Editorial

[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Großer Sprung nach vorn

Hasso Plattner hat es in Kalifornien bei Apple, Google, Amazon und Salesforce gesehen: Cloud Computing ist die Zukunft! Nun ist seine Angst, dass SAP in ein paar Jahren nicht mehr existiert, wenn nicht auch Bill McDermott und Luka Mucic den ERP-Konzern Richtung „Wolke“ treiben.

Der amerikanische Journalist Lincoln Steffens (1866 bis 1936) bereiste zwischen 1919 und 1921 die damalige Sowjetunion und berichtete euphorisch vom Marxismus-Leninismus:

„I have seen the future and it works.“

Ist es Hasso Plattner ähnlich ergangen, als er durch das Silicon Valley streifte und all die Prachtbauten von Apple, Facebook und Google sah? Sind diese cloudbasierten Geschäftsmodelle für Plattner die Zukunft?

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Die Kolchosen – die landwirtschaftlichen Großbetriebe der Sowjetunion – waren für Lincoln Steffens das gesegnet Land und die glorreiche Zukunft.

Die historische Entwicklung zeigt etwas anderes: Es gilt zwischen technischer Machbarkeit, Modetrends und Nachhaltigkeit zu unterscheiden.

SAP hat interessante Cloud-Lösungen, aber nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Momentan zahlt SAP einen extrem hohen Preis, um den Modetrend Cloud Computing auszuleben – es werden neue Megatrends kommen und bei fehlender Strategie beginnt dann wieder eine neue Diskussion.

SAP wird mit Cloud Computing scheitern, weil andere IT-Unternehmen naturgemäß schneller, agiler, schlanker oder größer sind – achten Sie auf den Skaleneffekt!

Das heißt aber nicht, dass SAP-Software nicht geeignet für das Cloud Computing ist. Es gibt erfolgreiche Installationen von ERP/ECC 6.0 Business Suite 7 bei zahlreichen Cloud-Anbietern.

Nur in die Hana Enterprise Cloud will kaum jemand. Die Anstrengungen und Investitionen, die SAP seit Jahren unternimmt, bringen nur wenig zurück.

SAP hat sich mit Google, Amazon und Microsoft auf einen Vergleich und Wettkampf eingelassen, der aufgrund der Größenverhältnisse nur zuungunsten von SAP ausgehen kann – und am anderen Ende der Cloud-Skala droht nun weitere Gefahr:

Siemens, Bosch, Atos und andere bauen spezialisierte Industrie-Clouds für IoT und M2M. Diese Indus­trie-4.0-Clouds werden keine Preisschlacht mit dem Cloud-Angebot von SAP beginnen. Sie sind aber spezialisierter als HEC und HCP und damit wahrscheinlich besser für die digitale Transformation geeignet.

SAP sollte das wissen, denn mit Hybris hat man ein ähnlich hoch spezialisiertes Produkt im Angebot – und man ist damit erfolgreich. Ariba, Concur und SuccessFactors befriedigen das quantitative Cloud-Wachstum von SAP. Man zahlt dafür aber einen verrückt hohen Preis.

SAP scheint blind zu sei:

Aber mit einem großen Sprung nach vorn will man bis 2020 nicht nur das Cloud Computing etablieren, sondern bis 2025 auch S/4 und Hana.

„Großer Sprung nach vorn“ war der Name für eine von Mao Zedong initiierte, von 1958 bis 1961 laufende Kampagne. Mithilfe dieser Kampagne sollten die drei großen Unterschiede Land und Stadt, Kopf und Hand sowie Industrie und Landwirtschaft eingeebnet, der Rückstand zu den westlichen Industrieländern aufgeholt werden.

Das SAP-Vorhaben erscheint ähnlich: Es gilt die Unterschiede zwischen on-premise und on-demand, zwischen Lizenzen und Subskription sowie zwischen Software-Modulen (inkl. Versionswechsel) und App-Entwicklung (Continuous Improvement) aufzuheben.

Die Zukunft reduziert sich aus Sicht von SAP auf Hana, S/4 und Cloud Computing – nicht viel, wenn man die Heterogenität der globalen SAP-Community und die divergierenden Wünsche der SAP-Bestandskunden kennt.

Zweimal scheiterte das Vorhaben der Vereinheitlichung und Gleichschaltung, einmal in den Kolchosen der Sowjetunion und einmal beim Großen Sprung nach vorn bei Mao Zedong.

1961 wurde in China die Kampagne nach ihrem offensichtlichen Scheitern abgebrochen.

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