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SAP’sches Waterloo

2016 xxx
Geschrieben von E-3 Magazin

Die Zahlen der DSAG belegen eindeutig, dass SAP momentan am Bedarf der Bestandskunden vorbeiprogrammiert. Was SAP als Zukunft sieht, ist für die Community nebensächlich. Aber woher kommen die fantastischen SAP-Bilanzzahlen?

Mitte Februar präsentierte DSAG-Chef Marco Lenck die Ergebnisse der jährlichen Investitionsumfrage. Wer kurz davor die Ergebnisse der SAP-Bilanzpressekonferenz vernahm, kann zu dem Schluss kommen, dass es zwei SAP-Welten gibt.

Kurz zusammengefasst: Mit Cloud Computing, S/4 und Hana will SAP erfolgreich gewesen sein. Zum wiederholten Mal erklären aber die DSAG-Mitglieder, dass sie in ganz andere Bereiche investieren.

Könnte es sein, dass SAP mit selbst definierten Kennzahlen und fantasievoller Buchhaltung ein ­potemkinsches Walldorf erschafft? Wahrscheinlich ist den DSAG-Zahlen mehr zu glauben als den selbst definierten Non-IFRS-Kennzahlen der SAP, nach denen Cloud Computing, S/4 und Hana ein überragender Erfolg sind.

Hierzu ein erhellendes Zitat aus Euro, dem Magazin für Wirtschaft und Geld, Ausgabe 3/2016, Seite 33:

„Der Softwarekonzern SAP meldete Ende Januar vorläufige Zahlen für 2015: Betriebsergebnis im Gesamtjahr (Non-IFRS) steigt um 13 Prozent. Das Betriebsergebnis (IFRS) dagegen war um zwei Prozent gefallen, der Gewinn nach Steuern sogar um sieben Prozent.

Herausgerechnet werden bestimmte Kosten für Akquisitionen, Restrukturierungen und Rechtsstreitigkeiten.

Immerhin: Auf seiner Internetseite weist der Softwarekonzern darauf hin, dass die selbst definierten Non-IFRS-Kennzahlen nur begrenzt aussagefähig sind sowie die eliminierten Beträge für SAP wesentlich sein könnten.“

(Ende des Zitats, und wir bedanken uns bei der Euro-Autorin Sabine Gusbeth.)

Was DSAG weiß

In welche Bereiche planen DSAG-Mitglieder 2016 am meisten zu investieren? Die Top 3 sind Logistik (46 Prozent), Marketing/Vertrieb/CRM (40 Prozent) und Finanzwesen (32 Prozent). Mehrfachnennungen waren hier möglich.

Aktuelle Digitalisierungsvorhaben werden gemeinsam von IT und Fachbereich angegangen. Und nur fünf Prozent der befragten Unternehmen setzen den Investitionsschwerpunkt bei S/4, lediglich weitere neun Prozent planen signifikante Investitionen.

Die IT-Investitionen steigen laut DSAG in diesem Jahr um 2,7 Prozent. Das ist etwas weniger als 2015 (3,5 Prozent). Trotzdem wird im SAP-Umfeld etwas mehr ausgegeben. Die Budgets für SAP-Investitionen liegen bei sechs Prozent (plus 0,6 im Vgl. zu 2015).

Insgesamt nahmen 344 Personen (CIOs und Unternehmensvertreter) aus DSAG-Mitgliedsunternehmen im deutschsprachigen Raum an der Onlineumfrage im Dezember 2015 und Januar 2016 teil. Befragt wurde jeweils ein Ansprechpartner pro Unternehmen.

Die meisten Teilnehmer (45 Prozent) kommen aus Unternehmen zwischen 1.000 und 4.999 Mitarbeitern. Aus der Schweiz nahmen 24, aus Österreich 21 Unternehmen teil.

Der Vergleich zur IT-Trends-Studie von Capgemini ergibt ein differenziertes Bild.Offensichtlich verbrauchen traditionelle Themen wie Logistik, Vertrieb und Finanzwesen einen Großteil des IT-Budgets, sodass laut Capgemini die befragten CIOs in diesem Jahr im deutschsprachigen Raum weniger Geld für Innovationen ausgeben:

Nicht nur das Budget für Neugestaltung und Ersatz der IT sinkt von anteilig 20,9 Prozent auf jetzt 16,6 Prozent, sondern auch die Ausgaben für die Evaluierung von Innovationen (2015: 9,1 Prozent, Budget 2016: 7,8 Prozent).

Der Rückgang überrascht angesichts der Tatsache, dass 52,3 Prozent der CIOs den Ausbau der Digitalisierung als eines ihrer wichtigsten Ziele in diesem Jahr bezeichnen. Sie setzen dabei im Moment aber offenbar weniger auf Innovationen, sondern gehen die Digitalisierung über die Vernetzung von Informationen und Prozessen sowie die Analyse ihrer Daten an.

Das zeigt die Korrelation zum Anstieg der Big-Data-Nutzung. Die Angaben wurden im Rahmen der jährlichen IT-Trends-Studie im September und Oktober 2015 von Capgemini erhoben. Insgesamt nahmen 153 IT-Verantwortliche von Großunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz teil, darunter elf Firmen aus dem DAX 30.

Digitale Transformation

Dass die SAP-Anwender aktiv werden in Sachen Digitalisierung, zeigt sich an den erhobenen Zahlen. Für 36 Prozent der Befragten sind Investitionen in neue Geschäftsmodelle im Rahmen der digitalen Transformation wichtig bis sehr wichtig.

44 Prozent sind noch unentschieden. Für 20 Prozent ist das Thema eher unwichtig. Marco Lenck, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe, interpretiert das Ergebnis so:

„Neue Geschäftsmodelle und -prozesse sind wichtig, um im Wettbewerb gegen innovative und agile Start-ups zu bestehen. Diese Herausforderung für CEOs ist bei den CIOs angekommen. Probleme werden gemeinsam angegangen. Der Aufbruch ins digitale Zeitalter erfolgt Seite an Seite.“

Ein weiterer Beleg dafür ist, dass Entscheidungen über SAP-Investitionen zunehmend gemeinsam getroffen werden. In über der Hälfte der Unternehmen ist das so, zeigt die DSAG-Umfrage 2016. Uwe Dumslaff, Chief Technology Officer bei Capgemini in Deutschland, kommentiert seine Ergebnisse zur digitalen Transformation folgend:

„Viele Unternehmen stehen immer noch am Anfang der Digitalisierung und müssen ihre Initiativen priorisieren. Deshalb analysieren sie erst einmal ihre Daten, um Optionen für neue Geschäftsmodelle zu erarbeiten.“

Aber ohne S/4

Wenig verändert hat sich in der Ablehnung von S/4 durch die DSAG-Mitglieder seit dem Kongress in Bremen vergangenes Jahr. Im SAP-Bereich wird weiterhin hauptsächlich für klassische Themen wie Rollouts, Konsolidierung und Harmonisierung Geld ausgegeben.

Die S/4-Hauptinvestitionen sind lediglich im mittleren einstelligen Bereich. Mit S/4 hat SAP sich aufgestellt, Lösungsansätze für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen aufzuzeigen.

Unter den DSAG-Mitgliedern zeigte sich bereits Mitte vergangenes Jahr ein zweigeteiltes Bild. 37 Prozent der Befragten fehlt der unternehmerische Mehrwert, elf Prozent haben sich noch nicht mit S/4 beschäftigt.

Dem gegenüber stehen sechs Prozent, die ein Projekt gestartet haben. Vier Prozent der Unternehmen haben Lizenzen erworben. Rund 42 Prozent sind gerade dabei, sich zu informieren.

Nun gibt es zwar eine S/4-Preisliste, womit die ECC-6.0-Bestandskunden durch eine 9.000-Euro-Flatrate moderat zu S/4 wechseln können, aber dennoch hält sich die Begeisterung für das neue ERP in Grenzen.

Was DSAG-Mitglieder benötigen, um einen Einsatz von S/4 abwägen zu können, sind Informationen, welche Funktionen die Lösung abdeckt. Für 72 Prozent der Befragten war dies im Sommer 2015 das wichtigste Entscheidungskriterium.

„Der Erfolg eines ERP für Kunden wird sich über die Funktionalität entscheiden. Sie ist der Schlüssel für Digitalisierungsvorhaben“

erläutert der DSAG-Vorstandsvorsitzende Marco Lenck.

Mittlerweile gibt es zumindest das White Paper „Simplification List for SAP S/4 Hana, on-premise edition 1511“, das erklärt, wo die Unterschiede zwischen Alt und Neu zu finden sind.

Noch investieren die DSAG-Mitglieder aber in andere Bereiche: Bei mittleren Investitionen haben Business-Intelli­gence-Lösungen die Nase vorn. 35 Prozent der Unternehmen sehen hier den Bedarf, ihre Analyseaktivitäten weiter zu unterstützen.

SAP-Produkte, die Industrie 4.0 und IoT (Internet of Things) betreffen, rücken bei gut einem Fünftel langsam in den Fokus (22 Prozent Haupt- und mittlere Investitionen). „Bemerkenswert sind die Zahlen für S/4 Hana“, kommentiert Marco Lenck die Ergebnisse des sogenannten Business-­Suite-Nachfolgers.

„Das Produkt ist noch recht jung. Unternehmen tätigen Hauptinvestitionen im mittleren einstelligen Bereich. Es zeigt sich wieder, dass es unter unseren Mitgliedern Vorreiter für den Einsatz neuer Produkte gibt.“

Die DSAG-Investitionsumfrage 2016 verdeutlicht, dass der Großteil der Mitglieder sich bei S/4 abwartend verhält. Diese Erkenntnis deckt sich auch mit den Aussagen von SAP-Technikvorstand Bernd Leukert anlässlich der SAP-Bilanzpressekonferenz 2016, auf der er erst knapp 100 operative S/4-Kunden präsentieren konnte.

Somit hat sich an der Einstellung der DSAG-Mitglieder zu S/4 seit dem Jahreskongress nicht viel verändert: Eine ganz klare Vorstellung hatten die Befragten von der klassischen Business Suite (S/7) als strategisches ERP-Rückgrat im Unternehmen. 70 Prozent bescheinigten ihr einen hohen, 22 Prozent einen mittleren Stellenwert.

Ein im Unternehmen betriebenes S/4 war für über ein Viertel strategisch relevant. Fast 37 Prozent sahen im Sommer 2015 eine mittlere Bedeutung.

Cloud Computing entschwindet

Die aktuelle DSAG-Investitionsumfrage zeigt deutlich, dass die SAP-Cloud-Produkte und die Hana-Cloud-Plattform abgeschlagen sind vom Mainstream. Noch nicht im Markt angekommen ist definitiv die Hana-Cloud-Plattform, in die nur ein Prozent der Befragten hauptsächlich zu investieren plant.

Das gleiche Bild gab es bei den DSAG-Mitgliedern schon vor einem halben Jahr: Die Cloud-Lösungen fallen in den unteren einstelligen Bereich, hieß es auf dem Jahreskongress.

„DSAG-Mitglieder haben großes Know-how im Bereich der Business Suite aufgebaut und vertrauen darauf, damit ihre Prozesse heute und in Zukunft effizient und möglichst vollständig abzubilden. Trotz innovativer Produkte muss die Zukunftssicherheit bei der Business Suite bestehen bleiben“

lautete in Bremen die Forderung seitens der DSAG. Das bedeutet, auch bestehende SAP-Produkte müssen Digitalisierungsstrategien der Unternehmen unterstützen und sich dahingehend erweitern lassen bzw. weiterentwickelt werden.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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