Mister No/Name

Gebt Hana eine Chance

Kaum ein Tag vergeht, wo nicht einer meiner weltweiten Mitarbeiter mit mir über Hana diskutieren will – als hätten wir keine anderen IT-Probleme. Aber die Informationslage ist dürftig. Auf dem Service-Marktplatz findet sich kaum Relevantes. Tue Gutes und rede darüber, will man der SAP zurufen.

Meine Ehefrau überfliegt im Vorbeigehen kurz den Vorspann meiner Kolumne. „Du findest in jeder Suppe ein Haar“, meint sie amüsiert. „Lass die Walldorfer doch einfach mal machen“, meint sie lebensklug.

Nur mit IT und speziell Software ist es eine andere Sache: Ob IT kriegsentscheidend ist, darüber sollen sich meine Vorstandskollegen streiten. Für mich ist IT in erster Linie ein Werkzeug und Fundament für eine erfolgreiche Aufbau- und Ablauforganisation.

IT kann den Datenschatz heben. Damit sind wir der SAP für Hana dankbar. Aber ich bin nicht zufrieden! Das ewige Gerede von „Run Simple“ macht mich nervös.

Informatik, Algorithmen, Graph-Datenbanken und In-memory Computing können Geschäftsprozesse vereinfachen und neue Erkenntnisse generieren, siehe Predictive Analytics und die Simulation dynamischer Systeme.

Meine Mitarbeiter und Werkstudenten schaffen Erstaunliches auf der Hana-Plattform. Auch wenn die Kompliziertheit mittlerweile aus vielen SAP-Systemen verschwunden ist, komplex bleibt es dennoch und ein fertiges Ingenieurstudium ist allemal sehr hilfreich.

Bill McDermott liegt vollkommen falsch mit seinem „Run Simple“. Komplexe, globale Produktion, Handel und Logistik sind per Definition nicht simple. Auch die schönsten und einfach zu bedienenden Fiori-Oberflächen unser Werkstudentenprojekte sind nicht simple.

Hier wurde viel Arbeit investiert, um komplexe Sachverhalte leicht bedienbar darzustellen – der Geschäftsprozess und die mathematischen Algorithmen bleiben komplex.

Aber „Run Simple“ ist nicht mein aktuelles Problem. Die S/4-­Roadmap 2025 macht mir Sorgen oder besser gesagt: Das Nichtvorhandensein macht mich und meine Kollegen nervös.

Es gibt jede Menge offizielle und inoffizielle Treffen und Diskussionen. Aber die Aussagen zwischen einer Sapphire-Bühne in Orlando und kleinen CIO-Meetings in Walldorf sind kaum zur Deckung zu bringen: Überall nur simple Innovationen und non-disruptive IT, aber nirgends konsolidierte und belastbare S/4-Aussagen.

Mein regionaler CCC-Leiter verbrachte mit seinem Team etliche Stunden im SAP-Service-Marktplatz, um ein wenig Klarheit zu bekommen. Das Ergebnis war mager. Lust und Interesse, nach Orlando zur Sapphire zu reisen, hatte er dann auch nicht mehr, obwohl ein DSAG-Kollege von Arvato ihn sehr dazu drängte.

Die Zeit wird knapp: Wie mein Bekannter, CFO bei Bayer, unlängst erzählte, hat man nach vielen Jahren die weltweite Konsolidierung auf R/3 abgeschlossen. Man schätzt die Früchte dieser Arbeit.

Auch dort wird mit Hana experimentiert, aber eine S/4-Roadmap ist außer Sichtweite. Natürlich tut sich SAP intern leicht! Der Konzern ist relativ klein und hat die besten SAP-Spezialisten an der Hand. Warum also nicht schnell und erfolgreich auf Simple Finance wechseln – es kostet ja nichts.

Der Rest der Community ist gerade einmal vor ein paar Jahren mit dem technischen Versionswechsel auf ECC 6.0 fertig geworden.

Einige meiner Kollegen haben fast den ganzen NetWea­ver-Stack implementiert. Und die Unglücklichen, die jetzt auf der Sapphire in Orlando waren, mussten zur Kenntnis nehmen, dass selbst diese durch Ex-Technikvorstand Shai Agassi entwickelte ERP-Plattform nicht von Ewigkeit sein wird. Jetzt kommt Hana!

Wie sagt meine Frau immer: „Leben ist Veränderung.“ Kann ich akzeptieren, aber muss es so schnell gehen? Die letzten NetWeaver-Projekte sind soeben erfolgreich abgeschlossen, die Mannschaft gut geschult und nun soll (fast) alles durch die Hana-Plattform ersetzt werden?

Eine Erkenntnis von meiner Mannschaft aus dem Besuch in Orlando ist somit: Der NetWea­ver ist tot, weil nicht mehr relevant. Ganz so will ich meinen US-amerikanischen Mitarbeitern das nicht glauben. Ich werde in Walldorf nachfragen.

Ich denke, dass momentan die Probleme woanders liegen. Darauf gebracht hat mich ein Kommentar des Finanzanalysten Antonio Sommese. Er schrieb anlässlich der Turbulenzen im VW-Konzern:

„Wie nützlich ist ein arrivierter Automobil-Manager mit Benzin im Blut und Bleifuß, wenn künftig selbstfahrende Elektro-Autos das Straßenbild bestimmen?“

Und ich kann nur hinzufügen: Wie nützlich ist ein Verkäufer (McDermott) und Techniker (Leukert) auf der Sapphire-Bühne, wenn künftig digitale Geschäftsprozesse die ERP-Szene bestimmen?

IoT und Industrie 4.0 sind bei uns im Konzern gesetzt. Der Digital Tsunami kommt, wie die Analysten von Gartner schon vor zwei Jahren prophezeiten. Und der Analyst schrieb weiter:

„Die Automobilhersteller haben sich lange Jahre darauf ausgeruht, ihre Modelle alle paar Jahre mit technischen Spielereien aufzupeppen und waren mit dieser Strategie durch die Bank weg sehr erfolgreich.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Strategie der Trippelschritte ausreicht, um sich gegen den Ansturm der neuen Marktmitspieler aus der IT-Liga, allen voran Apple und Google, zu wehren.“

Ähnlich sehe ich es bei SAP: Kann sich der Konzern im Cloud Computing gegen die Start-ups aus dem Silicon Valley wehren? Reicht es, Hana als Cloud-Plattform zu positionieren?

Kurze Antwort: Hana ist gut, die SAP-Cloud ein Desaster. Technisch will ich hier keinen Streit vom Zaun brechen, aber Microsoft hat es unlängst zugegeben: Mit einem Cloud-Subscription-Modell verdient der Konzern in den kommenden Jahren mindestens 80 Prozent mehr.

Bei SAP werden die Zahlenspiele nicht viel anders sein. Nur sehe ich keine Bestandskunden, die das freiwillig zahlen werden. Das Modell für die mittelfristige Zukunft wird somit heißen: S/4 Hana on-premise.

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