Die Meinung der SAP-Community Lünendonk - Kolumne MAG 1609

Digitale Transformation: Muss es immer so schnell gehen?

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Alles spricht über Digitalisierung, die entsprechende Disruption und Start-ups als Heilsbringer. Dabei entsteht leider oft der Eindruck, Digitalisierung bedeutete vor allem Innovationen rund um Apps, Big Data und das Entwickeln neuer, datenbasierter Geschäftsmodelle.

Wer mit Start-ups kooperiert, ist ganz weit bei seiner digitalen Transformation. Dies trifft sicher für einen Teilbereich der Digitalisierung zu, greift aber viel zu kurz.

Der digitale Wandel stellt eine große Herausforderung für alle Bereiche der Gesellschaft, des Privatlebens und für Unternehmen dar und ist daher eine sehr komplexe Angelegenheit.

Die Digitalisierung, wie wir sie derzeit verstanden haben möchten, beruht auf mehreren Säulen:

  1. die Neuausrichtung der Unternehmensstrategie unter Berücksichtigung der technologischen Möglichkeiten.
  2. die Anpassung der Unternehmensprozesse auf Trends zur Vernetzung und stärkeren Integration der Kunden und Partner in die eigenen Wertschöpfungsprozesse.
  3. die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle sowie auf digitale Technologien basierende Services.
  4. die Neuausrichtung der bisherigen IT-Architektur hin zu einer offenen und flexiblen IT-Architektur.
  5. Modernisierung der „alten“ IT-Prozesse durch Standardisierung, Konsolidierung und Harmonisierung.
  6. die End-to-End-Fähigkeit der Geschäfts- und IT-Prozesse herstellen, Change Management, um die Unternehmensorganisation bei der digitalen Transformation „mitzunehmen“.

Aus meiner Sicht ist der Aspekt der IT-Modernisierung in letzter Zeit viel zu kurz gekommen. Unternehmen, gerade die Fachbereiche, stoßen zwar eine Vielzahl an Projekten an, um digitale Innovationen zu entwickeln, jedoch konzentrieren sich solche Initiativen derzeit noch stark auf einzelne Unternehmensbereiche.

Dagegen werden die größten Digitalisierungsbudgets für IT-Modernisierungsprojekte bereitgestellt. Dabei geht es vor allem darum, Geschäfts- und IT-Prozesse so umzubauen, dass auf digitalen Technologien basierende Services und Geschäftsmodelle jeden relevanten Unternehmensbereich einschließen und einen durchgängigen Gesamtprozess ermöglichen, beispielsweise Order-to-Cash-Prozesse oder die Multi-Channel-Kundenkommunikation.

Laut der aktuellen Lünendonk-Studie „Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland“ beschäftigen sich rund 75 Prozent der Großunternehmen und Konzerne mit der „Modernisierung der bestehenden IT-Systeme zur optimalen Integration digitaler Lösungen“, einem klassischen CIO-Thema.

Hierunter fallen Einzelthemen wie „Altsoftware-Modernisierung“, „Standardisierung und Harmonisierung der IT-Prozesse“ und „End-to-End-Fähigkeit der IT-Prozesse“.

Das zweite wichtige Thema ist die „Integration digitaler Lösungen in die IT-Systeme“.

Über die Hälfte der befragten Unternehmen planen hier hohe Investitionen. Auch wieder ein CIO-Thema. Klar ist, die These (oder der Wunsch), der CIO ist nicht Teil der digitalen Transformation und behindert sie sogar, ist falsch und widerspricht den Fakten.

Im Gegenteil: Der CIO ist und bleibt für einen Großteil der Digitalisierung im Driver Seat. Denn was nützen gute Konzepte und Ideen der Fachbereiche und Managementberater, wenn sie nicht umgesetzt werden können? Nichts!

Es geht aber auch vice versa

Unternehmen, die zwar technologisch gut aufgestellt sind und über eine moderne IT verfügen, haben teilweise große Probleme, ihre Geschäftsmodelle zu verändern und mit den kürzeren Innovationszyklen der digitalen Welt mitzuhalten.

Für sie ist es sehr schwer, aus einem gewohnten Umfeld heraus neue Wege zu gehen, bestehende, noch erfolgreiche Strategien zu hinterfragen und mit Technologiepartnern wie Start-ups oder Internetkonzernen zusammenzuarbeiten. Auch Themen wie agile Entwicklung, Devops und Design Thinking erfordern vor allem die Bereitschaft und Fähigkeit der Mitarbeiter.

Unternehmen müssen daher die Balance der einzelnen Digitalisierungsfelder finden. Dabei kommt erschwerend auf sie zu, dass die Anpassung der Strategien, Geschäftsmodelle und Organisationsstrukturen parallel zu der IT-Modernisierung passieren muss – allein das ist schon eine Mammutaufgabe.

Gleichzeitig soll natürlich das Kundenerlebnis stetig verbessert werden. Digitalisierung ist also nicht so einfach und wenn Unternehmen oder ganze Branchen dafür kritisiert werden, dass sie so langsam bei ihrer digitalen Transformation sind, sollten auch immer die Vielschichtigkeit des Digitalisierungsbegriffs und die einzelnen Aufgaben berücksichtigt werden.

Es geht eben nicht alles auf einmal und die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Über den Autor

Mario Zillmann, Lünendonk

Angestellt als Senior Consultant bei der Lünendonk GmbH

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