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Der Weg ist das Ziel

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Geschrieben von E-3 Magazin

Mit S/4 hat SAP ein ambitioniertes ERP-Projekt gestartet. Alles ist neu, sodass SAP es auch nicht als Nachfolger zu ECC 6.0 verstanden wissen will. Über die Anforderungen, Aufgaben und Pläne gibt Scheer-CEO Josef Bommersbach im E-3 Interview Auskunft.

Für einige SAP-Bestandskunden ist die digitale Transformation eine Realität geworden. Nun gilt es Werkzeuge und Wege zu finden, um eine neue ERP-Landschaft aufzubauen. Aber die SAP-Community ist ambivalent.

PAC-Analyst Frank Niemann meint, dass viele Bestandskunden überzeugt sind, der SAP-Produktstrategie früher oder später folgen zu müssen, während andere bereits klare Vorteile und Innovationspotenziale sehen, die sich ihnen mit S/4 bieten. Sie erhoffen sich laut Niemann einige der heutigen Herausforderungen im Zusammenhang mit SAP-Umgebungen besser bewältigen zu können.

Weniger häufig wird der Einsatz von S/4 getrieben von dem Willen, Geschäftsprozesse zu transformieren sowie neue Geschäftsmodelle rund um Big Data, Internet of Things bzw. Industrie 4.0 zu entwerfen. Ebenso kann man in der PAC-Studie lesen, dass etwa jedes dritte Unternehmen plant, S/4 in den nächsten Jahren einzuführen.

Fast 40 Prozent davon wagen den Neuanfang und wollen ihre Systeme komplett neu aufsetzen. Aus Sicht von PAC hat SAP mit S/4 eine neue Ära in ihrer Produktstrategie eingeläutet, die Chancen und Herausforderungen sowohl für SAP-Nutzer als auch SAP-Partner bedeutet.

Wie die Ergebnisse zeigen, ist dies noch nicht bei allen Unternehmen richtig angekommen. Mit dem Scheer-CEO Josef Bommersbach führte E-3 Chefredakteur Peter Färbinger im Vorfeld der CeBIT folgendes Gespräch.

Wie kommt man technisch zu S/4? Eine Studie der Analysten von PAC sagt aus, dass fast die Hälfte der SAP-Bestandskunden mit S/4 einen Neuanfang ihres ERP planen. Ist das realistisch?

Josef Bommersbach: Nach der Durchführung zahlreicher S/4-Assessments und auch erster Implementierungsprojekte können wir die Grundannahme der genannten PAC-Studie bestätigen.

Eine pauschale Aussage, welcher der beiden Ansätze, Greenfield- oder Brownfield-Ansatz, der bessere ist, ist nicht möglich. Beide Ansätze haben ihre Vorteile und Nachteile, jedoch sind individuelle Gespräche zur Identifizierung des optimalen Ansatzes eine Grundvoraussetzung für eine seriöse und zuverlässige Beratung. Nur so kann der beste Weg für den Kunden aus zeitlichen und kostentechnischen Gründen identifiziert werden.

Unsere Empfehlung an alle SAP-Bestandskunden ist es, ihre derzeitigen SAP-Umgebungen auf einem möglichst aktuellen Stand zu bringen und natürlich zu halten, um somit die größtmögliche Flexibilität zu haben, zum richtigen Zeitpunkt auf die neuen Technologien und Plattformen umsteigen zu können

Wie vollständig ist heute S/4 im Vergleich zu ECC 6.0 und der Business Suite 7?

Bommersbach: Die neue Business Suite der SAP, S/4 Hana Enterprise Management, beinhaltet weiterhin die Kernprozesse und Funktionalitäten einer klassischen Business Suite bzw. eines ECC 6.0, welche von den SAP-Anwendern wie bisher genutzt werden können.

Jedoch erreichen die Kunden erst mit der Einführung der neu entwickelten S/4-Module wie z. B. Finance den eigentlichen Mehrwert, den S/4 bietet. Nach S/4 Finance ist Logistics die nächste Lösung in der S/4-Welt. Dieses wurde bereits in einem ersten Release im November vergangenen Jahres freigegeben, wird jedoch in den nächsten Versionen weitere Funktionen und Features enthalten.

Dieser sukzessive Ansatz und Umbau der neuen SAP-Lösung kommt dem Kunden absolut zugute, da er seine SAP-Systemlandschaft nicht in einem sogenannten Big-Bang-Ansatz umstellen muss.

Eine Studie von Crisp Research sagt, dass der Releasewechsel komplex ist und kaum ein Anwender ohne Hilfe von Beratern auskommt. Wo und wie können Sie einem potenziellen S/4-Anwender helfen?

Bommersbach: Die digitale Transformation setzt eine Überarbeitung oder sogar Neuausrichtung von Geschäftsprozessen und die Implementierung von komplett neuen Geschäftsmodellen voraus.

SAP bietet ihren Kunden bei der Potenzialanalyse einen rein technologischen Ansatz.Der Business Scenario Recommendations Report liefert hierbei Erkenntnisse über Optimierungsmöglichkeiten in den vorhandenen SAP-Systemen.

Scheer bietet ihren Kunden zusätzlich einen prozessualen Ansatz, bei dem die kundenspezifischen Prozesse auf den Prüfstand gestellt werden und End to End durchleuchtet werden. Darüber hinaus müssen zukünftige Prozesse so abgebildet werden, dass sie optimal mit der Anwendungssoftware harmonisieren.

Hierbei gilt es auch, die von SAP eingeführten Simplifizierungslisten zu berücksichtigen, die die Vereinfachung oder gar einen Wegfall von bislang unterstützten Prozessen mit der neuen Software bedeutet.

Wie kommt ein SAP-Bestandskunde zu einer Entscheidungsfindung?

Bommersbach: Für eine Entscheidungsfindung bietet Scheer ein S/4-Assessment an. Ein Assessment erfordert ein strukturiertes Vorgehen mit der Zielsetzung, die Anforderungen eines Kunden aus ganzheitlichem Blickwinkel unter Berücksichtigung unterschiedlicher fachlicher und IT-technischer Aspekte abzudecken.

Unter Zugrundelegung eines strukturierten Fragenkataloges werden nicht nur die für einen Umstieg auf S/4 relevanten technischen Parameter wie u. a. System- und Schnittstellenarchitektur, Systemparameter und Sizing betrachtet, sondern auch Projekt- und Unternehmensdimensionen anhand einzelner Kriterien analysiert und bewertet.

Es wird eine Reifegradermittlung für die Organisation hinsichtlich der S/4-Readiness durchgeführt, die unter anderem ein Strategie-Audit – Haupterfolgsfaktorenanalyse –, aber auch den Status der Applikationen berücksichtigt.

Wem würden Sie jetzt S/4 empfehlen und wer sollte noch warten?

Bommersbach: Jeder Anwender sollte sich mit der Materie S/4 beschäftigen, auch wenn aktuell der Umstieg auf die neue Lösung nicht konkret geplant ist.

Grundvo­raussetzung für einen geplanten Umstieg auf S/4 ist, die existierende Systemlandschaft auf einen möglichst aktuellen Release-Stand zu bringen und somit einen guten Ausgangspunkt für den Umstieg zu schaffen.

Diese Vorbereitung kann je nach Systemstand sehr aufwändig sein und in Teilen mehr Zeit in Anspruch nehmen als die eigentliche Migration auf S/4.

S/4 läuft nur auf Hana: Wie viel Hana-Know-how muss der Anwender somit besitzen?

Bommersbach: Der Endanwender braucht kein spezielles Hana-Know-how. Vieles aus der alten Welt ist weiterhin vorhanden, jedoch bieten neue Anwendungen wie S/4 Finance mit ihren neuen Benutzeroberflächen ein neues Look-and-Feel, auf welches sich der Anwender einstellen muss.

Um die neue Softwaretechnologie im eigenen Haus bereitstellen zu können, sind für die Betreuung des Systems natürlich verschiedene Fortbildungsmaßnahmen für die Systemadministratoren notwendig.

Für einen klassischen SAP-ERP-Anwender sind die Investitionen für S/4 sehr hoch: neue Hardware, neue Infrastruktur und Architektur, neue Datenbank und neue Lizenzen. Sehen Sie bei diesem Investitionsvorhaben Probleme in der SAP-Community?

Bommersbach: Diese Aussage können wir aufgrund folgender Punkte nicht 100-prozentig bestätigen, da die Anschaffung neuer Hardware nicht zwingend erforderlich ist, weil Cloud-Lösungen in Betracht gezogen werden können; die Hardwarekosten für On-premise-Lösungen in den vergangenen Jahren drastisch gesunken sind; die Lizenzkosten für die reine Datenbank sich im Rahmen der gängigen Datenbanken wie Oracle, DB2 etc. bewegen; und der Mehrwert beim Einsatz einer in-memory-optimierten SAP-Anwendung die Aufwände und eventuelle Mehrkosten aufwiegt.

Wir erfahren außerdem in der SAP-Community eine große Offenheit für das Thema S/4 und Hana. Für noch nicht final entschlossene SAP-Anwender bietet Scheer einen Hana-Proof-of-Concept an, in welchem wir dem Kunden auf Basis seiner eigenen Daten den Nutzen der neuen SAP-Software aufzeigen und verbundene Ängste, etwa mit Blick auf die Usability, den Betrieb und mögliche Mehrkosten, entkräften.

Welche Erwartungen hat Scheer bezüglich S/4 in diesem Jahr? Wie wird sich das Produkt in der SAP-Community entwickeln?

Bommersbach: Wir erwarten ein weiterhin stark wachsendes Interesse an dem Thema S/4. Die Anzahl unserer bereits heute geplanten S/4-Assessments, laufende Kundenworkshops und Projekte zeigen dies deutlich. Im Rahmen der CeBIT wird sich dies ebenfalls zeigen, da bei uns, unseren Partnern und Marktbegleitern S/4 ein Kernthema darstellen wird.

Die CeBIT ist sicherlich ein guter Multiplikator, der dieses Thema für die Großzahl der Kunden noch präsenter erscheinen lässt.

Was kostet die S/4-Lizenz? Nachdem SAP sagt, dass S/4 kein rechtlicher Nachfolger irgendeines SAP-Produkts ist, werden alle zukünftigen S/4-Anwender nun neue Lizenzen kaufen müssen. Was ist hierbei Ihre Empfehlung?

Bommersbach: Hana ist die Grundvoraussetzung für S/4. Hana kostet 15 Prozent des Softwareanschaffungswertes. Bei der Umstellung der Datenbank von z. B. DB2 oder Oracle auf Hana hat der Kunde keinerlei Softwaremehrkosten bzw. spart sogar beim Einsatz der neuen In-memory-Datenbanktechnologie.

Für SAP-Bestandskunden bietet SAP seit Anfang des Jahres die S/4-Lizenz im Rahmen einer „one-time flat-fee per customer“ in Höhe von 9.000 Euro zusätzlich zu den existierenden Anwenderlizenzen an.

Für Neukunden gibt es neue S/4-Usertypen auf der SAP-Preisliste, die preislich ähnlich gestaltet sind wie der aktuelle Professional User in einem klassischen ERP-System.

Das Preismodell ist äußerst komplex, jedoch haben die Anzahl der Anwender und die Anzahl der genutzten Softwareprodukte einen Einfluss auf den Endpreis und die damit verbundenen jährlichen Wartungskosten.

Wissen Sie, wie viele operative S/4-Anwender es momentan gibt, wie viele davon Bestandskunden mit einem Releasewechsel sind und wie viele Neukunden?

Bommersbach: In den ersten acht Monaten nach dem Launch von S/4 im Februar 2015 hat SAP mehr als 2140 lizenzierte Kundenszenarien vorzuweisen. Über 400 aktive Kundenprojekte wurden seitdem gestartet, wovon 31 Kunden bereits live sind.

Die genannten Kunden erstrecken sich über 26 Branchen und sind in 54 Ländern ansässig. Im vergangenen Jahr wurden von SAP und Partnern 168 Migrationen auf S/4 durchgeführt. Davon waren 74 Prozent SAP-Neukunden.

2025 soll das Ende der regulären Wartung für ECC. 6.0 und S/7 sein. Glauben Sie, dass bis dahin alle SAP-Bestandskunden auf S/4 migriert haben?

Bommersbach: Früher oder später wird sich jeder SAP-Kunde mit S/4 auseinandersetzen müssen, da sich das Wartungsfenster für die Business Suite nach heutigen Vorhersagen der SAP im Jahr 2025 schließt.

Kunden sollten bis dahin eine Migration sorgfältig vorbereiten und von den Erfahrungen bereits realisierter Projekte profitieren. Außerdem können Unternehmen die Zeit bis dahin nutzen, um zu entscheiden, welche Systeme sie transformieren oder komplett neu aufsetzen möchten.

Danke für das Gespräch.

 

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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