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Morgens um halb sieben in Deutschland

[shutterstock.com:347798435, ESB Professional]
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Stellen Sie sich vor, Sie wären im Support für ein Business Warehouse tätig. Jetzt stellen Sie sich vor, ein SAP-Berater kommt und verspricht, dass Echtzeit-Reporting mit SAP BW on Hana Ihr Geschäft revolutionieren wird. Glauben Sie ihm? Genau darum geht es dem Protagonisten in dieser Geschichte.

Es ist halb sieben Uhr. Ich schaue auf den Monitor. Drei rote Ampeln signalisieren Fehler in der nächtlichen Datenbereitstellung für das Business Warehouse.
Drei von achtundzwanzig. Das ist keine schlechte Quote.

Die Fehlerursache ist schnell analysiert. Zur Bereinigung bedarf es eines Mausklicks auf „Wiederholen“. Ein leichtes Unterfangen. Nicht jeden Tag ist die Lösung so einfach. Doch jeden Tag ist etwas zu tun. Das ist mein Job. Ich bin SAP-BW-Administrator.

Ich überwache Ladeprozesse ins Business Warehouse. Ich analysiere Ladefehler, führe Korrekturen durch, sorge mich um die Qualität der auswertungsrelevanten Daten im Unternehmen.

Ich helfe dem Fachbereich dabei, das Datenmodell anzupassen, wenn sich neue Berichtsanforderungen ergeben. Und ich stehe als interner Berater und erster Ansprechpartner für die Bewertung neuer Softwareprodukte zur Verfügung. Den Vertriebsprofis der Softwarehäuser misstraut man, insbesondere denen der SAP.

Schon wieder war einer von der SAP da. Hat etwas von nie dagewesenen Möglichkeiten erzählt. Ein Datenbanksystem namens Hana soll die Revolution im Software-Engineering bringen. Und unser Unternehmen profitiere davon: extreme Kostenersparnis.

Der Betriebsaufwand reduziere sich durch „Echtzeit-Reporting“ nahezu auf null. Wie oft haben wir Prophezeiungen dieser Art bereits gehört!?

Berlin, 11. August 2016, 14 Uhr

Ein Meeting wird kurzfristig organisiert. Echtzeit-Reporting brennt unserem Chef-Controller schon lange unter den Nägeln. Es ist keine zwölf Monate her, da hatte ich Anforderungen nach Realtime-Auswertungen im SAP BW zu bewerten.

Mein Urteil damals: Technisch machbar – unter Verdopplung der Projekt- und Betriebskosten. Die aufgezeigten Kosten führten dann zur Einsicht, den Schritt nicht zu gehen.

Ich werde misstrauisch, als der SAP-Berater erläutert: Hana-Echtzeit-Reporting ist kostengünstiger zu realisieren als die Entwicklung klassischer SAP-BW-Anwendungen. Der Chef-Controller wird aufmerksam – wirft mir einen fragenden Blick zu.

Ich muss einschreiten, bevor nicht haltbare Erwartungen geweckt werden. In meiner Argumentation hole ich weit aus: Ein Abriss über historische Strategien der SAP, über eingeführte und wieder zurückgezogene Produkte, über vollmundige Versprechen, die nicht eingelöst wurden…

Die Euphorie ist aus dem Gesichtsausdruck des Chef-Controllers gewichen. Ich bin zufrieden.

Berlin, 12. August 2016, 9 Uhr

Der IT-Leiter hat mich zu sich gebeten. Anscheinend wurde er von unserem Chef-Controller kontaktiert. Auf seinen Wunsch reflektiere ich die Ergebnisse des letzten Meetings.

Er teilt meine Meinung, dass nicht vorschnell und ungeprüft neue Produkte der SAP eingeführt werden sollten. Doch gänzlich verweigern könne er sich dem Anliegen aus dem Controlling nicht. Die Fachabteilung fordere von der IT schließlich schon lange, Auswertungsmöglichkeiten in Echtzeit bereitzustellen.

Sein Vorschlag, einen Prototyp auf der neuen Plattform zu entwickeln, klingt vernünftig.

Berlin, 16. August 2016, 10 Uhr

Ein Partnerunternehmen der SAP hat uns zu Validierungszwecken ein BW-on-Hana-System und einen Spezialisten für die Prototyp-Entwicklung zur Verfügung gestellt. Ein externer Berater sitzt nun in meinem Büro, um realistische Echtzeit-Auswertungen nach meinen Vorgaben zu entwickeln.

Ich wähle einen besonders komplexen Anwendungsfall: Kassendaten unserer Verkaufsfilialen. Mehrere Hundert Kassen senden Bon-Positionen unmittelbar ins SAP BW: Massendaten.

Auswertungen sind erst am nächsten Tag möglich. Die Beladungs- und Transformationsprozesse dauern fast die ganze Nacht. Diese Prozessketten verursachen durch Ladeabbrüche häufig Probleme. Ganz zu schweigen vom Aufwand für Erweiterungen am Datenmodell.

Die nach den Anpassungen notwendigen Beladungen, Tests, Korrekturen, Neubeladungen, Re-Tests kosten Zeit und damit Geld. Unsere Beauftragung des Hana-Spezialisten endet aber bereits nächste Woche. Das ist so gut wie nicht zu schaffen, denke ich. Innerlich freue ich mich auf die Abschlusspräsentation. Vorweggenommene Schadenfreude? Ja, vielleicht.

Berlin, 27. August 2016, 16 Uhr

Die Präsentation der SAP-BW-on-­Hana-Applikation ist all meinen Erwartungen zum Trotz von Erfolg gekrönt. Verbesserungspotenzial ist sicherlich vorhanden. Jedoch kann der Berater die Verkaufszahlen quasi in Echtzeit zur Anzeige bringen.

Ein Dashboard zeigt in anschaulichen Grafiken den Verkaufserfolg der letzten Stunde pro Filiale. Der Chef-Controller ist begeistert. Das ist auch für mich beeindruckend.

Doch habe ich gemischte Gefühle: Was kommt jetzt auf mich zu? Weiterbildung? Umschulung? Schaffe ich es, mich auf die neue Technologie einzustellen? Der Berater scheint meine Gedanken zu erahnen.

Er zeigt die Werkzeuge, mit denen er entwickelt hat. Das ist ein SAP BW, so wie ich es kenne. Auch der QueryDesigner zur Berichtsdefinition ist nach wie vor das Tool der Wahl. Damit kann ich arbeiten.

Ein neues Tool kommt zwar dazu: SAP Hana Studio. Das kommt mir aber sehr bekannt vor. Ich erfahre auch warum. Es handelt sich um Eclipse, eine offene Entwicklungsplattform, die ich noch aus dem Studium kenne.

Sollte die SAP tatsächlich auf Programmierumgebungen setzen, die nicht von Grund aus selbst erfunden wurden? Der Know-how-Erwerb im Umgang mit SAP-Systemen könnte insbesondere für Berufseinsteiger zukünftig deutlich einfacher werden.

Berlin, 30. August 2016, 16 Uhr

Nach dem Erfolg der Präsentation hat die Geschäftsführung nicht gezögert, Mittel für eine Migration aller bestehenden SAP-Systeme auf Hana bereitzustellen. Die Einsparungen im Betrieb und die Möglichkeit, Berichtsanwendungen wesentlich effizienter entwickeln zu können, haben überzeugt.

Außerdem verspricht man sich Wettbewerbsvorteile, wenn Daten in Echtzeit analysiert werden und man unmittelbar auf Geschäftsprozesse Einfluss nehmen kann. Ich wurde dem Projekt für die Migration des SAP-BW-Systems zugewiesen. Es wird in kurzer Zeit viel Arbeit zu bewältigen sein. Eine Weile werde ich wohl nicht mehr hier ins Tagebuch schreiben können.

Berlin, 4. September 2016, 6.30 Uhr

Es ist halb sieben Uhr. Nach wie vor bin ich der Erste im Büro. Ich schaue auf den Monitor. Drei grüne Ampeln signalisieren, dass die Prozessketten fehlerfrei durchgelaufen sind. Drei von drei.

Die Einführung des Echtzeit-Reportings geht mit Virtualisierungen im Datenmodell einher. Daten müssen nun nicht mehr geladen, transformiert, mehrfach physisch zwischengespeichert werden.

Die Anzahl der Prozessketten hat sich auf ein Minimum reduzieren lassen. Morgens um halb sieben Uhr besteht für mich eigentlich keine Notwendigkeit mehr, Ladeprozesse zu kontrollieren.

Langweilig ist mir deshalb trotzdem nicht. Ich nutze die morgendliche Ruhe und die frei gewordene Zeit, um gänzlich neue Auswertungen zu entwickeln. So habe ich z. B. festgestellt, dass Staumeldungen und das Wetter Einfluss auf den Umsatz in unseren Filialen haben. Ich bin gespannt, was unser Chef-Controller dazu sagen wird!

Nachtrag

Die vorliegende Geschichte ist rein fiktiv. Auch der Autor der Tagebucheinträge ist frei erfunden. Nicht erfunden ist jedoch der Bedarf, Auswertungen in Echtzeit durchführen zu können.

Genauso wenig erfunden ist jedoch auch die Zurückhaltung vieler Unternehmen, wenn seitens der SAP Innovationen angepriesen werden. Nicht jede Software-Einführung der SAP war in der Vergangenheit aus Kundensicht von Erfolg bestimmt.

Einige strategisch positionierte Produkte wurden kurze Zeit später durch neue Technologien ersetzt. Der Konflikt des Tagebuch-Autors steht für den Leidensweg all jener SAP-Anwender, die nicht nur positive Erfahrungen nach einer Produkteinführung durchlebt haben.

In Folge seiner Erfahrung mit Marketingkampagnen und der einsetzenden Ernüchterung im realen Projektgeschäft verhält er sich zunächst ablehnend gegenüber Neuerungen. Aufgrund des Drucks aus dem Business kommt der IT-Spezialist jedoch nicht drumherum, sich mit Hana auseinanderzusetzen.

Auch das ist ein sehr reales Szenario. Am Ende erkennt der Held der Geschichte seinen Irrtum. Er macht die Erfahrung, dass Hana eine Reihe alltäglicher Probleme sofort lösen kann und darüber hinaus Freiräume schafft, sich mit den Kernfragen des Unternehmens auseinanderzusetzen: wie das Geschäft optimiert werden kann.

Mit der Geschichte wurde der Versuch unternommen, das Interesse an Hana trotz allseits präsenter Kritik an der SAP neu zu wecken. Hana stellt ein enormes Innovationspotenzial dar. Oft werden jedoch technische Detailfragen, wie In-memory-Technologie, spaltenbasierte Datenhaltung, Kompressionsverfahren oder Parallelprozesse, in den Fokus gesetzt.

Dem Anwender kommt es darauf selten an. Das Auto soll fahren. Der Aufbau des Motors ist den meisten Fahrern weitgehend egal. Auch die Maximalgeschwindigkeit des Fahrzeugs ist im innerstädtischen Straßenverkehr wenig von Belang.

Was aber, wenn gar kein Auto mehr benötigt wird, weil die Einkäufe direkt an die Tür geliefert werden? Was, wenn man nicht mehr zur Arbeit fahren muss, weil der Job von zu Hause erledigt werden kann?

Ausgaben für Benzin und Wartungskosten entfallen – und man spart Zeit, die kreativ genutzt werden kann. Es sind die wirtschaftlichen Fragestellungen, die für ein Unternehmen von Bedeutung sind, genauso wie einhergehende Änderungen der Geschäftsprozesse.

Das wird in den aktuellen, oft sehr technisch geführten Diskussionen rund um Hana häufig nicht bedacht.

Über den Autor

Tino Scharnbeck, BIT.Group

Tino Scharnbeck ist Senior Consultant Business Intelligence / SAP BW (Selbstständig)

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