MAG 1706 Szene

Unendlich mühsam

SAPPHIRE NOW 2017 Orlando 022 CMYK
Geschrieben von Hinrich Mielke, Alegri

Dieses Jahr war die Sapphire unterhaltsam, aber nicht erkenntnisreich. Was SAP wirklich will und wo der Konzern nur versucht, den Anschluss zu behalten, wurde in den Keynotes nicht offensichtlich. Es bleibt mühsam.

Ein einziger kurzer gemeinsamer Auftritt einer Google-Managerin mit SAP-Technikvorstand Bernd Leukert offenbarte das ganze Dilemma. SAP hat ihre Tugenden verloren:

Vor ein paar Jahren hieß es noch Hana Enterprise Cloud (HEC), dann kam die Hana Cloud Platform (HCP), nun heißt es nur noch SAP Cloud und die Akzeptanz ist so gering, dass sich der ERP-Weltmarktführer an AWS, Microsoft Azure und Google Cloud wenden muss.

In diesen drei Cloud-Angeboten ist mittlerweile verfügbar, was vor vielen Jahren der HEC unter Leitung des Ex-Technikvorstands Vishal Sikka alleine vorbehalten war.

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Aber auch diese ­SAP’sche Cloud-Exit-Strategie funktioniert nur eingeschränkt: Gemeinsam mit Google lobte man in Orlando das gemeinsame Angebot und präsentierte voller Stolz den ersten gemeinsamen Referenzkunden für eine Hana- und S/4-Anwendung aus der Google Cloud:

Interessant wäre zu wissen, ob dem Sapphire-Publikum der Referenzkunde Sovanta als Heidelberger Unternehmen des ehemaligen SAP-Vorstandsmitglieds Professor Claus Heinrich bekannt ist.

Zufall oder fand sich weltweit kein anderes „Opfer“, um für Google und SAP eine Referenz abzugeben?

Und in diesem intransparenten, unscharfen Stil ging es weiter: Selbst auf mehrmaliges Nachfragen von Analysten wurde bis zum Schluss der Sapphire nicht wirklich offensichtlich, was nun Leonardo ist:

Ende vergangenes Jahr war Leonardo noch die IoT-Initiative der SAP – entstanden aus dem Zukauf des amerikanischen Unternehmens Telit. Ein erster Erfolg war eine IoT-Applikation inklusive Predictive Maintenance bei der italienischen Staatsbahn, was sehr stolz von Bill McDermott und Bernd Leukert bei einem IoT-Symposium in Rom präsentiert wurde.

Ein halbes Jahr später die Leonardo-Metamorphose: Jetzt steht der Name für ein Framework, mit dem sich so gut wie alles entwickeln lässt – von IoT über Big Data, Blockchain bis hin zu Machine Learning.

Leonardo

Ab sofort ist Leonardo das Innovationsportfolio der SAP, ein zusammenfassender Sammelbegriff für unterschiedliche Dinge: Internet of Things, Machine Learning, Analytics, Kollaboration, Big Data, Design Thinking, Blockchain und Data Intelligence.

Leonardo setzt auf die SAP-Cloud-Plattform auf, die wiederum im SAP Datacenter, auf Microsoft Azure, AWS oder der Google Cloud laufen kann. Die Go-to-Market-Strategie wirkt noch recht dynamisch – Dokumente, Website und Präsentation sind nicht immer deckungsgleich.

IoT ist ein Teilbereich von Leonardo – und beinhaltet u. a. auch Funktionen wie das Reselling von Telit, einer Software zum bidirektionalen Ansprechen von IoT Devices. Dies dient zur Versorgung der dahinter liegenden Services von SAP (Hana, Analytics, Machine Learning etc.) mit entsprechenden Daten – das Rohöl –, aus denen dann Mehrwerte geschaffen werden können.

In diesen Bereichen ist SAP natürlich im Wettbewerb mit etablierten Herstellern von „Things“, z. B. Siemens, Bosch, General Electric. Hier werden der Marktzugang der nächsten Jahre und die Value Proposition interessant werden.

SAP will in Zukunft auf den digitalen Kern, zukunftsweisende Technologien und ERP-Know-how setzen, damit Kunden ihre Geschäftsprozesse digital, programmierbar und intelligenter machen können.

Für cloudbasierte Unternehmen sind das offene SAP-Partnernetz und starke Kooperationen von entscheidender Bedeutung, um in der heutigen globalen Wirtschaft erfolgreich zu sein.

Zudem geht SAP mit zwei neuen Initiativen auf Kunden und deren größte Herausforderungen ein. Mit dem SAP Cloud Trust Center und einem neuen Werkzeug mit Namen SAP Transformation Navigator erhalten Kunden künftig mehr Transparenz und einen besseren Überblick über das SAP-Produktangebot.

Machine Learning

Zu den Neuentwicklungen gehören neben der Leonardo Machine Learning Foundation eine Reihe neuer Anwendungen, die auf maschinellem Lernen basieren und von der Rechnungsprüfung über den Abgleich von Lebensläufen bis hin zu Kundenservice und Kundenbindung verschiedene Unternehmensbereiche unterstützen.

Darüber hinaus verfügt das Portfolio über einen SAP Cloud Platform Blockchain Service für die Entwicklung von Anwendungserweiterungen und neuen Lösungen mithilfe der Distributed-Ledger-Technologie.

Im Rahmen ihrer IoT-Initiativen stellt die SAP zudem eine neue Digital-Twin-Lösung und weitere Services bereit, mit denen sich das Anlagenmanagement optimieren lässt. Gleichzeitig wächst das SAP-Leonardo-Partnernetz weiter; neuester Kooperationspartner ist Deloitte.

Der Schwerpunkt wird zunächst auf IoT und intelligenten Lösungen für Branchen, Supply Chain Management und Finanzabteilungen liegen.

SAP Cloud Platform bietet ab sofort eine Multi-Cloud-Umgebung, in der Kunden mit Infrastrukturanbietern ihrer Wahl – wie SAP, Amazon Web Services, Microsoft Azure (Beta) und Google Cloud Platform (Demo-Installation) – Anwendungen entwickeln und betreiben können.

Gesteuert wird dabei alles über das neue Cockpit der SAP Cloud Platform. Die auf Cloud Foundry basierende SAP Cloud Platform umfasst mehrsprachige Laufzeitumgebungen, einschließlich Java, node.js und Hana XS Advanced.

Nvidia & SAP

Bemerkenswert war die Keynote von Hasso Plattner hinsichtlich des Eingeständnisses, dass Hana für Machine/Deep Learning gemeinsam mit den Prozessoren von Intel nicht hinreichend gut geeignet ist.

Für Machine Learning, insbesondere Deep Learning, ist viel Rechenleistung vonnöten – deshalb arbeitet SAP mit Nvidia zusammen, um mit deren GPU-Clustern die nötige Rechenleistung via Cuda nutzen zu können.

Nvidia-CEO Jensen Huang hat vor der Sapphire bereits die verstärkte Zusammenarbeit mit SAP angekündigt. Nvidia und SAP bündeln ihre Kompetenzen in den Bereichen künstliche Intelligenz (KI) und Enterprise-Software, um neue Business-Applikationen zu entwickeln.

SAP profitiert dabei nicht nur von den Fortschritten, die Nvidia im GPU-Bereich erzielt hat, sondern auch bei den Weiterentwicklungen im Bereich Software. So bietet Nvidia mit DGX-1 beispielsweise einen Supercomputer, der sowohl Hardware als auch eine Software-Suite beinhaltet. D

azu gehören auch die Deep Learning SDKs inklusive der bekannten Deep Learning Frameworks. Zu den Applikationen, die Nvidia und SAP bereits entwickelt haben und die alle auf den Deep-Learning-Technologien von Nvidia basieren, zählen:

SAP Brand Impact (Die Applikation kann den Erfolg von Werbemaßnahmen wie Aufstellern auf Events messen. Anwender erhalten innerhalb kürzester Zeit akkurate und überprüfbare Ergebnisse), Accounts Payable (Mit dieser Anwendung lässt sich die manuelle Bearbeitung von Rechnungen in Unternehmen automatisieren und dabei auftretende Fehler reduzieren.

Die Applikation wählt dazu relevante Informationen auf der Rechnung aus und klassifiziert sie. Dadurch werden Daten innerhalb weniger Sekunden übermittelt und der Cashflow soll beschleunigt werden), SAP Service Ticketing (Die Lösung ermöglicht eine automatisierte Handhabung von Support-Anfragen und trägt damit zu einem verbesserten Kundenservice bei. Mit der Applikation lassen sich unstrukturierte Daten analysieren und automatische Regeln erstellen, um Service-Tickets bestimmten Kategorien und im nächsten Schritt den richtigen Personen zuzuweisen).

Natürlich Hana

Mit Hana ist man jetzt nach Meinung von Hasso Plattner in ruhigem Fahrwasser, mit der neuen Hot-Standby-Technik auch bei 100 Prozent Verfügbarkeit.

Zum Themenbereich Analytics betonte Plattner mehrfach den Vorteil, direkt auf den Originaldaten der Geschäftsprozesse zu arbeiten. So erspare sich der Kunde das aufwändige, zeitraubende Kopieren der Daten.

Dies wird auch eine der Verlockungen des Umstiegs auf Hana sein, dass ein stetig zunehmender Teil der Analysen direkt ohne ETL durchgeführt werden kann. Dies im ersten Schritt auch ohne die Einführung von S/4.

Für viele Kunden war in Orlando die Art und Weise des Umstiegs auf Hana das beherrschende Thema. Es wird konstruktiv nach Lösungen und Wegen gesucht und dies kommt den IaaS-Anbietern zugute:

Um gerade in den Vorprojekten keine kostenintensive Hardware beschaffen zu müssen, die ggf. dann vom Sizing her nicht passt, werden für diese nicht produktiven Projekte gerne die Cloud-Angebote ebenfalls verprobt. So schlägt man zwei Fliegen mit einem PoC!

Der Umstieg auf Hana und die Nutzung von Cloud Services werden validiert und der Kunde erhöht seinen Spielraum und den Lösungsraum.

Weil die Portierung ECC 6.0 zu S/4 fertig ist, können jetzt neue Funktionalitäten entwickelt werden: Die Vorteile des Umstiegs auf S/4 werden von vielen Kunden akzeptiert und positiv wahrgenommen – die Verprobung und stattfindende Optimierung sowie Anpassung der Geschäftsprozesse stellen viele Kunden jedoch vor eine Hürde, denn die dafür benötigten Key-User sind oft kaum verfügbar.

Die SAP-Cloud auf den verschiedenen IaaS-Lösungen (Google, Azure, AWS) wird als Plattform gesehen und gefördert, wenn auch in noch sehr homöopathischen Dosierungen:

So gab es für die Kombination Google/SAP-Cloud nur einen Referenzkunden und das war ein Unternehmen des ehemaligen SAP-Vorstandsmitglieds Professor Claus Heinrich. Hier werden Google und SAP noch deutlich nachlegen müssen, um gegen AWS und Microsoft Azure an Boden zu gewinnen.

Über den Autor

Hinrich Mielke, Alegri

Hinrich Mielke ist Direktor SAP bei Alegri

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