Editorial

[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Künstliche Intelligenz hilft dummen ERP

Geht es nach den Vorstellungen von SAP, dann ist man Teil der internationalen KI-Forschung und Entwicklung. SAP sponsert KI-Konferenzen und hält Keynotes. Aber man verwechselt KI mit intelligenten Systemen. Komplexe mathematische und statistische Formeln aus Hana PAL sind keine KI.

Schon kommen Gerüchte auf, dass SAP wieder einmal den aktuellen IT-Trend verpasst – und diesmal könnte es gefährlich für den ERP-Software-Hersteller werden.

Das erste Mal lachte die IT-Szene über SAP, als offensichtlich wurde, dass man in Walldorf dem Internet zu wenig Beachtung ­entgegenbrachte.

„Verschläft SAP das Internet?“, rauschte es durch den Blätterwald.

Am Höhepunkt der Dotcom-Blase hatte SAP keine Antworten, wie das World Wide Web zu R/3 passen könnte.

Erste Lösung aus Walldorf: Aus sap.com wurde mysap.com und die Visitenkarten der SAP-Mitarbeiter wurden mit sehr bunten mysap.com-Logos bedruckt.

Eigenentwicklungen und Zukäufe haben mittlerweile SAP hinreichend in der Web-Community positioniert. Das SAP’sche Mobile Computing gehorcht dem Web-Standard HTML5 und heißt Fiori/UI5.

Ende gut, alles gut?

Den späten Einstieg in das World Wide Web konnten die Walldorfer gerade noch reparieren und kompensieren.

Ganz anders sieht es beim aktuellen IT-Megatrend künstliche Intelligenz/Machine Learning (Deep Learning) aus. Hier könnte der Megatrend zum Mega-GAU für SAP werden.

Nicht nur, dass man konzeptionell auf einem Nebengleis unterwegs ist, das man in Walldorf für den Lösungsweg hält, viele Experten meinen auch, dass es sich bei KI und Machine (Deep) Learning um den vielleicht letzten Megatrend der Informatik handelt:

Ab nun soll sich die KI kontinuierlich und stetig weiterentwickeln, naturgemäß immer leistungsfähiger werden, aber etwas Neues wird es danach nicht mehr geben.

Den Offenbarungseid leistet Frau Dr. Tanja Rückert, SAP Executive Vice President, auf einer KI-Konferenz in Berlin, die von der Wochenzeitung Die Zeit mit hochkarätigen Sprechern organisiert wurde.

Frau Rückert sprach dort über intelligente Systeme basierend auf mathematischen und statistischen Funktionen, wie sie jeder Hana-Anwender im SAP-Framework PAL (Predictive Analysis Library) findet. Ihr Beispiel war vorausschauende Wartung bei Bahngesellschaften.

Bereits vor zwei Jahren präsentierte SAP-Technikvorstand Bernd Leukert dieses Szenario anhand der staatlichen, italienischen Eisenbahngesellschaft: Hunderte Sensoren in den Lokomotiven und Waggons geben Auskunft über den Zustand von Motoren und Aggregaten.

Basierend auf MTBF-Raten (Mean Time Between Failures), statistischen Funktionen wie der „Badewannen“-Kurve und weiteren komplexen, mathematischen Algorithmen lässt sich sehr gut und erfolgreich eine vorausschauende und damit preiswertere Wartung realisieren.

Solche Wartungs- und Logistik-Systeme darf man zu Recht als intelligent bezeichnen und nach Aussage von Bernd Leukert erspart sich die italienische Eisenbahn mittlerweile Millionen an Wartungskosten.

Aber, Frau Rückert und Herr Leukert, nur weil ein System intelligent ist und ein wenig in die Zukunft schauen kann, ist es noch keine KI.

Künstliche Intelligenz ist etwas anderes, als intelligent zu sein! Hier vergleicht SAP die berühmten Äpfel mit den ebenso berühmten Birnen.

Der wesentliche und systemimmanente Unterschied: Das SAP’sche Predictive-Analysis-System für die italienische Bahn wurde von Menschen programmiert und wird von Menschen verstanden.

Letztendlich könnten die variablen Serviceintervalle auch von Menschen berechnet werden – angesichts der Menge an Lokomotiven und der damit verbundenen Millionen von Sensordaten empfiehlt es sich jedoch, auf ein Hana-­System zurückzugreifen.

Künstliche Intelligenz ist es, wenn ein Computer den weltbesten Go-Spieler schlägt. Hier versteht der Mensch lediglich den Hardware-Aufbau des Computers (ein sehr tiefes neuronales Netzwerk) und die gesetzten Anfangsalgorithmen – alles weitere organisierte und lernte die Maschine selbst.

Auch die Erfinder der Maschine AlphaGo und Go-Experten konnten anlässlich des Wettkampfes gegen den weltbesten Go-Spieler viele Spielzüge der Maschine nicht erklären, dennoch siegte AlphaGo in vier von fünf Spielen (die britische Firma DeepMind wurde für 600 Millionen Dollar von Google gekauft und gilt als Schöpfer von AlphaGo).

Einige Experten auf der Berliner KI-Konferenz bestätigten diese Entwicklung: Es ist absehbar, dass KI schon bald den Menschen überlegen sein wird.

Prof. Dr. Jürgen Schmidhuber, Wissenschaftlicher Direktor, Schweizer Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz (IDSIA), sieht es positiv: KI wird den Menschen überragen, den Weltraum besiedeln und uns auf der Erde zurücklassen.

Naturgemäß ist SAP von universellen Problemlösungen, rückgekoppelten neuronalen Netzen und mathematisch rigoroser universeller KI weit entfernt. Aber Hana PAL hätte zumindest einen theoretischen Ansatz in Form neuronaler Funktionen und einer Graph-Datenbank.

SAP könnte somit noch Anschluss an die Zukunft erlangen, aber davon hat Bernd Leukert nie etwas während seiner Sapphire-Keynotes erwähnt und auch Tanja Rückert schwieg sich über echte KI in Berlin aus.

Aber – wie auch Frau Rückert betonte – echte KI wird in den Bereichen ERP, IoT, Logistik, Robotik und Industrie 4.0 unumgänglich sein, das offenbarte die KI-Konferenz eindeutig.

SAP wird sich anstrengen müssen – vielleicht saß schon ein SAP-Headhunter im Publikum?

Peter M. Färbinger, Chefredakteur E-3 Magazin

PS: Ich war durch Einladung auf der KI-Konferenz in Berlin. Die Reise- und Hotelkosten zahlte der E-3 Verlag B4Bmedia.net AG

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