Editorial

[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Endausbau 2020

Das SAP-Dilemma hat zwei Seiten: In den Sapphire- und DSAG-Keynotes heißt es, dass Ariba, SuccessFactors und Hybris nun Hana-basiert arbeiten. In der IT-Praxis erfolgt der Datentransfer von ERP/ECC nach Ariba mittels CSV-Datei über NetWeaver PI.

Verzweiflung macht sich in der SAP-Community breit: Aufgaben aus den Bereichen digitale Transformation und IoT gehören gelöst und umgesetzt – aber es gibt dafür keine standardisierten Antworten.

Für jedes Problem zaubert SAP einen neuen Referenzkunden aus dem Hut. Diese Beispiele sind technologisch höchst bemerkenswert – aber sie sind nicht nachhaltig! Ihre Singularität verhindert die breite Adaption.

Bei SAP wundert man sich, dass aufgrund der zahlreichen Referenzen, Use sowie Business Cases und PoCs (Proofs of Concept) das Geschäft mit Hana und S/4 sowie Cloud (HEC und HCP) nicht anspringt.

Bei den Bestandskunden wundert man sich, dass von SAP keine nachhaltigen Antworten, Handlungsanleitungen und allgemeingültige Tipps und Tricks kommen.

Das „Enablement“ der digitalen Transformation ist demnach nicht so leicht wie das Erfinden spektakulärer Referenzgeschichten.

Was der digitalen Transformation mit ihren aktuellen Ausprägungen wie IoT und Industrie 4.0 fehlt, ist der wissenschaftliche Unterbau.

Es fehlt ein belastbares Fundament, ein theoretisches, generisches Modell, auf dem man praktische Lösungen aufsetzen kann.

Bei R&D (Research and Development) wurde die Forschung sträflich vernachlässigt, dafür wurden immer neue, singuläre Use und Business Cases entwickelt – und noch eine Cloud, und noch eine Cloud etc.

Wer kennt alle SAP-eigenen Clouds und die Clouds, die in Kooperation mit Partnern wie Siemens, Bosch etc. entstanden sind? Die Zahl an Cloud-Baustellen muss gewaltig groß sein – in jedem Fall für einen SAP-Bestandskunden unüberschaubar.

Chaos pur

Aber auch abseits des SAP’schen Cloud Computing ist das Chaos groß. Die zahlreichen Zukäufe sind bei Weitem noch nicht verdaut.

Mit großer Aggressivität wird die HR/HCM-Lösung SuccessFactors verkauft, was mäßigen Erfolg nach sich zieht, aber keinesfalls eine technische Stabilität der HR/HCM-Wolke bedeutet.

Das erste Halbjahr war von erheblichen Ausfällen und Störungen geprägt.

Wer ERP und Hybris verbinden will, findet zwar hinreichend technische Schnittstellen, aber kaum belastbare Business ­Cases:

  • Neue Kunden werden wo angelegt?
  • Ist Hybris oder ERP/ECC 6.0 das führende System?
  • Wie, wann und wo erfolgt ein Datenabgleich?

All diese betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Fragen muss der Bestandskunde immer wieder von Neuem für sich selbst lösen.

Der bekannte Hersteller einer betriebswirtschaftlichen, ganzheitlichen Standardlösung aus Walldorf (siehe R/2, R/3 und ERP/ECC 6.0) hat aktuell dazu keine Antworten.

Exemplarisch für die zahlreichen offenen Fragen und Baustellen im SAP-Weltreich ist die Schnittstelle zwischen ERP/ECC 6.0 und Ariba.

Vom ERP zur globalen Handelsplattform in der Wolke geht es nur mittels CSV-Datei. Damit dieser Datentransfer GRC-kompatibel ist, muss er nach Vorgabe durch SAP über NetWeaver PI (Process Integration) abgewickelt werden.

Bei der Verwendung einer CSV-Datei bekommt das Wort „Integration“ für den SAP-Bestandskunden wieder eine völlig neue Bedeutung.

Ariba-Chef Alexander Atzberger wurden noch zu Beginn dieses Jahres vom deutschen Manager Magazin echte Chancen und große Ambitionen nachgesagt, in den SAP-Vorstand aufzurücken.

Momentan schaut es ganz anders aus: Auf der Ariba-Hausmesse dieses Jahr in Las Vegas, USA, versuchte Alexander Atzberger seine On-premise- und SaaS-Politik zu rechtfertigen – ja, es gibt eine On-premise-Schnittstelle zwischen SAP und Ariba, aber diese wird nicht weiterentwickelt; ja, man versucht eine Cloud-Schnittstelle ähnlich der zwischen SAP und SuccessFactors zu konzipieren.

Softwareentwickler aus Deutschland, die verzweifelt bei Ariba vorstellig wurden, mussten erfahren, dass eine „intelligente“ Schnittstelle zwar geplant ist, aber momentan noch extrem niedrige Priorität hat.

Interessant wäre, wie SAP Ariba President Atzberger diese Baustelle vor dem SAP-Vorstand rechtfertigt.

Ein Puzzlestück nach dem anderen

Aber Alexander Atzberger von Ariba wird nicht viel zu befürchten haben, denn auch bei SAP selbst hat Technikvorstand Bernd Leukert mit S/4 eine Dauerbaustelle, die noch bis 2020 existieren soll.

Momenten werden in kleinen Schritten S/4 Finance und S/4 Logistics ausgerollt, ergänzt um notwendige Infrastrukturpakete wie S4Core.

Ein diesjähriger Teilnehmer des DSAG-Jahreskongresses meinte, es erinnere ihn an seine Jugend, als er die Bravo-Scherenschnitte sammelte und es eine Ewigkeit dauerte, bis endlich das fertige Poster an der Wand hing.

Die SAP-Bestandskunden müssen sich mit dem neuen ERP S/4 nicht nur gedulden, sondern dazwischen immer wieder auch Abstürze aufgrund der Instabilität von S/4 und Hana verkraften – auch dazu gab es in Nürnberg bei der DSAG einen erschütternden Vortrag von einem Schweizer S/4-Finance-Anwender.

Die Community ist sich einig, dass SAP momentan viele und gute Ideen hat, dass die Richtung grob stimmt, aber offensichtlich der ERP-Konzern bei der Bewältigung seiner Hausaufgaben überfordert ist.

Eine Beseitigung aller Baustellen und ein S/4-Endausbau werden momentan für 2020 versprochen, aber für viele SAP-Bestandskunden ist Warten keine Option.

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