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Das Recht auf Vergessen

[shutterstock.com:178026500, Ollyy]
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Geschrieben von E-3 Archiv

Ich hab es vergessen, was wollte ich hier schreiben? Irgendetwas mit SAP. Nun gut, eingefordert wurde im Web das Recht auf Vergessen und Google versucht sich daran zu halten – andere nützen es schamlos aus. War es etwa SAP?

Am Mittwoch, 3. Juni, bekam ich von SAP einen Newsletter – daran erinnere ich mich. Ein Weblink zeigte auf ein Interview, das erklären sollte: SAP S/4 Hana ist der nächste große Schritt.

Gut, ich habe die Sapphire über mich ergehen lassen, aber über Sapviertel etwas zu erfahren ist noch immer die Mühe wert. Als Interviewpartner auf sap.com stand Wieland Schreiner, Senior Vice President, Chief Product Owner Suite on Hana, zur Verfügung.

Suite on Hana (SoH) wurde am 10. Januar 2013 von Ex-SAP-Technikvorstand Vishal Sikka und Professor Hasso Plattner in Palo Alto, USA, vorgestellt. So weit ich mich erinnern kann, war es ein spektakuläres Ereignis.

Obwohl die Tatsache selbst, meiner Erinnerung nach, eher banal war: Für die Business Suite 7 (S/7) wurde eine weitere SQL-Datenbank freigegeben und von SAP zertifiziert. Die Erwartungshaltung und die Hoffnungen hingegen waren groß. Handelte es sich doch bei dieser SQL-Datenbank für S/7 um die In-memory-Computing-Datenbank Hana.

Also begann am 10. Januar 2013 ein neues Zeitalter: Suite on Hana. Mehr als zwei Jahre später gab nun Wieland Schreiner ein Interview.

Auf die Frage

„Warum hat SAP entschieden, SAP S/4 Hana gerade jetzt auf den Markt zu bringen?“

antwortete Schreiner:

„Wir wissen, dass wir mit starken Innovationen Wachstum erzielen können. Das sehen wir am enormen Erfolg der SAP Business Suite powered by SAP Hana mit über 2.200 Kunden, 650 Implementierungsprojekten und bereits mehr als 320 produktiven Kunden.“

Der SAP Executive Vice President dürfte bei dem Interview etwas verwirrt oder vergesslich gewesen sein: Was hat S/7 mit S/4 gemeinsam? Außer der Plattform Linux und Hana nicht viel.

S/4, vorgestellt am 3. Februar dieses Jahres, ist ein vollständig eigenständiges und neues SAP-Produkt. S/7 mit dem Kern ECC 6.0 ist ein sehr erfolgreiches SAP-Produkt mit Tausenden von zufriedenen Anwendern. Wollen wir kulanterweise Herrn Schreiner zugutehalten, dass er vergaß, in welchem Film er ist.

Die Frage bezog sich auf S/4. Er, verantwortlich für S/7, offenbarte aber mit der Antwort eine sehr erstaunliche Tatsache: S/7, also die Business Suite 7 powered by Hana, also die bekannte SAP Suite mit ECC 6.0 auf der SQL-In-memory- Computing-Datenbank Hana, also nichts viel anderes als R/3 auf Oracle, also dieses seit über zwei Jahren auf dem Markt befindliche SAP-Produkt hat nicht mehr als 2.200 Kunden, von denen es erst 320 geschafft haben, produktiv zu gehen.

Also, das ist ein Megaflop. Ein Desaster. Der ERP-GAU in Walldorf.

Der gute Mann muss einfach vergessen haben, wo er ist und was er sagt. 2.200 SAP-Bestandskunden haben in Walldorf SoH bestellt – ob auch schon bezahlt? Wer weiß es? Vielleicht haben die Anwender vergessen zu bezahlen.

Von den „glücklichen“ Besitzern einer SoH konnte sich offensichtlich aber nur ein Drittel auch zu einem Implementierungsprojekt durchringen. Wenn man es also nicht vergessen hat, dann liegen irgendwo in den Schubladen der SAP-Bestandskunden noch 1.550 ungenutzte SoH-Lizenzen.

Aber auch die Projekte selbst dürften nicht sehr erfolgreich verlaufen sein, wenn das Ergebnis nur 320 produktive Kunden sind. SoH ist ein Desaster. Damit das jeder schnell vergisst, hat SAP nach wenigen Stunden diesen Teil des Interviews vom Netz genommen – ohne Kommentar, so, als wäre nie etwas gesagt worden. Nun gut, jeder hat ein Recht auf Vergessen.

Selbst Google wusste nichts mehr von den verräterischen Zahlen. Alles ist vertan und vergessen. SoH, also S/7, ist ein Erfolg und damit sollte auch Sapviertel ein noch größerer werden. Ob sich Wieland Schreiner einen neuen Job sucht, habe ich vergessen.

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