Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 1605

Disruptive SAP

Editorial
[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Es ist ein fast dreijähriger Diskurs, ob Hana eine disruptive Innovation ist. Wahrscheinlich nicht. Sicher ist, dass das aktuelle Geschäftsmodell der SAP die Aktionäre glücklich macht, dass aber die Community durch das Agieren von SAP nachhaltig Schaden nimmt.

Divide et impera. Teile und herrsche. Die Strategie der SAP: Das globale Business Ecosystem rund um Walldorf wird in Freund und Feind aufgeteilt. Teile und herrsche ist das Motiv.

Die SAP-Community wird gespalten, um die Einzelteile besser kontrollieren zu können. Die Teilmengen sind unfähig, gegen den ERP-Monopolisten etwas auszurichten.

In jeder Region, in jedem Bereich hat SAP dann ein leichtes Spiel. Divide et impera bedeutet, man solle ein Volk oder eine Gruppierung in Untergruppen aufspalten, damit sie leichter zu beherrschen bzw. zu besiegen sind.

Wikipedia erklärt:

„Die lateinische Formulierung wird teilweise Niccolò Machiavelli zugeschrieben, der in seinem 1532 erschienenen Buch ,Der Fürst‘ dem Fürsten Medici erklärt, wie er seine Herrschaft ausüben sollte, teilweise wird die Redewendung auch Ludwig XI. von Frankreich nachgesagt.“

Mehr als vierzig Jahre nach Gründung des ERP-Konzerns und einer weltweiten IT-Dominanz gibt es keine globale User Group. SAP User Group Executive Network (Sugen) ist nur ein Feigenblatt auf den SAP-Webseiten.

Die weltweit größte und einflussreichste Anwendergruppe, DSAG e. V., ist kein aktives Mitglied von Sugen. Vereinfacht gesagt: Die Meinungsunterschiede zwischen der DSAG-Basis und dem Executive Network sind zu groß – zur Freude der SAP!

Hier ist die Teilung der Anwendergruppen hervorragend gelungen. In den USA konnte man ebenfalls Erfolge erringen: Die Jahrestagung der ASUG (Americas SAP Users Groups) findet jedes Jahr im Mai gemeinsam mit der SAP-Hausmesse Sapphire in Orlando statt – ein Umstand, der im deutschsprachigen Raum unvorstellbar ist.

SAP hat versucht, gemeinsam mit dem Verein DSAG eine europäische Sapphire zu veranstalten, aber man ist nicht in die Walldorfer Falle gegangen. Im September gibt es wieder einen autonomen, konstruktiven und kritischen Jahreskongress mit über 4000 Besuchern.

In der D-A-CH-Community gibt es viele lokale Gruppierungen, die um Fairness und Offenheit gegenüber dem SAP-Monopol kämpfen. In der Schweiz existiert eine sehr potente Interessengruppe aus CIOs und CFOs.

Bernd Brandl, Geschäftsführer SAP Schweiz, anerkennt seine motivierten Bestandskunden aber nicht, für ihn gibt es nur DSAG e. V., eine Einladung zum lokalen Schweizer Treffen hat er ausgeschlagen.

Das Konzept des Teilens und Herrschens gilt auch für Journalisten und Analysten. Pressekonferenzen, die jedem Medienschaffenden den Zutritt ermöglichen, gibt es bei SAP nicht mehr – stattdessen Listen mit „befreundeten“ Medien, die zum Abendessen mit Vorständen eingeladen werden, und „feindlichen“ Journalisten, die nicht einmal eine Akkreditierung zur SAP TechEd bekommen.

Naturgemäß bringt SAP damit die Blogger und Reporter nicht zum Schweigen, aber weltweit hat das System Erfolg. Mit Ausnahme des deutschsprachigen Raums gibt es kaum einen kritischen und konstruktiven Diskurs.

US-amerikanische Medien werden aus dem SAP-Büro Palo Alto, Kalifornien, heraus gesponsert. Unabhängige Verlage haben sich bisher nicht in die englischsprachige SAP-Community gewagt.
(2017: Das E-3 Magazin jetzt schon: www.e3zine.com)

Das disruptive Vorgehen der SAP durch Divide et impera beschäftigt zumindest im deutschsprachigen Raum auch die Partner-Community. Das Lizenzthema der Anwender „indirekte Nutzung“ ist letztendlich eine Existenzfrage für SAP-Partner.

Jedes ERP-Add-on trägt die Gefahr einer ergänzenden und teuren Lizenzzahlung in sich. Statt gemeinsam mit DSAG e. V. und IA4SP (International Association for SAP Partners e. V.) eine befriedigende Lösung für alle zu schaffen, versucht es SAP mit Einzelabsprachen (Teile und herrsche) sowie der Nichtbeantwortung von Anfragen verzweifelter Partner.

Im Harvard Business Manager, Januar 2016, Seite 76, ist zu lesen, dass der Begriff „disruptive Innovation“ in den alltäglichen Sprachgebrauch vieler Manager eingegangen ist.

Laut Professor Christensen verändert Uber das Taxigewerbe deutlich, aber stellt dies eine Disruption dar? Seine Antwort: nein. Nach der Lektüre des hervorragenden HBM-Textes scheint auch Hana keine disruptive Innovation zu sein. Zerstörerisch wirkt sich das momentane Agieren der SAP auf die Community dennoch aus.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

1 Kommentar

  • Ich bin seit 1978 im SAP-Umfeld tätig und war jahrzehntelang ein glühender Verfechter des „monopolen“ Nutzenpotentials des SAP-ERP-Standards und der sicheren Überzeugung, dass bezüglich Funktionsbreite , Integration der Prozessabläufe, konsistenten Reportings es keinen echten Mitbewerb gibt. Diese Meinung wurde ebenfalls jahrzehntelang bestätigt, indem SAP permanent an ihrem Kernprodukt SAP-ERP (R2 und R3) laufend essentielle Verbesserungen auf den Markt brachte. Ich habe auch noch Herrn Platter im Ohr, der die (hohen) Wartungskosten verteidigte, dass die SAP zu einem hohen Anteil diesen Erlös dazu verwende, um den ERP-Kernel funktional weiter zu entwickeln.
    Ich hörte als Berater und Mitglied der deutschsprachigen SAP-Community von den meisten SAP-Kunden das Hauptmotiv für den Kauf der (sehr teuren) SAP-Software: laufend weiter entwickelte Funktionsbreite, einheitliche, reduntanzfreie Datenbank, nahtlose Integration von Software und Prozessen, flexible Parametrisierbarkeit, einheitliche Datenbank, konsistentes firmen- und konzernübergreifendes Konzernberichtswesen.
    Wenn ich mir die Entwicklungen der letzten Jahre anschaue, konzentriert sich die SAP auf die obig genannten Punkte kaum mehr. Es werden neue Firmen mit neuen Softwaresystemen dazugekauft und in keinster Weise den klassischen SAP-Ansprüchen gerecht werdend mehr schlecht als recht diese in die bestehende ERP-Welt integriert. Mit SAP-Hana hat man zwar eine in-memory-Datenbank, aber deren extremer Geschwindigkeitszuwachs spiegelt sich in den operativen ERP-Modulen in Form von neuen nutzbringenden Funktionen und Prozessen kaum wider, (wahrscheinlich wäre da die Entwicklung eines R/4 angebracht). Statt dessen wird um 5 Mrd. € eine Firma für Hotel- und Reisereservierung dazu gekauft, (um das Geld , das treue SAP-Kunden als Wartung einzahlen), von dem diese treuen zahlenden Kunden aber praktisch null Nutzen haben (nur die Aktionäre), usw,….
    Wenn ich Finanzchef von grossen SAP-Anwenderkonzernen wäre, würde ich diese für mich in keinster Weise adäquate nutzbringende Verwendung meiner Wartungsgelder hinterfragen. Ich würde verlangen, dass diese nicht für aktionärsfreundliche (und für das SAP-Management Bonus generierende) Aktivitäten außerhalb des klassischen ERP-Systems, für das ich ja die Wartung bezahle, verwende, sondern dass – basierend auf den modernen technologischen Möglichkeiten das Kern-SAP-ERP-System weiter entwickelt oder neu aufgestellt wird, damit deren Wartung zahlende Anwender ein entsprechend erhöhtes Nutzenpotential erhalten, das sie mit entsprechenden Projekten umsetzen können und so die Wartungsgebühren amortisiert werden.
    Meiner Meinung ist da bei den Entscheidungsträgern der grossen Anwender der klassischen SAP-ERP-Software noch viel zu wenig Problembewusstsein vorhanden – wenn sich die großen DSAG-Mitglieder zusammen tun würden eine drastische Wartungsgebührenkürzung (mangels entsprechender Gegenleistung) androhen würden, wäre SAP sehr schnell gezwungen, sich wieder ihrer Kerntätigkeit – Aufstellung und Betreibung eines technologisch, funktionalen und anwendungsorientierten stae-oft-the-art ERP-Produkt zu besinnen.
    3E könnte auf diesem Weg über konsequente Bewusstseinsbildung viel dazu beitragen

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