Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 1710

Zwischen den Stühlen

Editorial
[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

ERP kann auch eine Reise nach Jerusalem sein. Wenn die Musik aufhört zu spielen, kann es sein, dass man keinen Platz findet. Noch spielt SAP lustig auf.

Momentan tanzt SAP auf allen Festen. Kein IT-Thema wird ausgelassen. Man muss offensichtlich die Feste feiern, wie sie fallen. Aber der Katzenjammer wird unvermeidlich sein, denn für viele Ausflüge in Non-ERP-Gebiete fehlt SAP die Grundlage.

Kein Fest will man auslassen. Wenn aber weder die Kenntnis noch eine Roadmap existieren, kann die Veranstaltung schnell zum Desaster werden.

Zwischen alle Stühle setzt sich auch gern jemand, der keine genauen Kenntnisse von sich und seiner Umwelt hat. Zwischen den IT-Welten mäandert SAP – und nicht nur, weil es der Titel des aktuellen DSAG-Jahreskongresses ist.

SAP hat das Cloud Computing für sich erkannt, erzielt aber die höchsten Deckungsbeiträge aus seinem On-premise-Ecosystem.

SAP hat das Cloud Computing für sich entdeckt, hat aber keine Antwort auf die transparenten, flexiblen, leistungsfähigen Angebote von Microsoft, Amazon und Google.

SAP hat das Cloud Computing für sich entdeckt, ist aber den spezifischen IoT-Clouds von Atos, Siemens, QSC, Bosch etc. hoffnungslos unterlegen.

SAP hat sich selbstbewusst und erfolgreich auf einige IT-Stühle gesetzt, die sehr teuer zugekauft wurden: Hybris, SuccessFactors, Fieldglass, Ariba und Concur – dort funktioniert auch hinreichend Cloud Computing.

Andere, teure Zukäufe wie Sybase erwiesen sich weniger treffsicher – hier sitzt SAP zwischen allen Stühlen. Das Thema Zukäufe und Übernahmen ist jedoch für alle Mitspieler in der IT-Community komplex und mittelfristig ambivalent.

Bei technologischen Themen wünscht sich jedoch die SAP-Community eine eindeutige Richtungsentscheidung. Ein klares Bekenntnis zur eigenen Kernkompetenz und was man eben nicht weiß und kann – das wäre hilfreich.

Das Mäandern zwischen allem, was momentan trendig ist, bleibt nur peinlich: KI mit Machine/Deep Learning ist definitiv ein solcher Trend. Jeder spricht davon, nur die wenigsten können liefern.

Auch SAP behauptet, dass im Leonardo-Framework die Komponente Machine/Deep Learning vorhanden wäre und dass es dazu sogar schon Prototypen gibt.

Tatsache ist, dass man mithilfe des Grafikkartenspezialisten Nvidia ein paar Testanwendungen aus dem Umfeld von Machine Learning konstruiert hat. Bei genauerem Hinschauen erkennt somit der KI-Interessierte, dass selbst die moderne und neue Datenbank Hana nicht für KI-Aufgaben prädestiniert ist.

Das muss kein Fehler sein, aber mehr Transparenz und Ehrlichkeit wäre wünschenswert. Es ist keine Schande, wenn man nicht auf allen Hochzeiten tanzt. Es ist aber eine Schande, wenn man so tut, als wäre man dazu in der Lage.

Was bleibt: ein Bild, das SAP zwischen allen IT-Welten und Stühlen zeigt.

Warum sich nicht für eine IT-Welt entscheiden und den Rest den ambitionierten Partnern überlassen? Cloud Computing? Ja, natürlich – aber Microsoft mit Partner Suse kann es besser. Machine/Deep Learning? Ja, natürlich – aber IBM Watson, Nvidia und Amazon können es besser.

Wenn SAP nicht zwischen IT-Welten mäandert, sondern klar Stellung bezieht, ist allen geholfen. Und eine DSAG sollte mit einem Jahreskongresstitel nicht das unstrukturierte und unspezifische Vorgehen der SAP unterstützen. Sonst wird die Reise nach Jerusalem für alle zum K-Fall und niemand – SAP, DSAG, Bestandskunden – findet dann mehr ein trockenes Plätzchen.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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