Editorial

[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Anpassungsfähige und verantwortungsvolle Führung

SAP-Chef Bill McDermott war in Davos, davor in Barcelona auf der SAP-Fkom, Field Kick-off Meeting. Von Flexibilität und Verantwortung war dort nur wenig zu spüren. Das Davos-Thema könnte auch vom Anwenderverein DSAG stammen. Wann beginnt SAP, auf ihre Bestandskunden zu hören?

Warum anpassungsfähige und verantwortungsvolle Führung?

Aus Sicht von Bill McDermott läuft das Geschäft rund und simpel – an Hana, S/4 und Cloud Computing führt kein Weg vorbei?

Die digitale Transformation im Allgemeinen und Big Data, IoT, Industrie 4.0, Cloud und KI im Speziellen sind die Wachstumstreiber.

Zur Sapphire im kommenden Mai in Orlando wird dann auch SAP auf den Megatrend künstliche Intelligenz (KI) mit dem Thema Machine/Deep Learning aufspringen (siehe auch neuronale Netze der Hana Predictive Analysis Library, PAL).

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Die Bestandskunden brauchen hingegen andere Antworten: Die Community ist in Gefahr auseinanderzubrechen.

„Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass politische Führer sich den Forderungen der Menschen anpassen müssen, die ihnen die Führung anvertraut haben, während sie zugleich eine Vision und einen Weg vorwärts aufzeigen müssen, damit die Menschen sich eine bessere Zukunft vorstellen können“

wird in der Presse der Weltwirtschaftsforum-Gründer Klaus Schwab zitiert.

Sinngemäß könnte diesen Satz auch DSAG-Chef Marco Lenck sagen, nur nicht, dass es das vergangene Jahr so war, sondern bereits seit der Vorstellung der In-memory-Computing-Datenbank Hana: Unter Führung von Professor Hasso Plattner wurde am HPI (Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam) richtig erkannt, dass traditionelle ERP-Software systemimmanente Schwachstellen hat.

Hana löst einige davon. Plattner hat also folgerichtig, anpassungsfähig und verantwortlich gehandelt und eine Vision vorgegeben, die einen möglichen Weg vorwärts aufzeigt. Warum aber gleich das Kind mit dem Bade ausschütten?

Flexibilität und Verantwortung schauen anders aus: Warum respektiert SAP nicht die jahrzehntelangen Investitionen in IBM DB2, Oracle und Microsoft-SQL-Server?

Hana ist richtig und gut – daneben gibt es aber auch noch andere Wahrheiten.

Wenn der Anwenderverein DSAG zum wiederholten Male einfordert, dass mit der jährlichen Software-Pflegegebühr nicht nur teure Neuentwicklungen, sondern auch die kontinuierliche Weiterentwicklung existierender ERP-Investitionen zu geschehen hat, dann fühlt man sich an das Davos-Motto „Responsive and Responsible Leadership“ erinnert.

Welche Verantwortung empfindet Bill McDermott heute noch gegenüber seinen Bestandskunden?

Laut einer Pressemeldung aus Davos will er 10.000 neue Arbeitsplätze in den USA schaffen, damit reiht er sich ein in die Liste der Wirtschaftsbosse, die einen Kniefall vor dem neuen US-Präsidenten machen.

Ob das in Europa, wo noch immer das Herz der SAP schlägt, gut ankommt?

Verantwortungsvolle Führung beruht auf Transparenz und Überzeugung. Momentan findet man beides nicht bei SAP: Die S/4-Roadmap mit Hana und Hana 2 ist vollkommen disruptiv und erratisch.

Auf der Fkom in Barcelona prophezeiten die IDC-Marktforscher im Auftrag der SAP eine baldige Mehrheit an Cloud-Subskriptionen gegenüber On-premise-Lizenzen.

Wenn jeder Anwender gezählt wird, der ein Concur-, Streamworks- und SuccessFactors-Konto in der Cloud hat, dann ist das Ziel sehr leicht erreichbar.

Diese Zählmethode sagt aber nichts über den wirtschaftlichen und technischen Erfolg des Cloud Computing aus. Noch immer nicht hat SAP verifizierte S/4-Szenarien für komplexe ERP-, SCM- und HCM-Anwendungen in der Cloud offengelegt.

Ein Erfolg von SuccessFactors mag möglich sein. Anspruchsvolle und umfassende HR-Lösungen lassen sich aber mit dieser Art des Cloud Computing nicht abbilden.

Das Schieben und Drängen der Bestandskunden in eine SuccessFactors-Cloud ist demnach vollkommen verantwortungslos.

Was hat Bill McDermott in Davos gelernt?

Naturgemäß ist SAP in einer schwierigen Situation, denn anpassungsfähige und verantwortungsvolle Führung erwarten nicht nur die Bestandskunden, sondern auch die Mitarbeiter, Partner und Eigentümer.

SAP ist Teil eines globalen und sehr erfolgreichen Ecosystems. SAP ist ein börsennotiertes Unternehmen. SAP ist Old Economy, die sich gegen junge Start-ups verteidigen muss.

Wenn die internationalen Handelsströme und Produktionsanlagen zu einem großen Teil auf SAP-Software beruhen, dann ist das nicht nur ein anzuerkennender Erfolg für SAP, sondern auch eine gewaltige Verantwortung für den ERP-Weltmarktführer.

Weil die Welt heterogen ist und bleibt, kann und will nicht jeder SAP-Bestandskunde in die „Wolke“, kann und will er nicht Hana als singuläre Datenbank einsetzen – für BI vielleicht ja, für ERP vielleicht weniger.

SAP muss in ihrer Produktentwicklung mehr Verantwortung gegenüber den Bestandskunden zeigen.

SAP muss mehr Anpassungsfähigkeit gegenüber gesellschaftlichen, betriebswirtschaftlichen und technischen Entwicklungen zeigen.

Big Data, IoT, Analysis, KI können bald schon Notwendigkeiten für die Bestandskunden werden, wo eine singuläre Konzentration auf S/4, Hana und Cloud nur kontraproduktiv ist.

SAP wird dieses Jahr einen anpassungsfähigen und verantwortungsvollen Kurs finden müssen, damit die Ziele für 2020 und 2025 erreicht werden können.

Somit war der Abstecher von Bill McDermott nach Davos vielleicht eine gute Idee.

Peter M. Färbinger,
Chefredakteur E-3 Magazin

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