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Genügt es, ein Gorilla zu sein?

In einem Moment, der als Wendepunkt für die gesamte IT-Branche gesehen werden könnte, hat Oracle Ende Juni – zum ersten Mal, seit wir uns erinnern können – bei einem Gesamtumsatz von 37 Milliarden Dollar kein Umsatzwachstum zum Ende seines Geschäftsjahres gemeldet.

Möglicherweise ist es nur das Gesetz der großen Zahlen, denn Oracle macht einen wesentlichen Teil der gesamten Branche aus, deren Wachstum (abgesehen von Asien) weitgehend dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht.

Man könnte es aber auch als Zeichen von Reife interpretieren. So schlug die einflussreiche britische Financial Times in einem provokativen Editorial vor, Oracle solle sich selbst entsprechend seines Alters als „Wertaktie“ und nicht mehr als „Wachstumsaktie“ betrachten, und sich dementsprechend verhalten.

Und in der Tat berichtete Oracle eine Verdoppelung seiner Dividende, wenn auch noch auf einem recht niedrigen Niveau im Vergleich zu anderen reifen Industrieaktien. Oracles flache Performance überraschte angesichts mehrerer Milliarden-Dollar-Übernahmen in den vergangenen 18 Monaten wie von Eloqua, Taleo und RightNow (nicht zu vergessen Vitrue – für „nur“ 300 Millionen Dollar), deren Ziel es gewesen war, den Softwareriesen an der Spitze der momentan wichtigsten IT-Trends zu halten:

Digital Customer Experience Management und die Umstellung auf Cloud Services. Die neuen Lösungen scheinen Oracles ältere Geschäftsbereiche zu ersetzen, nicht zu erweitern – die neue Normalität in einem Zeitalter der weitgehend flachen IT-Ausgaben.

Die IT-Branche entwickelt sich nach wie vor schnell. Indem es sich selbst als Value Stock betrachtet und sich auf das stützt, worin es gut ist, würde Oracle einen unvermeidlichen, aber nicht unbedingt langsamen Rückgang riskieren.

Cloud-Lösungs-Anbieter wachsen sehr schnell – von Box (Speicher) bis zu Workday (Apps). Heute mögen sie noch klein im Vergleich zu Oracle sein, aber morgen? Ungeachtet dessen einfach so weitermachen ist also nicht ausreichend.

Kurzfristige Opfer für langfristigen Gewinn

Als Oracle für das Fiskaljahr 2013 keinen Umsatzanstieg berichten konnte, erhielt es eine Menge unerwünschter Medienkommentare über seine Cloud-Strategie.

Das Unternehmen hatte eine Reihe von wichtigen Ankündigungen zur Stärkung seiner Cloud-Position vorbereitet. Es muss frustrierend gewesen sein, diese Meldungen nicht gleichzeitig mit seiner Bilanzpressekonferenz veröffentlichen zu können.

Seitdem folgten Nachrichten satt und schnell aufeinander: Abkommen mit Microsoft, Salesforce.com und Netsuite – zusammen mit der allgemeinen Verfügbarkeit der Cloud-Version von Oracles Datenbank Version 12c mit einer neuen Multi-Tenant-Architektur, die Oracle erstmals im Oktober 2012 auf der Oracle OpenWorld angekündigt hatte.

Von den drei Vereinbarungen ist die mit Salesforce.com die interessanteste, nicht zuletzt, weil die beiden Unternehmen sich für einen Zwölfjahresvertrag entschieden – in Internetzeit gemessen ein ganzes Leben.

Und natürlich, weil sie so heftige Kopf-an-Kopf-Rivalen gewesen waren und Salesforce.com (oft erfolgreich) daran gearbeitet hatte, Oracles großen Siebel-Kundenstamm zu gewinnen.

Während es bei dieser Vereinbarung (ebenso wie auch bei Netsuite) vorrangig um die Interoperabilität von Anwendungen geht, zielen aus unserer Sicht alle drei in erster Linie auf die Aufrechterhaltung der Marktposition von Oracles Datenbankplattform, wenn sich die gesamte IT-Welt in Richtung Cloud bewegt.

Oracle sollte lieber einige potenzielle Umsätze mit Anwendungen an Salesforce.com oder Netsuite opfern, wenn es damit die Chancen erhöht, seine Finanz- und HCM-Apps zusätzlich zu seiner Datenbankplattform zu verkaufen.

Für Salesforce.com sieht es aus wie ein glatter Sieg. Obwohl es sein eigenes Potenzial verschenkt hat, Oracle als Kernplattform auszustechen (was ohnehin hart gewesen wäre), hat es zweifelsfrei eine bessere Lizenzvereinbarung erzielt.

Noch wichtiger ist, dass Salesforce.com seine Wettbewerbsherausforderungen auf dem Markt entscheidend reduziert hat. Denn Oracle ist jetzt engagiert, Salesforce.com im Front-Office in Verbindung mit Oracle (Fusion) Apps im Backoffice zu unterstützen (HCM und Finanzmanagement), auch wenn diese Vereinbarung nicht so weit geht, die Lösungen auch zu verkaufen.

Auch beim Netsuite-Abkommen ging es um die Verknüpfung von Oracle HCM mit dem Cloud-basierten ERP-System von Netsuite. Daraus ergibt sich ein weiterer Vorteil für alle Beteiligten: die Stärkung der Abwehrkräfte gegen Workday – eine Cloud-Reinkarnation von PeopleSoft, über deren explosives Wachstum alle besorgt waren – sowie gegen SAP mit seinen Cloud-Lösungen, insbesondere SuccessFactors.

Viele SAP-ERP-Kunden haben die Oracle-Datenbankplattform und Salesforce.com bereits installiert und sehen sie als strategische Wahl. 
Für Kunden, die auf Cloud HCM migrieren wollen, wirken die Argumente für eine reine SAP-Lösung (basierend auf SuccessFactors) oder eine mögliche Umstellung auf Workday weniger überzeugend.

So scheint es, dass Oracle mit den Abkommen mit Netsuite, Salesforce.com und Microsoft ein wenig Boden auf dem heutigen Markt aufgibt, um sein längerfristiges strategisches Spiel zu stärken. Die für uns verbleibende Frage ist, wie es um das Fusion CRM-Angebot von Oracle bestellt ist, das auf der Pressekonferenz merklich unerwähnt blieb.

Wir erwarten, dass Fusion CRM als Alternative zu Salesforce.com immer noch als Teil einer Suite angeboten werden wird. Doch wenn das Salesforce.com/Oracle-Versprechen von echter Interoperabilität zwischen ihren Angeboten erfüllt werden kann, wird die Marktdynamik von Fusion CRM, selbst als Upgrade für bestehende Siebel-Kunden, gering sein.

Cloud nicht länger halbherzig

Jeder, der glaubte, Oracle wäre noch immer zaghaft gegenüber der Cloud und seine Cloud-Strategie wäre dem Wunsch nachrangig, große Rechenzentrumssysteme auf der Grundlage seiner Exa-Boxen zu verkaufen, wird seine Ansichten nun korrigieren müssen.

Oracle ist bestrebt, die Standardplattform für den Cloud-Betrieb zu werden. Allerdings stützen immer mehr Cloud-Unternehmen ihre Lösungen auf Big-Data-Plattformen, vor allem solche, die auf Open Source basieren. Solche Umgebungen werden mehr und mehr zum Mainstream.

Ein weiterer kritischer Faktor für Oracles künftigen Erfolg ist Big Data. Datenspeicherung, Reporting und Analyse sind Oracles Kernkompetenz. Auch wenn Oracle diese in seinen Quartalsergebnissen nicht mehr separat ausweist, machen sie noch weit über die Hälfte seines Geschäfts aus.

Oracle ist, um eine bekannte IT-Metapher zu verwenden, der unbestrittene Gorilla in diesem Markt. Doch Gorillas wurden in der Evolution von den Menschen überholt.

Kürzlich besuchte ich eine Big-Data-Analytics-Konferenz in London. Auffällig viele Referenten dort sagten:

„Ja, wir hatten Oracle (oder mySQL) eingesetzt, aber …“.

Oder wie Bob Harris, CTO des TV-Senders Channel 4, es einprägsam ausdrückte:

„Bei der zehnfachen Datenmenge wie früher ist Oracle einfach nicht kostengünstig.“

Channel 4 verlagert aktuell das Reporting und die Analyse von Kundenverhalten auf Hadoop-basierte Lösungen.

Andere sprachen davon, wie sie zu MongoDB, Riak oder anderen Marktneulingen wechselten, um ihre Big Data Workloads zu verarbeiten. Workloads, für deren Verarbeitung die relationale Datenbank (jetzt 30 Jahre alt) nicht besonders gut geeignet ist.

Und eine Verzehnfachung der Datenmengen ist noch bescheiden – viele Unternehmen berichten von weit größeren Steigerungen. Wir argumentieren schon lange, dass Big Data in Bezug auf vier „V“ gesehen werden sollte.

Nicht nur die drei bekannten „V“ (Volume, Variety, Velocity), sondern insbesondere das vierte „V“ (Value) ist entscheidend. Bei Big Data geht es um die kostengünstige Verarbeitung großer und diverser Datenmengen.

Oracle muss schnell agieren und die bestehenden Kunden von seiner Strategie für Big-Data-Lösungen überzeugen, bevor diese entsprechende Systeme von anderswo beziehen.

Eine Testumfrage unter den Konferenzteilnehmern zeigte, dass nur ein kleiner Prozentsatz bereits Big-Data-Lösungen beschafft hat. Doch das Seminar war voll.

Übereinstimmend mit unseren eigenen Seminaren und Erfahrungen ist dies ein wichtiges Branchenthema. Noch ist das Spiel offen, und es liegt an Oracle, es zu gewinnen oder zu verlieren.

Im Hinblick auf das Tempo der Ereignisse in den vergangenen Wochen werden wir wahrscheinlich nicht lange warten müssen.

Als Philip Carnelley im Dezember 2010 zum PAC-Team stieß, blickte er auf über 25 Jahre Erfahrung als Analyst, Softwareentwickler und Projektmanager zurück. Er arbeitete bei Unternehmen wie TechMarketView, der Hacket Gruppe und Ovum. Als angesehener Berater deckte er die Bereiche Business Applications, Business Intelligence und Dokumentenmanagement ab. Zuletzt spezialisierte er sich auf Cloud Computing, SaaS und Applications Services.

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