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Abschied aus Europa

Leben ist Veränderung. Natürlich wurde die doppelte Buchhaltung in Italien erfunden. Betriebswirtschaftliche Standardsoftware wurde zuerst in Deutschland von SAP und Nixdorf entwickelt. Aber die USA haben mehr Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften.

Die entscheidende Frage: Braucht Software in einer globalen Welt eine Heimat? Radio Eriwan würde antworten: Im Prinzip ja, aber Palo Alto, Schanghai und Bangalore sind neben Walldorf auch sehr interessante Orte.

Die meisten Mitglieder der SAP-Community sind sich wahrscheinlich einig, dass nur mit europäischem Geist in Deutschland vor über vierzig Jahren betriebswirtschaftliche Standardsoftware entstehen konnte.

Im Fall von SAP beteiligten sich anschließend die europäischen Konzerne an der Weiterentwicklung. Es war ein Wechselspiel von Anbietern und Anwendern, das die weltweit führende ERP-Software entstehen ließ – während in den USA Betriebssysteme, Datenbanken und Programmiersprachen entstanden.

Hier in Europa das Organisatorische, dort in den USA das Technische: Ethernet, Maus, GUI (Graphical User Interface).

Plakativ umschrieben hat SAP der IT-Natur nach in Europa seine Wurzeln. Naturgemäß muss das nicht so bleiben.

Aber die SAP-Community, die Bestandskunden und viele SAP-Mitarbeiter sehen den Abschied aus Europa als Bedrohung: Können wir uns erlauben, dass eine Schlüsseltechnologie wie SAP nach Amerika auswandert, fragte ein besorgter E-3 Leser in einem Brief an die Redaktion.

Ein anderer Leser stellte die Frage in den Raum: Sollte SAP verstaatlicht werden? Mag sein, dass hier und da Antiamerikanismus durchscheint. Viel mehr zählt aber die Sorge um Europa, um das vierzig Jahre lang gewachsene Vertrauen, um die Wertschöpfung und das geistige Eigentum.

Das Apollinische gemahnt uns zur Zurückhaltung und Rationalität: Auch Bill McDermott will der SAP nichts Böses. Auch Vishal Sikka bemüht sich nach besten Kräften.

Aber beide stehen unter amerikanischem Einfluss und werden von Hasso Plattner in ihrem schnelllebigen und oberflächigen Tun unterstützt. Das Dionysische bringt die Emotionen für Europa hervor:

Hier entsteht Wertarbeit – vielleicht nicht sehr schnell und hübscher könnte es auch sein, aber es ist robust und funktioniert. SAP Hana wird von Franz Färber in Walldorf entwickelt!

Das Apollinische und das Dionysische sind die beiden Seiten einer Medaille und genauso war SAP in der Vergangenheit: hier Jim Hagemann Snabe, dort Bill McDermott. Man mochte sich nicht, respektierte sich aber. Jeder blieb auf seiner Seite. McDermott war nie Gast einer europäischen Sapphire!

Das Gleichgewicht des Schreckens funktionierte: Die Europäer verstanden die Amerikaner nicht und umgekehrt. Aber dem Aufsichtsratsvorsitzenden Plattner entglitt die Sache und ein Ungleichgewicht entstand.

Der Europäer Snabe wollte das Unternehmen verlassen, wurde zum vorübergehenden Bleiben mit Aussicht auf ein Aufsichtsratsmandat überredet und sitzt heute zwischen allen Stühlen.

Der Abschied aus Europa hat begonnen: Sapphire gibt es keine mehr; eine TechEd findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; Marketing und Public Relations sind in die USA übersiedelt.

Frage an Radio Eriwan: Bleibt SAP ein europäisches Unternehmen? Im Prinzip ja, aber technologische Entscheidungen werden von Vishal Sikka in Palo Alto und Managemententscheidungen von Bill McDermott in Philadelphia getroffen.

Weitere Frage an Radio Eriwan: SAP made in USA – kann das gut gehen? Im Prinzip ja, aber die Wurzeln von SAP liegen sowohl bei Venedig, wo 1495 von einem italienischen Mathematiker und Mönch erstmals die doppelte Buchführung beschrieben wurde, als auch bei Östringen, wo ein Nylonwerk von ICI stand und die fünf SAP-Gründer ihre ersten Erfahrungen mit R/1 sammelten und etwas Geld verdienten.

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