Infrastruktur MAG 1609

Was S/4 wirklich kann

[shutterstock.com:528653644, ra2studio]
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Geschrieben von Damien Schirrer, Orbis

Die digitale Transformation verändert die Rolle des ERP-Systems im Unternehmen. Wie das ERP der ­Zukunft aussehen könnte, zeigt die Applikationssuite S/4 Hana, die den Kern der digitalen Geschäfts­modelle bilden soll. Eine kritische Bestandsaufnahme veranschaulicht die Vorteile und die Grenzen.

Schirre DanielDer digitale Wandel stellt Unternehmen aller Branchen und Größen vor enorme Herausforderungen. Die Komplexität der Prozesse und Wertschöpfungsketten steigt, gleichzeitig fallen durch den Einsatz von Technologien des Internets der Dinge (IoT) in Industrie-4.0-Szenarien riesige Datenmengen (Big Data) an.

Simplifikation

Die mit der digitalen Transformation verbundenen Anforderungen lassen sich mit einem „klassischen“ ERP-System wie SAP ERP nicht mehr zufriedenstellend bewältigen.

Mit S/4 hat SAP nun eine Anwendungssuite auf den Markt gebracht, die die Vorzüge der In-memory-Plattform SAP Hana in Bezug auf Datenverarbeitung, Analyse und Echtzeitsimulation und die Vorteile der intuitiven Bedienoberflächen von SAP Fiori bündelt.

Sie kann on premise installiert oder als individuelles System in einer Managed Cloud beziehungsweise als standardisierte Edition in der Public Cloud wie auch in Form eines Hybridmodells genutzt werden.

Getreu dem Motto „Run Simple“ ermöglicht S/4 mithilfe digitaler und vereinfachter Geschäftsprozesse den reibungslosen Übergang in die digitalisierte Welt. Das entschlackte Datenmodell – redundante Datenschichten, Aggregate und Indices wurden abgeschafft – reduziert die zu verarbeitende Datenmenge im Schnitt um den Faktor zehn, und auch die IT-Infrastruktur wurde verschlankt.

Ganz wesentlich trägt dazu bei, dass PLM-, SCM-, CRM-, SRM- und BI-Funktionalität oder die globale Verfügbarkeitsprüfung (Global ATP) aus SAP APO wieder in den ERP-Kern zurückgeholt werden.

Im Fall von SAP APO erübrigt sich dadurch die Installation eines eigenen Systems und damit die redundante Datenhaltung beziehungsweise das Duplizieren von Daten zwischen ERP und APO.

Prozessorientiert

Anders als die modulare Anwendung SAP ERP ist S/4 konsequent prozessorientiert aufgebaut und verfügt dadurch über eine deutlich einfachere Architektur. Die Aufgaben und Daten von einzelnen Geschäftsbereichen wie Vertrieb, Finanzwesen oder Logistik sind in der Suite S/4 gebündelt – nämlich in S/4 Sales, S/4 Finance (vorher SAP Simple Finance) oder S/4 Supply Chain –, sodass sich dem End-User ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

In S/4 Finance etwa kann er nun zu jedem Zeitpunkt ein Soft Close der Gewinn-und-Verlust-Rechnung (GuV) in großer Detailtiefe durchführen. Alle Finanzdaten werden in einem Repository zentral abgelegt und nahezu in Echtzeit auf der Ebene von Einzelposten verarbeitet.Infra 1609

Damit wird die Trennung zwischen Controlling und Rechnungslegung aufgehoben, und das bedeutet größere Transparenz. So erscheint jeder Vorfall, der in der Rechnungslegung gebucht wird, jetzt sofort im Controlling und umgekehrt.

Komplexe MRP-Läufe, die im Batch-Modus bis zu einen Tag benötigen, können in S/4 Supply Chain ad hoc simuliert werden. Das erlaubt es auch, sie mehrmals am Tag komplett durchzuführen. Davon profitieren besonders die Prozesse in der Produktion, da Entscheidungen in Bezug auf den Einsatz von Material, Maschinen und Personal nun auf Basis von Echtzeitdaten gefällt werden können.

Andere SAP-Lösungen – ob on premise oder in der Cloud – lassen sich nahtlos in die Anwendungspakete, die den „digitalen Kern“ der neuen Suite bilden, integrieren, bis schließlich komplett digitalisierte End-to-End-Prozesse entstehen.

Verknüpft man beispielsweise S/4 Sales mit der Kundenmanagementlösung SAP Cloud for Customer, lässt sich ein durchgängiges Customer-Engagement-Konzept realisieren – online wie offline und auf jedem Endgerät.

Nach außen manifestiert sich das Run-Simple-Prinzip in den SAP-Fiori-Apps. Die Apps sind genau auf die jeweilige Anwendergruppe zugeschnitten und bringen, je nach Rolle und Berechtigung, alle relevanten Daten auf dem Desktop, dem Smartphone oder Tablet zum Fachanwender.

Über das SAP Fiori Launchpad kann er sowohl auf die transaktionalen und analytischen Apps zugreifen, die ihm zugeteilt sind, wie auch auf Factsheets und SAP Smart Business Apps.

Die SAP Smart Business Apps führen wichtige operative und strategische Echtzeitkennzahlen für bestimmte Bereiche wie die Bedarfs- und Absatzplanung oder das Projektmanagement übersichtlich in einem Cockpit zusammen. Der Materialplaner weiß auf diese Weise jederzeit, wie viele ungedeckte Aufträge, Unterdeckungen mit oberster Priorität oder verspätete Bestellungen es aktuell gibt.

Und der Projektleiter behält sämtliche Fälle von Kostenabweichung, Fehlteile, überfällige Meilensteine oder PSP-Elemente im Blick. Dass die KPIs per Drill-down bis ins kleinste Detail analysiert werden können, versetzt die Verantwortlichen in die Lage, Abweichungen oder Probleme frühzeitig zu erkennen und umgehend Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Alternativ zu Fiori kann man in bestimmten Fällen für die in einem SAP GUI ausgeführten Transaktionen und Abap-Eigenentwicklungen mit dem Add-on Screen Personas per Drag-and-drop eine nutzerfreundliche, personalisierte Weboberfläche erstellen.

Für den Einsatz in der Produktion und Intralogistik eignet sich wiederum die Orbis Multi-Process Suite (MPS), eine Abap-basierte, sichere und stabile Anwendung aus dem Haus der Orbis, hervorragend.

Orbis MPS bindet Echtzeitdaten aus Sensoren, Aktoren sowie Barcodes und RFID-Tags wie auch die Abläufe in der Produktion und der Intralogistik automatisch in SAP-Software ein und visualisiert sie nach dem Push-Prinzip rollenbasiert und übersichtlich auf industrietauglichen Oberflächen.

Da die Anwendung am Desktop wie auch mobil per Smartphone oder Tablet genutzt werden kann, hat der Fachanwender aktuelle Informationen jederzeit zur Hand – sogar unterwegs online wie offline. Darüber hinaus bietet Orbis MPS die Möglichkeit, verschiedene SAP-Fiori-Apps in einem User Interface zusammenzuführen.

Unternehmen, die einen Umstieg auf S/4 in Erwägung ziehen, sollten dies nicht tun ohne die Begleitung eines erfahrenen Partners mit modulübergreifender Beratungs- und Prozesskompetenz sowie umfassendem Technologie-Know-how im SAP-Umfeld. Er kann den Kunden bei der Wahl der richtigen Bedienoberflächen (SAP Fiori, SAP Screen Personas, Orbis MPS), des geeigneten Betriebsmodells (on Premise, Cloud, Hybrid) kompetent beraten und ermittelt das passgenaue Sizing der SAP-Hana-Datenbank (Arbeitsspeicher, Discs, CPU).

Damit die Einführung unter präziser Einhaltung von Zeitplan und Budget vonstattengeht, sollte der Partner auf eine agile Einführungs­methode wie SAP Activate zurückgreifen.

Der Weg zu S/4

Setzt ein SAP-Bestandskunde bereits SAP ERP 6.0 mit Unicode ein, ist zunächst ein Upgrade auf das jeweils aktuelle En­hancement Package (EHP) durchzuführen, in diesem Fall auf EHP 7. Erst dann erfolgt der Umstieg auf die Hana-Datenbank und schließlich das Einspielen der SAP-S/4-Hana-Innovationen.

Die Umstellung der einzelnen SAP-Installationen kann entweder auf einen Schlag stattfinden oder aber Schritt für Schritt. Nutzt der Kunde bereits die SAP Business Suite powered by SAP Hana, muss beim Wechsel lediglich der „alte“ Code durch neuen ersetzt werden.

Für Neukunden kommt nur die komplette Neueinführung von S/4 infrage, sie empfiehlt sich aber auch bei Bestandskunden mit einer Multi-ERP-Umgebung. Letztere sollten die Suite zunächst in einer Niederlassung einführen, die noch keine SAP-Software einsetzt, ehe sie in alle übrigen Standorte ausgerollt wird.

Über den Autor

Damien Schirrer, Orbis

Damien Schirrer ist Managing Director France Orbis.

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