2016 XVI

Die Digitalisierung stockt! …gerade im Mittelstand

Digitalisieren Sie schon? Für die CIOs unter Ihnen mag diese Frage Verwunderung oder zumindest ein Schmunzeln hervorrufen.

Natürlich nutzen Unternehmen seit Jahrzehnten digitale Lösungen im beruflichen Alltag. Die IT wird dabei immer professioneller und hat durch Themen wie Realtime-Datenanalyse, Automatisierung von Geschäftsprozessen, Aufbrechen und Mobilisierung von starren Geschäftsprozessen oder cloudgestützte Geschäftsmodelle wie E-Commerce, Onlinebanking oder After-Sales-Services wie Fernwartung einen sehr hohen Businessbezug erreicht.

So weit der Status quo. Was jedoch derzeit unter Digitalisierung verstanden wird, geht weit über das bisher Erreichte hinaus. In der aktuellen Stufe der Digitalisierung geht es um die intelligente Verknüpfung sämtlicher Technologien, Prozesse, Unternehmensökosysteme und „Dinge“ zu einem digitalen Gesamtkonzept.

In dieser Stufe der digitalen Transformation setzen insbesondere Großunternehmen und Konzerne auf datenbasierte Geschäftsmodelle und Cloud-Plattformen für die Entwicklung und Vermarktung von digitalen Geschäftsmodellen.

In der Konsequenz bedeutet eine erfolgreiche digitale Transformation, die Möglichkeiten, die Technologien wie Cloud Computing, Mobile, Sensorik, Data Analytics oder Robotics und 3D-Druck bieten, intelligent zu Prozess-, Produkt- und Serviceinnovationen zu kombinieren.

In dieser Kombination liegt der eigentliche Kern der aktuellen Digitalisierungsphase. Wo stehen große Unternehmen nun bei ihrer digitalen Transformation?

Lünendonk ist dieser Frage gemeinsam mit Prof. Peter Buxmann von der TU Darmstadt sowie dem IT-Beratungs- und Systemintegrationsunternehmen Lufthansa Industry Solutions in einer Studie nachgegangen, die vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde.

Dazu haben die Autoren ein Reifegradmodell entwickelt, um die Fortschritte bei der digitalen Transformation messen zu können. Der Reifegrad der Unternehmen setzt sich zusammen aus strategischen, organisatorischen und technologischen Aspekten.

Hintergrund dieser Betrachtung ist, dass die Digitalisierung kein reines Technologiethema ist, sondern in den meisten Fällen mit der Unternehmensstrategie beginnt und massive Veränderungen an den Organisationsprozessen und der Unternehmenskultur nach sich zieht.

Mitten im digitalen Wandel

Ein gutes Ergebnis der Studie ist, dass es keine Non Digitals unter den untersuchten Unternehmen gibt. Dagegen gibt es 15 Prozent der Unternehmen, die als Digital Beginner gelten und damit erste Digitalisierungsprojekte umsetzen.

Digital Beginner finden sich in allen untersuchten Größenklassen, also auch in Unternehmen mit mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz. Dieser geringe Anteil der Digital Beginner spiegelt, aus der Marktperspektive betrachtet, sehr gut die Realität wider.

Gerade die Gruppe der Unternehmen aus dem gehobenen Mittelstand steht bei ihrer Digitalisierung sowie der Anpassung ihrer Strategien und Strukturen auf veränderte Kunden- und Wettbewerbsanforderungen stark unter Druck.

Häufig agieren diese Unternehmen auch als Zulieferer großer internationaler Konzerne, die bei ihrer digitalen Transformation viel weiter fortgeschritten sind und von ihren Lieferanten und Partnern ebenfalls erwarten, dass sie ihre Strukturen und Prozesse anpassen und sich stärker digitalisieren.

Ein Beispiel hierfür sind die Supply-Chain-Prozesse. Während Konzerne in der Regel bereits über automatisierte Bestell- und Lieferabwicklungsprozesse verfügen, bereitet die Anbindung ihrer Zulieferer und Partner oft Probleme.

Der Grund ist, dass diese häufig nicht die technologischen Möglichkeiten haben, in ihren ERP-Systemen Bestellungen oder Lieferabwicklungen voll digital mit ihren Kunden und Lieferanten auszutauschen und damit die Lieferkette digital und automatisiert zu steuern und zu überwachen.

Ein weiteres Beispiel, wo Handlungsdruck derzeit gerade im gehobenen Mittelstand besteht, sind die internen Prozesse und die Unterstützung der Mitarbeiter mit modernen Technologien.

So haben mittelständische Unternehmen vor wenigen Jahren damit begonnen, ihre Prozesse mobilefähig zu machen, indem sie einzelne Kernprozesse (ERP, CRM etc.) aufgebrochen haben und sie über Business-Apps ausgewählten Mitarbeitern zum mobilen Datenzugriff zur Verfügung stellen.
Ebenso stehen moderne Arbeitsplatzprojekte im Fokus, also die Verlagerung einzelner Anwendungen in die Cloud, Bring-your-own-Device-Strategien, die Einführung von Unified Communications und die Modernisierung der Workplaces durch Standardisierung der Betriebssysteme, Kommunikationssysteme und Office-Anwendungen. Unter den wichtigsten IT-Projekten finden sich viele Cloud-readyness-Projekte.

Digital Follower

Aus diesem Grund ist es auch konsequent, dass die größte Gruppe der untersuchten Unternehmen die Digital Follower mit 64 Prozent stellen. Sie haben einen Digitalisierungsgrad von mindestens 50 Prozent bis maximal 70 Prozent.

Bei den analysierten Unternehmen mit weniger als einer Milliarde Euro Umsatz finden sich sogar 68 Prozent Digital Follower. Dieser hohe Anteil verdeutlicht die begonnenen Anstrengungen und Erfolge der untersuchten mittelständischen Unternehmen auf ihrem Weg zur Digitalisierung.

Viele der Digital Follower entwickeln mithilfe digitaler Innovationen bereits neue digitale Angebote und Services. Hier geht es beispielsweise um After-Sales-Services, wie Fernwartung in Echtzeit oder Überwachung von Maschinen und Anlagen. Aber auch in den Produkten selbst steckt mittlerweile deutlich mehr IT.

So ist, verglichen mit allen anderen untersuchten Branchen, der Anteil der Digital Follower unter den Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau mit 72 Prozent mit Abstand am höchsten.

Digital Transformer

Allerdings sind die meisten der untersuchten Logistik- und Transportunternehmen (24 Prozent) bereits in Stufe 4, also Digital Transformer. Keine andere betrachtete Branche hat so viele Digital Transformer.

Von den befragten Automotive-Unternehmen sind immerhin 17 Prozent in Stufe 4, während nur acht Prozent der Industrieunternehmen diesen Reifegrad erreichen konnten. An diesen Ergebnissen zeigt sich die Bedeutung der Digitalisierung für den Geschäftserfolg von Logistik- und Transportunternehmen sowie für die Automotive-Branche.

Für beide Branchen sind IT-Lösungen elementarer Bestandteil der Produkte und Services.

Wenige Digital Leader

Erwartungsgemäß fallen nur fünf Prozent der Unternehmen in die höchste Reifestufe. Sie haben ihre digitale Transformation größtenteils abgeschlossen beziehungsweise ihre Organisations- und IT-Strukturen so weit digitalisiert und umstrukturiert, dass moderne, auf digitalen Technologien basierende Geschäftsmodelle erfolgreich entwickelt und vermarktet werden können.

Fazit

In den meisten Unternehmen liegen noch vielfältige organisatorische sowie technische Aufgaben brach, die zu bewältigen sind. Dies schlägt sich auch in unterschiedlichen Reifegraden nieder, wobei insbesondere kleinere Unternehmen hier etwas zurückfallen.

Aus organisatorischer Sicht zeigt sich, dass etwa die Zusammenarbeit zwischen IT-Abteilung und Fachabteilungen in vielen Unternehmen verbesserungsfähig ist. Ein geringer organisatorischer Reifegrad der Unternehmen kann sich insofern als Hemmnis erweisen, als ein effizientes und kooperatives Zusammenspiel zwischen CEO, CIO und den Fachabteilungen eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewältigung der Herausforderungen der digitalen Transformation darstellt.

Auch bei der Analyse des technischen Reifegrads der Unternehmen ergibt sich ein differenziertes Bild. Die meisten der befragten Unternehmen sind insbesondere im Bereich Mobile relativ gut aufgestellt, haben aber bei der Nutzung von Big/Smart Data Analytics große Nachholbedarfe.

Ein gutes Zeichen ist jedoch, dass viel Unternehmen planen, einerseits vermehrt Kundendaten zu sammeln und zu analysieren und andererseits auch die Daten für Predictive Analytics und Predictive Maintenance zu nutzen.

Eine weitere zentrale Erkenntnis der Lünendonk-Studie ist, dass bestehende IT-Infrastrukturen häufig den digitalen Wandel behindern können. Dies gilt insbesondere, wenn in den Unternehmen noch eine Vielzahl von Altsystemen zum Einsatz kommt, was nicht selten der Fall ist. Hier sind die CIOs gefragt, den CFOs die richtigen Busi­ness-Cases aufzuzeigen.

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