2016 XVI

Digitalisierungsbremse

Der digitalen Transformation gehen die Fachkräfte aus – mit Unterstützung des Gesetzgebers.

Die Nachfrage nach IT-Dienstleistungen ist auf einem neuen Höchststand. Nie zuvor haben Unternehmen so viel in IT-Projekte investiert.

Ursache für diesen Boom sind vor allem der digitale Wandel und die damit verbundene Adaption von neuen Technologien, mit deren Hilfe beispielsweise datenbasierte Geschäftsmodelle entstehen.

Im Fokus stehen dabei Themen wie Cloud, Smart Data, Realtime Analytics oder Mo­bile. Entsprechend investieren die Unternehmen deutlich mehr in die Modernisierung ihrer IT und in neue IT-Systeme als in der Vergangenheit.

Laut der Lünendonk-Studie „Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland“ kalkulieren 58 Prozent der von Lünendonk befragten CIOs und IT-Einkaufsmanager für 2016 mehr Budget für IT-Beratung, Systemintegration sowie Softwareentwicklung und -einführung ein. Flankiert wird die Entwicklung der reinen IT-Budgets von solchen IT-Budgets, die von den Fachbereichen, in der Regel für Digitalisierungsprojekte, vergeben werden.

Diese werden in 76 Prozent der untersuchten Anwenderunternehmen in den kommenden zwei Jahren konstant bleiben beziehungsweise ansteigen. Nur zur Einordnung: Während die reinen IT-Budgets im Verantwortungsbereich des CIOs in der Regel zwischen 2,5 und vier Prozent des Umsatzes eines Unternehmens ausmachen, bewegen sich die IT-nahen Budgets der Fachbereiche ebenfalls in diesem Korridor.

Daraus folgt eine extrem hohe Anzahl an IT-Projekten mit einem entsprechend hohen Bedarf an Fachpersonal. Derzeit besonders stark nachgefragte IT-Kompetenzen sind „Projektmanagement“, „Security“, „SAP-Know-how“ sowie „Mobile Business/Apps“. Hinzu kommt in manchen Branchen eine immens hohe Zahl an IT-Altsystemen, die auf Programmiersprachen basieren (Beispiel Cobol), die nur noch wenige Fachkräfte beherrschen und damit pflegen beziehungsweise weiterentwickeln können.

Dass diese Herausforderungen in Zeiten des Fachkräftemangels jedoch schwer zu bewältigen sind, liegt auf der Hand. Daher haben Großunternehmen, Konzerne und zunehmend auch der Mittelstand ihre Sourcing- und Rekrutierungsstrategien in den letzten Jahren überarbeitet und professionalisiert.

Die Verlagerung der Leistungserbringung an externe IT-Beratungs- und IT-Serviceunternehmen, häufig in Form von Werkverträgen, und die Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern bei der Rekrutierung von freiberuflichen IT-Spezialisten spielen dabei eine wichtige Rolle.

Die Unternehmen geben damit den Druck, IT-Projekte zu besetzen, an externe Dienstleister weiter. Das führt zu der Situation, dass die Auftragsbücher der Dienstleister zwar voll sind, gleichzeitig aber der Druck zunimmt, die gestiegene Zahl der Anfragen und Neuprojekte adäquat zu bedienen sowie in gewünschter Qualität zu liefern. Führende IT-Dienstleister berichten seit Langem über entsprechende Probleme bei der Projektbesetzung und darüber, dass sie teilweise Kundenaufträge ablehnen müssen, da nicht ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen.

Im Umkehrschluss heißt das, dass die digitale Transformation der Kundenunternehmen ins Stocken gerät, wenn Digitalisierungsprojekte aus Ressourcenmangel verschoben werden müssen oder zumindest sich verzögern.

Da die Digitalisierung aber für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft einen zentralen Faktor darstellt, geraten deutsche Unternehmen in diesem Umfeld weiter ins Hintertreffen. Und da es mit dem, teilweise auch politisch bedingten, Fachkräftemangel nicht genug ist, plant die Politik, das Spannungsfeld zwischen Bedarf an IT-Experten, notwendiger Flexibilität bei der Projektbesetzung und Fachkräfteangebot weiter zu verschärfen.

So hat das Bundesministerium für Arbeit Ende 2015 einen Referentenentwurf vorgelegt. Der Gesetzesentwurf enthält den neuen Paragraph 611a des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB), mit dem die Kriterien für Scheinselbstständigkeit definiert sind.

Dieser Entwurf, über den in Kürze im Bundestag entschieden wird, ist zwar gut gemeint, näher betrachtet hat er aber das Potenzial, wie Sprengstoff auf die IT-Branche und andere Professional-Services-Branchen wie Managementberatung, Engineering Services oder die Vermittlung von IT-Freiberuflern zu wirken.

Der Referentenentwurf hat das wichtige Ziel, grundsätzlich den Missbrauch mit Werkverträgen einzudämmen. Wobei die Betonung auf das Wort „Missbrauch“ gelegt werden sollte. Er soll verhindern, dass Selbstständige in der Ausübung ihrer Tätigkeiten wie Arbeitnehmer behandelt werden und de facto ein sozialversicherungspflichtiger Arbeitsvertrag vorliegt.

Denn für einige Branchen wie die Bauwirtschaft oder die Fleischindustrie ist die geplante Gesetzgebung durchaus ein wichtiger Schritt in Richtung Sozialgleichheit unter den Beschäftigten und sie kann Lohndumping verhindern, was derzeit durch viele Auftraggeber, die scheinselbstständige Arbeiter – vornehmlich aus Osteuropa – beschäftigen und so den Mindestlohn umgehen, betrieben wird.

Allerdings differenziert der Gesetzgeber im aktuellen Entwurf nicht nach Branchen und deren Besonderheiten, sondern macht ein „Leipziger Allerlei“ und legt pauschal Kriterien fest, um Scheinselbstständigkeit zu definieren.

So liegt Scheinselbstständigkeit beispielsweise vor:

  • „wenn die geschuldete Leistung überwiegend in Räumen eines anderen erbracht wird“. Bei IT-Beratern und IT-Freelancern ist das gar nicht anders möglich, denn sie arbeiten überwiegend in Projektteams, bestehend aus Mitarbeitern ihres Auftragsgebers und anderer Dienstleister.
  • „wenn zur Erbringung der geschuldeten Leistung regelmäßig Mittel eines anderen benutzt werden“. IT-Berater erbringen bei ihren Kunden IT-Services wie Programmierung, Softwaretesting oder Wartungsleistungen. Dazu sind sie auf die IT-Systeme ihrer Kunden angewiesen, die quasi Gegenstand der zu erbringenden Leistung sind.
  • „wenn die geschuldete Leistung in Zusammenarbeit mit Personen erbracht wird, die von einem anderen eingesetzt oder beauftragt sind“.
    In großen IT-Projekten arbeiten üblicherweise Mixed Teams, bestehend aus internen Mitarbeitern und eingekauften IT-Experten eines oder mehrerer Dienstleister. Da häufig sehr unterschiedliche Kompetenzen gefordert sind, kann diese ein einzelner Dienstleister gar nicht in der geforderten Anzahl abdecken. Daher ist es State of the Art im Projektgeschäft, dass in IT-Projekten teilweise eine zweistellige Anzahl an IT-Dienstleistern zusammenarbeitet.

Dies sind nur drei kommentierte Kriterien aus dem Referentenentwurf für das Vorliegen einer Scheinselbstständigkeit, die zeigen, dass bei Auslegung des geplanten Gesetzes die Umsetzung von IT-Projekten in großer Gefahr ist.

Bereits heute berichten Großunternehmen und Konzerne davon, dass sie bei der Beauftragung von IT-Freelancern und der Vergabe von Werkverträgen aufgrund der bestehenden Rechtsunsicherheit sehr zurückhaltend sind. Projektstopps werden dadurch in Kauf genommen.

Für den Professional-Services-Markt, zu dem der IT-Dienstleistungsmarkt gehört, hätte der Referentenentwurf, wenn er so Gesetz wird, daher eine verheerende Wirkung. Denn sowohl selbstständige IT-Experten als auch Werkverträge haben im IT-Markt eine enorm hohe Bedeutung, da beispielsweise für Implementierungs- oder Softwaretest-Projekte ein bestimmtes Arbeitsergebnis fest definiert wird, ebenso wie bei IT-Outsourcingverträgen.

Letzteres ist ein gutes Beispiel für die praxisfremde Gesetzgebung und dafür, dass sich die am Referentenentwurf Beteiligten nicht mit den Auswirkungen auf den IT-Markt beschäftigt haben. Denn wie soll der Betrieb eines Rechenzentrums oder einer digitalen Plattform, wie im Onlinebanking oder im E-Commerce üblich, durch Dienstverträge vergeben werden?

Diese Frage kann gerne an die eigene IT-Abteilung im Bundesministerium weitergegeben werden.

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