MAG 1611 Szene

Digitalisierung ist mehr als Software

Interview
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Geschrieben von E-3 Magazin

Wissensvermittlung und -bereitstellung sowie intensive Diskussionen zum Brennpunktdauerthema digitale Transformation standen im Mittelpunkt des DSAG-Jahreskongresses 2016 im September in Nürnberg. Dazu und zu aktuellen SAP-Themen ein E3-Exklusivinterview mit Marco Lenck, dem Vorstands­vorsitzenden der DSAG.

Was war die Motivation für die DSAG, sich auf das Thema Business oder digitale Transformation als Leitthema des Jahreskongresses 2016 festzulegen?

Marco Lenck: Praktisch jede Führungsebene in Unternehmen hat sich bereits mit dem Thema digitale Transformation auseinandergesetzt. Und in der Folge ist es ein Topthema auf IT-Leitungsebene geworden, mit der Kernfrage:

Was kann unsere IT zur Business-Transformation beitragen?

Produkte lassen sich digitalisieren, Services, vielleicht auch Märkte. In fast jeder Branche wird dazu irgendetwas passieren. Und genau das Irgendetwas treibt die Führungsebenen um.

Bislang ging es hauptsächlich darum, effiziente Core-Prozesse zu realisieren und effektiv zu unterstützen – etwa mit Standardsoftware und ERP-Systemen.

Digitalisierung von Information und Management geht darüber hinaus.

Was heißt das konkret?

Lenck: Wie verändern sich meine Märkte und meine Geschäftsmodelle im Markt und in meiner Branche.

Wie kann mein Unternehmen dort differenzierend agieren? Diese Kernfrage stellen wir uns mittlerweile neu. Weil die Zahl der Möglichkeiten drastisch zugenommen hat.

Und: Man agiert komplett anders mit Produkten, mit Services oder mit Kunden im Markt. Wobei Digitalisierung mehr als Software ist.

Wir wissen, dass die DSAG-Community sich intensiv mit der digitalen Transformation auseinandersetzt und zahlreiche Fragen dazu hat, die über SAP-Themen oder -Aspekte hinausgehen.

Was tut die DSAG im Einzelnen, damit die Mitglieder sozusagen in die „digitale Spur“ kommen?

Lenck: Es gibt unsere Arbeitskreise, ferner finden regelmäßige Meetings statt, auch ist der Informations- und Wissensaustausch im DSAGNet, einer exklusiven Austauschplattform für DSAG-Mitglieder, sehr intensiv.

Daneben denken die Vorstandsmitglieder Themen an. Alles das, was wir innerhalb der DSAG erarbeiten, stellen wir den DSAG-Mitgliedern zur Verfügung – zum Thema SAP, aber auch zum Thema digitale Transformation.

Wir forcieren natürlich den Wissenstransfer unter den DSAG-Mitgliedern.

Für die über 4.500 Teilnehmer des Jahreskongresses gab es nicht nur sehr viele Informationen. Sie haben viele Fragen aus ihren Unternehmen zum Thema digitale Information zum Jahreskongress mitgebracht. Und die werden zum Beispiel in den Kaffeepausen sozusagen mit Gleichgesinnten diskutiert – angereichert um Informationen, die man in den Arbeitskreisen oder Foren erhält.

So entwickeln sich Meinungen oder es verfestigen sich konkrete Vorgehensweisen. Das ist das, was die DSAG beitragen kann.

Das wird hier und da nicht ausreichen, aber das sind wesentliche Bausteine.

Vielleicht noch: Wir arbeiten gerade an einer Handlungsempfehlung digitale Transformation, die voraussichtlich Ende November zur Verfügung steht.

Und: Wir intensivieren die Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmens- und Industrienetzwerken, gerade vor dem Hintergrund der Business-Transformation.

SAP hat das neue S/4 Hana als den „digitalen Kern“ bezeichnet. Im Kern ist der Business-Suite-Nachfolger aber erst einmal ein Software-Package, oder?

Lenck: Aus unserer Sicht ist S/4 Hana vorrangig ein Ersatz für ERP.

Es wurde sozusagen Ballast abgeworfen, den das SAP ERP mit sich herumgeschleppt hat. Sei es bei der Datenbank, sei es bei den Transaktionen durch vereinfachte Datenmodelle.

Es hat auch einen gewissen Anspruch, redundanzfrei zu sein. Dinge aber nur technisch anders zu machen ist nicht wirklich ein großer Sprung nach vorn. Wir benötigen neue Funktionalität sowie eine Reintegration von anderen Systemen in S/4 Hana.

Das hat bis dato noch nicht stattgefunden. Mit der neuen S/4-Version 1610 als funktional erweitertem ERP-System gegenüber der Business Suite, die wir heute haben, findet eine Neupositionierung statt.

Letztendlich kann man es so sehen: S/4 ist eine Art Wette auf die Zukunft.

Wird S/4 seinen Weg machen, ein Erfolg werden?

Lenck: Ich glaube, ja. Es wird über viele Jahre ein Alternativprodukt zur Business Suite sein.

Aber: Wir sehen keine schnelle Ablösung. Wir glauben, dass mehr und mehr Unternehmen auf diese Plattform gehen wollen.

Sie sollten aber genau überlegen, warum sie das tun, und diese Frage gut beantworten können. Performance allein reicht nicht aus. Das genügt den meisten Anwendern nicht.

Es geht vor allem um vereinfachte Datenmodelle oder um eine neue Benutzeroberfläche.

Ist das Upgrade auf S/4 aktuell ein Thema, mit dem sich schon viele SAP-Bestandskunden auseinandersetzen?

Lenck: Es gibt momentan viele Unternehmen, die sich mit dem möglichen S/4-Upgrade beschäftigen. Und es werden immer mehr.

Aber ein ERP-System wird nicht mal soeben gewechselt. Und es ist auch nicht ganz so einfach. Wenn man ein Projekt konzipiert, dann stellt man fest, dass es eine Reihe von Altlasten gibt.

Momentan beschäftigt sich das Gros der SAP-Bestandskunden mit einer 1:1-Migration.

Ist ein Brown-Field-Approach, bei dem ich Stück für Stück Vorhandenes übernehme, oder ist ein Green-Field-Ansatz, bei dem man quasi alles neu macht, das Beste für mein Unternehmen? Diese Frage stellen sich momentan viele Unternehmen.

Aus unserer Sicht werden wir in zwei bis drei Jahren eine nennenswerte Anzahl auch von größeren Kunden auf der S/4-Plattform sehen. Gleichfalls wird es über das Jahr 2020 hinaus aber nach wie vor einen großen Anteil an Business-­Suite-Kunden geben.

Apropos Business-Suite-Unterstützung. Könnte es sein, dass es eine SAP-Unterstützung über 2025 hinaus geben wird?

Lenck: SAP hat angekündigt, dass die Wartung der Business Suite bis mindestens 2025 läuft.

Wartung heißt für uns: Produktentwicklung bis 2025. Es gibt für die Business Suite bis heute kein Nachfolgeprodukt.

S/4 wurde explizit als neues Produkt positioniert. Bis 2025 sind es immerhin noch neun Jahre. Die DSAG wird sich rechtzeitig darüber Gedanken machen, wie mit dem Thema „Unterstützung der Business Suite bis 2025“ umzugehen ist.

Wie quasi aus dem Nichts wurde am 7. September die Verfügbarkeit von SAP BW/4 Hana angekündigt. Die Meinung der DSAG dazu?

Lenck: Es ist ein Faktum, dass BW on Hana das zurzeit am meisten installierte On-Hana-Produkt darstellt.

Man kann schon fast sagen: BW on Hana ist eine Art Go-to-Release.

Anwender sind in der Nutzung geübt. Jetzt kommt mit S/4 ein ERP-Produkt dazu, bei dem sich die Frage stellt: Ist ein BW-System noch erforderlich?

Eine Frage, die man sich ohnehin kritisch stellen sollte. Viele Unternehmen werden dies mit einem Nein beantworten, viele Unternehmen werden dies mit einem Ja beantworten. Weil sie mit einem BW deutlich mehr machen als ausschließlich operatives Reporting.

Und diese Unternehmen, die das auch zukünftig anstreben, sind sicherlich gut beraten, eigenständige BW-Installationen zu betreiben.

Und es macht sehr viel Sinn, dies mit Hana zu tun.

Nun ist BW/4 Hana da, und man fragt sich: Was macht ein BW/4 Hana anders als ein BW on Hana?

Und die Frage sollten sich die Anwender auch stellen.

SAP erklärt, wir haben das BW-System entschlackt und BW/4 Hana basiert auf einer anderen Architektur. Sicherlich sollte man sich als SAP-BW-Anwender gut überlegen und hinterfragen, was ein Wechsel in puncto Betrieb, in puncto Use- oder Business-Case, Lizenzen und anderes mehr mit sich bringt.

Hat sich die etwas zögerliche Einstellung der Mitglieder, die eine DSAG-Umfrage zum Thema Cloud Computing zum Jahresbeginn zutage förderte, verändert?

Lenck: Von der Hana Enterprise Cloud, kurz: HEC, als Betriebsmodell hört man derzeit wenig. Nach wie vor ist die Cloud-Wahrnehmung unter den DSAG-Mitgliedern sehr ambivalent.

Ein Teil ist der Auffassung: Okay, mein Geschäftsmodell hat damit kein Problem; Cloud Computing ist für mich gefahrenfrei.

Ein anderer möchte nach wie vor keine geschäftskritischen Daten in der Cloud ablegen. Bei der HCP, der Hana-Cloud-Plattform, hingegen gibt es faktisch zwei Zielrichtungen. Das eine ist die Nutzung einer Entwicklungsplattform, um Softwareentwicklung zu betreiben und  Anwendungen on premise zu verwenden. Ferner lassen sich mit HCP unternehmensübergreifende Prozesse aufbauen und nutzen. Für derartige Prozesse macht es sehr wohl Sinn, auch auf Cloud im Rahmen des Hybrid-Cloud-Computings zu setzen.

An dieser Ecke hat die Awareness gegenüber dem Cloud Computing ein Stück weit zugenommen.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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