Die Meinung der SAP-Community Lünendonk - Kolumne MAG 1709

Digitale Transformation…läuft doch!

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So schlecht, wie oft zu hören ist, sind deutsche Unternehmen gar nicht bei ihrer digitalen Transformation. Dass kleine und mittelständische Unternehmen aus verschiedenen Gründen keine Digital Leader sind, auch nicht sein können, geschweige denn wollen, liegt auf der Hand.

Viele Studien suggerieren uns, dass die digitale Transformation zu langsam voranschreitet, ebenso wie die Modernisierung der IT mithilfe von Technologien wie Cloud Sourcing und Automatisierung.

Ein schlechtes Zeugnis erhalten deutsche Unternehmen auch oft, wenn es um die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle analog zu Amazon, Zalando, CeweColor, Netflix etc. geht.

Aber ist das wirklich so? Ist Deutschland so schlecht in puncto Digitalisierung? Ich finde nicht. Die digitale Reife hängt sehr stark von der jeweiligen Branche ab und vor allem den Unternehmensgrößen.

Sie hängt auch davon ab, mit welcher Benchmark sie verglichen wird. Dass kleine Unternehmen nicht das Innovationsbudget und die Ressourcen eines Konzerns haben, sollte auf der Hand liegen.

Dass die IT-Abteilung in Unternehmen mit wenigen Hundert Mitarbeitern keine Game Changer sind, sein wollen und auch nicht können und der IT-Leiter nicht im Top-Management sitzt, sollte ebenfalls einleuchtend sein und nicht als Beispiel für Defizite interpretiert werden.

Leider werden für viele Studien zur digitalen Transformation überwiegend kleine und mittelständische Unternehmen befragt und dann der Eindruck einer schleppenden digitalen Transformation vermittelt.

Die Realität schaut durchaus anders aus. Die aktuelle Lünendonk-Liste und die dazugehörige Lünendonk-Studie „Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland“ zeigt dagegen ein anderes, positiveres Bild zum Stand des digitalen Wandels in großen deutschen Unternehmen. Vielleicht liegt es daran, dass für diese Studie 103 Anwenderunternehmen mit mindestens 2500 Mitarbeitern befragt wurden. 43 Prozent der Unternehmen erzielten 2016 Umsätze von über einer Milliarde Euro.

Digitale Geschäftsmodelle sind keine Vision mehr

Die Ergebnisse der Lünendonk-Studie zeigen, dass die Anstrengungen der letzten Jahre, die IT- und die Geschäftsprozesse mithilfe des Einsatzes neuer Technologien (zum Beispiel Cloud, künstliche Intelligenz, Virtualisierung) zu modernisieren und Prozesse zu automatisieren, durchaus erfolgreich waren.

So verfügen 56 Prozent der befragten Großunternehmen und Konzerne über eine moderne Anwendungslandschaft im IT-Backend. Entsprechend hoch ist die Integrationsfähigkeit für neue Anwendungen wie Cloud-Lösungen für ERP, CRM oder HR-Tools. Die ebenfalls gute Nachricht ist, dass keines der befragten Unternehmen eine veraltete Anwendungslandschaft aufweist.

Allerdings ist es bis zu einer kompletten Digital Customer Journey noch ein Stück zu gehen. Denn obwohl fast zwei Drittel der Unternehmen bereits eine hohe Integrationsfähigkeit der Backend-IT erreicht haben, können knapp 40 Prozent der Unternehmen ihre externen Partner (Zulieferer, Abnehmer, Kooperationspartner) nicht oder nur mit hohem Aufwand in ihre Geschäftsprozesse integrieren.

Da sich derzeit jedoch viele klassische Wertschöpfungsketten gerade im Umfeld von Handel, Industrie 4.0 und Internet of Things sehr stark und in hoher Geschwindigkeit zu digitalen Ökosystemen/Plattformen wandeln, sind Unternehmen gefordert, die Integrationsfähigkeit externer Partner sicherzustellen.

So stellen beispielsweise in der Industrie die Themen „Product as a Service“ „Predictive Maintenance“ wichtige Markttrends im Zusammenhang mit Cloud-Plattformen und Ökosystemen dar.

Hierbei geht es immer häufiger um die Verlagerung des klassischen Produktkaufs zur Überlassung von Produkten zur Nutzung beziehungsweise der Übertragung der Produktüberwachung während des Produktlebenszyklus an Dienstleister und Zulieferer.

Diese übernehmen immer häufiger die Verantwortung für Reparatur- und Wartungsleistungen sowie Softwareupdates. Der Zugriff auf die mit Sensoren bestückten Produkte (Maschinen, Anlagen, Turbinen, Fahrzeuge etc.) erfolgt über Cloud-Plattformen – ein typisches Anwendungsbeispiel für das Internet of Things.

Ein anderes Beispiel aus dem Handel sind die Online-Plattformen Amazon und Zalando, die immer häufiger als Plattform für andere Unternehmen dienen, um ihre Produkte zu vermarkten.

Entsprechend investieren beide Konzerne massiv in die Digitalisierung der Supply Chain und das Design des Frontends sowie der Customer Journey. Da solche digitalen Plattformen aber auch mit den Datenbanken und Software-Tools in der Backend-IT der Partner angebunden werden müssen, steigen die Anforderungen an die Integrationsfähigkeit der IT-Systeme.

In der Realität treffen folglich auf lokalen Servern betriebene ERP- und CRM-Anwendungen auf Cloud-Lösungen, die aber im Sinne eines Gesamtsystems miteinander kombiniert werden müssen.

Durch diese immer häufigere Kombination von On-Premise- mit Cloud-Betriebsmodellen nimmt der Bedarf an hybriden Cloud-Konzepten bei der Systemintegration stark zu.

Digitale Reife gar nicht so schlecht

Die Entwicklung solcher digitalen Geschäftsmodelle erfordert Geschwindigkeit und Flexibilität. Die Lünendonk-Studie „Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland“ kommt zu dem Schluss, dass in großen Unternehmen die agile Softwareentwicklung die klassischen Methoden weitestgehend abgelöst hat.

38 Prozent der befragten Großunternehmen und Konzerne gaben an, dass sie eine hohe Kompetenz in der Anwendung agiler Methoden aufgebaut haben. 17 Prozent geben sich eine befriedigende Note.

Dieses Bild, welches die untersuchten Unternehmen abgeben, ist aus Analystenperspektive durchaus realistisch. Viele Unternehmen haben große Schwierigkeiten, Fachkräfte am Arbeitsmarkt zu finden, die agile Softwareprojekte planen, steuern und umsetzen können.

Die Weiterbildung der Mitarbeiter zu agilen Methoden führt aufgrund der notwendigen Lernkurven bei den Mitarbeitern auch erst mittelfristig zum Erfolg. Darüber hinaus stehen Anwenderunternehmen und IT-Dienstleister in einem harten Wettbewerb um digitale Köpfe.

Schwierigkeiten haben dabei diejenigen Unternehmen, die über keine hohe Bekanntheit als Arbeitgeber und attraktive Arbeitsumgebungen verfügen. Mehr als jedes zweite der von Lünendonk befragten 103 Anwenderunternehmen plant, seine Budgets für IT-Beratung/Systemintegration sowie für die Anwendungsentwicklung weiter zu erhöhen. Weitere 30 Prozent planen immerhin die Budgets in den Jahren 2017/2018 konstant im Vergleich zu 2016 zu belassen.

Vor allem in der Anwendungsentwicklung liegt ein Schwerpunkt der Investitionen. Dabei geht es sehr häufig um die Entwicklung digitaler As-a-Service-Fea­tures für bestehende Produkte (Mehrwertservices) oder um die Optimierung von Prozessen zur Kundeninteraktion, um das Kundenerlebnis zu verbessern.

62 Prozent der Unternehmen geben folglich deutlich mehr für die Anwendungsentwicklung aus als im Vorjahr. Die zunehmende Reife einiger Unternehmen in der digitalen Transformation lässt sich auch gut an den geplanten Budgets für den IT-Betrieb ablesen.

18 Prozent der befragten Kundenunternehmen werden 2017/2018 ihre Ausgaben für den Betrieb ihrer Anwendungen und IT-Infrastruktur reduzieren. 44 Prozent werden ihre Budgets für die IT Operations konstant lassen.

Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund geringerer Hardware-Kosten, der Nutzung von Near- und Offshore-Leistungen und höherer Automatisierung bei gleichzeitig steigender Digitalisierung auch nachvollziehbar.

Aber auch steigende Ausgaben für den IT-Betrieb können ein Zeichen für eine hohe digitale Reife sein. So zeigen Gespräche mit Anwenderunternehmen, die sich in einer hohen digitalen Reifephase befinden und bereits mit der Vermarktung digitaler Geschäftsmodelle begonnen haben, dass sie die Ausgaben für den IT-Betrieb erhöhen müssen, weil ein immer größerer Teil der Wertschöpfung von Geschäftsprozessen wie Produktion, Supply Chain oder Marketing aus der Cloud bezogen wird.

Technologisch investieren die befragten Unternehmen in den kommenden zwei Jahren in die Themen „Automatisierung“, „Mobile Enterprise“, „Hybrid Cloud und Integration von digitalen Lösungen in die Backend-IT“ sowie in „Data Analytics“.

Ebenfalls einen sehr hohen Investitionsschwerpunkt haben die Datensicherheit und der Schutz vor Cyber-Attacken. Die Anforderungen an die Datensicherheit aufgrund der Datenschutzgrundverordnung der EU, die ab Mai 2018 endgültig eingeführt ist, sowie diverse Cyberangriffe (Petya, Wannacry) verdeutlichen, wie wichtig die frühzeitige Berücksichtigung von Securityaspekten bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Prozessoptimierungen ist.

Die Lünendonk-Studie „Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland“ zeigt die Fortschritte großer Unternehmen und Konzerne bei der Anpassung ihrer Strukturen, Prozesse und der IT-Betriebsmodelle an die Digitalisierung.

Mit Technologien wie Cloud Sourcing und Big Data werden signifikante Prozessoptimierungen erzielt und digitale Geschäftsmodelle entwickelt und vermarktet.

Schwierigkeiten haben Unternehmen jedoch in der Geschwindigkeit bei der Umsetzung von Digitalisierungsstrategien und Innovationen. Aus diesem Grund weiten sie auch in den kommenden Jahren die Zusammenarbeit mit externen Beratungs- und IT-Dienstleistern weiter stark aus.

Über den Autor

Mario Zillmann, Lünendonk

Angestellt als Senior Consultant bei der Lünendonk GmbH

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