und Blockchain keine Türöffner.

Platzgummer Sprachbarrieren

Interpretiert wird das Desaster dahingehend, dass es SAP in den vergangenen 18 Monaten nicht gelungen ist, die eigenen Ideen von Innovation und Roadmaps adäquat sprachlich zu vermitteln. Offensichtlich sind die Marketing- und Kommunikationsabteilung der SAP an ihre Grenzen gestoßen und haben versagt.

Die Interpretation der DSAG-Studie lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Die SAP-Bestandskunden verstehen ihren Haus-und-Hof-Lieferanten nicht mehr. SAP kommuniziert in einer Sprache und mit einem Vokabular, das der SAP-Community unbekannt ist.

In den SAP’schen Keynotes wird von Visionen, Produkten, Services und Roadmaps geredet, die die Bestandskunden offensichtlich weder brauchen noch verstehen. In der Vergangenheit war immer der Anwenderverein DSAG ein hilfreicher Übersetzer und Vermittler – nun scheint auch diese Brücke wegzubrechen. Zwischen SAP und ihren Kunden gibt es keine Kommunikation mehr.

„Du verstehst mich nicht“ gilt demnach in beide Richtungen! SAP versteht ihre Kunden nicht und umgekehrt – was letztendlich bedeutet, dass wir hier auf eine fundamentale Grenze stoßen, oder auf den Straßenverkehr bezogen: eine doppelte Sperrlinie. Da kommt nichts durch!

SAP organisiert einen Leonardo-Kongress in Frankfurt/M. und keiner der Bestandskunden kommt hin, weil es niemand in der Community versteht. Naturgemäß wurde dieser IoT-, KI- etc. Kongress von nahezu 2000 Personen besucht – nur es waren die falschen!

Der Lehr- und Bildungsauftrag des SAP’schen Leonardo-Kongresses ging ins Leere, erreichte nicht die Bestandskunden, die bis heute nicht wissen, wozu Leonardo, Cloud Platform etc. gut und nützlich sind.

Vielleicht kann der Anwenderverein in Zukunft wieder Sprachkanäle und Kommunikationsbrücken bauen, bis dahin werden aber Bestandskunden und SAP sich vom jeweils gegenüberliegenden Ufer zurufen: „Du verstehst mich nicht!“

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, München, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel +49(0)89/210284-21

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