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Das europäische Erbe von SAP

[shutterstock: 376197256, Andrey_Popov]
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Geschrieben von Phil Carter, IDC

Welche Auswirkungen hat der Rücktritt des Dänen Jim Hagemann Snabe als Co-CEO des größten deutschen Softwarekonzerns SAP auf dessen europäisches Erbe?

Die SAP kündigte Ende Juli dieses Jahres an, dass Jim Hagemann Snabe als Co-CEO mit Wirkung Mai 2014 zurücktreten und damit Bill McDermott die alleinige Leitung des Unternehmens übernehmen wird.

Nach seinem Rücktritt will sich Snabe in den SAPAufsichtsrat wählen lassen. Das ist insofern bedeutsam, als die SAP zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht von einem CEO oder Co-CEO mit europäischen Wurzeln geleitet wird.

Im Presse- und Analysten-Briefing zum Führungswechsel spielte SAP die wachsende US-Orientierung im SAP-Vorstand herunter und machte klar, dass SAP ein globales Unternehmen ist, dessen Führungsgremien nicht von bestimmten Regionen dominiert sind.

In diesem Zusammenhang wies SAP darauf hin, dass augenblicklich 46 Prozent der SAP-Belegschaft in EMEA sitzt, gefolgt von Amerika mit 30 Prozent und der asiatisch-pazifischen Region mit 24 Prozent – eine Verteilung, die ein US-CEO ein wenig ausbalancieren wird.

Außerdem besitzt SAP mit San Francisco und Walldorf seit geraumer Zeit zwei Firmenhauptsitze. Bill McDermott bejahte die Fragen, ob er künftig mehr Zeit in Walldorf verbringen und auch Deutsch lernen würde.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Jim Hagemann Snabe zwar fließend Deutsch spricht, jedoch aus Dänemark stammt und sein Büro in Kopenhagen hat, von dort allerdings häufig nach Walldorf reist.

Letzten Endes ist diese Machtverlagerung in Richtung USA nur ein weiterer, wenn auch tief greifender Schritt in SAPs Entwicklung in Richtung eines echten globalen Unternehmens, das hochqualifizierte Mitarbeiter – sei es in der Entwicklung oder im Vorstand – in den Ländern einsetzt, in denen sie ansässig sind.

Vor mehr als zehn Jahren errichtete der damalige CTO Shai Agassi mit Unterstützung von SAP-Mitbegründer und Aufsichtsratsvorsitzendem Hasso Plattner ein wichtiges Technologiezentrum im Silicon Valley, damals ein großer Schritt weg von der Konzentration auf den Entwicklungsstandort Deutschland.

Heute entwickelt SAP insgesamt in 14 Labs in zwölf Ländern. Die Lösung für kleine Unternehmen, etwa SAP Business One, wird in China entwickelt und stammt ursprünglich aus Israel.

Wirklich neu ist also nur, dass solch eine Verlagerung dieses Mal im Vorstand stattfindet. Dabei muss man aber auch anmerken, dass es den Wechsel von einem Co-CEO zu einem alleinigen CEO auch schon vorher gegeben hat, als Hasso Plattner in den Aufsichtsrat aufrückte und Henning Kagermann die alleinige Führung bei der SAP übernahm.

Auch Léo Apotheker war kurzzeitig Co-CEO, bevor er die alleinige Verantwortung bekam.

Es ist jedoch wahrscheinlich, dass SAPs europäische Mitarbeiter, die immerhin den größten Anteil innerhalb der drei Regionen ausmachen, sich im Vorstand unterrepräsentiert fühlen, und dies vor allem vor dem Hintergrund, dass Werner Brandt, ein langjähriges Mitglied des Vorstands, ebenfalls nächstes Jahr aus dem Gremium ausscheiden wird.

Hasso Plattner wies darauf hin, dass mit Luka Mucic ein Deutscher auf Werner Brandt folgen werde.

Nichtsdestotrotz glauben wir, dass die deutschen und europäischen Mitarbeiter Sicherheit brauchen, dahin gehend, dass sie auch in Zukunft eine tragende Rolle in der Unternehmensstrategie spielen werden, vor allem auch vor dem Hintergrund von SAPs herausragender Marktposition und Bekanntheit in Europa.

Auswirkungen für Kunden

Gemäß dem IDC European Software Tracker hat SAP einen Anteil von 20 Prozent am Enterprise-Applications-Markt in Westeuropa 2012, mit einem Abstand von 13,5 Prozentpunkten auf den nächstgrößten Wettbewerber – wahrlich eine starke Position in Europa und vor allem in Deutschland, auch bezogen auf den globalen Wettbewerb in diesem Segment Markt.

Mit dieser Marktposition im Rücken soll zukünftiges Wachstum aus neuen Bereichen kommen (zum Beispiel Business Analytics, Mobility, Cloud und Datenbanken).

Mit Ausnahme des Business-Analytics-Markts, in dem SAP mit einem Anteil von 19,9 Prozent Marktführer in Westeuropa ist und einen Abstand zur Nummer zwei von 5,5 Prozentpunkten aufweist, ist die Marktposition der Walldorfer in den neuen Märkten weniger stark.

Trotzdem dürfen auch in diesen Segmenten die Größe der SAP-Kundenbasis und der eigene Einfluss auf den Markt nicht unterschätzt werden.

Die öffentliche Wahrnehmung der Rollen der beiden Co-CEOs war immer klar: Während Snabe als der Softwaremann gesehen wurde, war Bill McDermott der Vertriebsmann.

Snabes Rücktritt hinterlässt ein Vakuum im Bereich Produktstrategie und -management. Wir gehen davon aus, dass der aufsteigende Stern bei SAP im Forschungs- und Entwicklungsbereich Vishal Sikka, von SAP in besagtem Analysten-Call mehrfach als „der beste Innovator der Branche“ gefeiert, dieses Vakuum füllen wird.

Er ist federführend verantwortlich für den jüngsten Erfolg von SAPs neuer Plattform Hana. Wenn es darum geht, SAPs führende Position bei Produkten, Technologien und Engineering aufrechtzuerhalten, kann man davon ausgehen, dass McDermott auch als alleiniger CEO auf Sikka zählen wird.

Trotzdem: Gerade bei europäischen Kunden besitzt Snabe eine hohe Glaubwürdigkeit, wenn er über SAPs Technologiepläne spricht. Er kann sich der Wertschätzung wichtiger europäischer Vorstände sicher sein. Gleichzeitig war er im regelmäßigen Austausch mit politischen Schwergewichten über die Nutzung der IT zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen mit dem Ziel der Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Dabei sprach er häufig auf Seminaren und Konferenzen über Forschung und Innovation sowie über die digitale Agenda für Europa, um die EU in diesem Zusammenhang nach vorn zu bringen. All das hat SAPs Ansehen als weltweit anerkannten globalen Technologieführer aus Europa und Best Practice für europäische Innovation verstärkt.

Resümee

Laut IDC war die Performance der SAP in den vergangenen Quartalen eine Kombination von unterschiedlichen Situationen in den Regionen, welche wiederum stark vom jeweils vorherrschenden wirtschaftlichen Klima und der Effektivität der lokalen Vertriebsmannschaften abhingen.

Bemerkenswert im vergangenen Quartal war beispielsweise das starke Wachstum in der Region Americas. Genauso wie branchenübergreifende Anwendungen an sich ein Oxymoron sind, da fast alle Lösungen unterschiedliche Ausprägungen in unterschiedlichen Industrien haben, scheinen Anwendungen auch nicht regionsneutral zu sein.

SAP ist mit lokalen Wettbewerbern in jeder Region konfrontiert (wie Ufida in China, Oracle in den USA oder IFS in Europa) und muss die Käufer davon überzeugen, dass sie die spezifischen Bedürfnisse in den einzelnen Regionen versteht und sowohl Anwendungen als auch Implementierungshilfen entsprechend gestaltet.

Analog hoffen SAPs europäische Kunden, Partner und Mitarbeiter, dass das Unternehmen trotz des Managementwechsels an der Spitze Stärke, Präsenz und Einfluss in der Region aufrechterhält, sowohl zum eigenen Vorteil als auch zum Vorteil der Kunden und der Innovationsregion Europa.

Gleichzeitig muss sich SAP zunehmend als globales Unternehmen entwickeln, das in allen Regionen seine Stärken ausspielen und entsprechend lokale Talente nutzen kann. Das gilt schon seit Längerem für die Entwicklungsabteilung und wird ab Mai nächsten Jahres auch für den Vorstand gelten.

Phil Carter ist Associate Vice President European Software Research bei IDC, einem Anbieter von Marktinformationen und Beratungsdienstleistungen auf dem Gebiet der Informationstechnologie.

Henry Morris ist Senior Vice President bei IDC und auf globaler Ebene verantwortlich für Software- und IT-Services-Research sowie für die IDC Sales- und Marketing Advisory Groups.

Über den Autor

Phil Carter, IDC

Phil Carter ist Chief Analyst bei IDC Europe.

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